„Keine Zeit für Hyperopulenz“ - Talk mit Trendscout Niels Holger Wien

Veröffentlichungsdatum: 
17.02.2020
Autor:
Judith Kern
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Niles Holger Wien, Annette Kluger und Katja Kartzsch beugen sich über einen Brillenkasten
Trendscout Niels Holger Wien (Mitte) prüft zusammen mit Annette Kluger (rechts) und Katja Kratzsch eine Brillenpräsentation.
© DOZ / Angela Mrositzki

Jeder kennt mindestens einen Trend. In Modeblättern, in der Yellow Press,  in Einrichtungszeitungen und sogar in Wirtschaftsblättern poppen sie in steter Regelmäßigkeit auf. Doch wann haben wir es mit dem „hippsten Shit vom Ponyhof“ und wann mit einem echten Trend zu tun? Niels Holger Wien gibt Impulse für die Kollektionen von Eschenbach, er kennt hier die Grenzen. Drei Fragen an den Trendscout - das vollständige Interview lesen Sie in der kommenden DOZ 03|2020.

DOZ: Die Themen Müllvermeidung und Recycling spielen in der Augenoptik zunehmend eine Rolle. Wie viel Trendpotenzial bergen sie?

Niels Holger Wien: Ein großes Feld, das wir beackern müssen, ist das Wiederbenutzen und Kreislauffähigmachen von Materialien. Recycling ist eine riesengroße Herausforderung für die Materialkultur und die Designsprache. Produkte so einfach wie möglich zu gestalten, kann helfen, sie materiell recycelbar zu machen. Produkte aus Einfachmaterialien („mono matter“) zu fertigen und technologisch so herzustellen, dass sie recycelbar sind, ist für das Design eine Zukunftsaufgabe. Daraus werden sich neue Strukturen in Herstellung, Produktion und Vertrieb ergeben.

Von welchen Styles würden Sie in diesem Jahr abraten?

Für mich ist jetzt nicht die Zeit für Hyperopulenz und Verschwendung von Materialien. Das ist gegenwärtig nicht dran. Hyperdekorativ würde bedeuten: mit Gravuren und opulenten Farben, um einen Reichtum auszudrücken. In Zeiten von Problemen wirkt Mode gerne eskapistisch, um möglichst verspielt und überbordend von der Realität abzulenken. Für mich ist das allerdings im Moment keine passende Vision.

Herr Wien, warum überhaupt brauchen die Menschen Trends?

Zunächst hängt es davon ab, wie man Trends definiert. Wenn man Trends und Tendenzen als marketinggetriebene Vervielfachung von Produkten ansieht, wie die x-te Reihe eines Turboautos, dann hat das meiner Ansicht nach nichts mit einem relevanten Trend zu tun. Wenn man aber Trends als Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen versteht, weil sich auf unserer Welt Rahmenbedingungen und damit Entwicklungsrichtungen ändern, dann können uns Trends dabei helfen, solche Entwicklungen zu verstehen und deren Auswirkungen auf unsere Lebensprozesse und Produktwelt anzuwenden. Trends und Erkenntnisse wiederum spielen für die Designer und Entwickler bei Eschenbach eine wichtige Rolle. In der Gestaltung geht es nicht nur um Formenfindung und Look, sondern zunehmend um das Feel – ein ansprechendes, besonderes Materialgefühl.


Dieses Interview stammt aus der kommenden DOZ-Ausgabe 03|2020 - erhältlich als Print- oder digitale Ausgabe im Abonnement.