Mit Brillen hin, mit Herz zurück See and Smile: Stuttgarter Augenoptiker bei Hilfsprojekt auf den Philippinen

See & Smile vor Ort

Team Kästner umgeben von Schülerinnen und Schülern der Region Subic Bay. Das Projekt „See and Smile“ führte Zahn- und Augen-Experten auf die Philippinen.

© Kästner

Erstveröffentlichung in der DOZ 10/2026

Manchmal passt eine große Leidenschaft auf wenige Zentimeter Haut. Marie-Sophie Blannarsch trägt seit November 2025 ein koreanisches Fingerherz auf dem Oberarm. Daumen und Zeigefinger kreuzen sich, als würde jemand schnippen, nur dass die Geste kein Schnippen, sondern ein Herz symbolisiert. Das Tattoo verweist auf eine Verbindung nach Asien, die für Blannarsch längst mehr ist als Reiselust. Besonders Südostasien spielt dabei eine wichtige Rolle.

Als Marie-Sophie Blannarsch, Geschäftsführerin des Augenoptikbetriebes Kästner in Stuttgart, mit einem Teil ihres Teams und zehn weiteren engagierten Helfern im November 2025 auf die Philippinen reiste, war es nicht ihr erster Hilfseinsatz vor Ort. Bereits 2011 war Blannarsch, damals noch Gesellin, mit einem Teil des Kästner-Teams und unter Projektleitung der Christoffel- Blindenmission auf einer südlicher gelegenen Insel aktiv. Das Ziel bei beiden Reisen: Menschen augenoptisch zu versorgen, die sonst kaum Zugang zu Sehhilfen haben.

Blannarsch vergaß nach ihrem ersten Besuch das Land, die Menschen und die Dankbarkeit nie. Doch die Jahre vergingen. Sie absolvierte ihren Meister, startete in die Selbstständigkeit und sammelte in einem eigenen sowie im Betrieb ihres Vaters Uwe Blannarsch unternehmerische Erfahrungen. Ein Anknüpfen an das damalige Projekt ergab sich daher lange nicht. Zwar war eine Rückkehr für 2020 geplant, doch Corona machte ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung. Im Mai 2025 wurde Blannarsch Geschäftsführerin von Kästner – und fasste das Thema Philippinen erneut ins Auge. Da die Christoffel-Blindenmission ihre Projekte auf den Philippinen zwischenzeitlich eingestellt hatte, musste ein neuer Koordinator gefunden werden, der das Archipel im Südchinesischen Meer für Sehtests für Kinder und junge Erwachsene ansteuert.

See & Smile vor Ort

Keine Berührungsängste: Die Kinder und Jugendlichen sind auf Social-Media aktiv und teilten gerne Schnappschüsse mit dem Team um Kästner.

© Kästner

Wie es der Zufall wollte, sprach ein Kunde, seines Zeichens Zahnarzt, Blannarsch auf den Verein Lotus Hilfsprogramme an. Der neben Kästner gelegene Zahnarzt Oliver Link (Kö62) fährt regelmäßig mit dem Verein auf die Philippinen, um dort zahnmedizinische Hilfe zu leisten. Er fragte, ob das Augenoptikteam nicht mitkommen wolle. „Wir haben nicht lange überlegt und gesagt: ‚Ja klar, das machen wir‘“, erinnert sich Blannarsch zurück. Die beiden Unternehmen setzten sich mit dem Verein zusammen und entwickelten das Projekt „See and Smile“ – eine Kombination aus zahnmedizinischer Versorgung und augenoptischer Untersuchung. Die Lotushilfe mit Sitz in Lich im Landkreis Gießen unterstützt unter anderem auch Brandopfer und betreibt eine Milchfarm in Subic Bay, einer Bucht auf der philippinischen Insel Luzón, etwa 100 km und drei Autostunden nordwestlich der Hauptstadt Manila. Ein Hotel in der Subic Bay war vor knapp einem Jahr dann auch der Ausgangspunkt für die erste „See and Smile“-Mission. Fünf Tage lang fuhren die Helferinnen und Helfer täglich zwei bis drei Schulen an. Das Team, ausgestatte mit einheitlichen hellbaluen Shirts, bestand aus mehreren Augenoptikern aus dem Hause Kästner, unter anderem Marie-Sophie Blannarsch und ihr Mann Florian, ihr Vater Uwe Blan arsch, ihr Bruder Nikolaus sowie dem Augenoptiker und Verkaufstrainer Martin Groß – und weiteren Kästner-nahen Personen ohne augenoptischen Hintergrund, die die Stationen rund um Screening, Datenerfassung und Organisation betreuten. „Natürlich brauchen wir Augenoptiker vor Ort, aber eben nicht ausschließlich“, sagt Marie-Sophie Blannarsch. Viele Aufgaben ließen sich nach einer guten Einweisung auch von Nicht-Augenoptikern übernehmen.

Sauna im Bus: Viel Improvisation notwendig

Der Ablauf war klar strukturiert: Zunächst wurden alle Kinder gescreent, um mögliche Auffälligkeiten zu erkennen. Anschließend folgten Datenerfassung, objektive Messung und Refraktion. Gearbeitet wurde mit mobilen Messgeräten, Messgläserkasten und Sehprobentafel – meist draußen, auf Schulhöfen oder Stadtplätzen. Geschlossene Räume standen nicht zur Verfügung. Das stellte das Team vor praktische Herausforderungen. Das mitgebrachte Messgerät benötigte eine dunkle Raumumgebung, um zuverlässige Ergebnisse zu liefern. Kurzerhand wurde ein Bus umfunktioniert und dessen Fenster abgedunkelt. Das wiederum brachte andere eher unbequeme Umstände mit sich: „Da war man quasi in der Sauna gefangen“, sagt Blannarsch in Erinnerung an das provisorisch hergerichtete Fahrzeug. Im November letzten Jahres lagen die Temperaturen bei rund 30 Grad, dazu kam eine hohe Luftfeuchtigkeit.

See & Smile vor Ort

Die Messungen fanden zum Großteil unter freiem Himmel statt. Im Bild: Augenoptiker Martin Groß an einer der Screening-Stationen.

© Kästner

Sprachliche Probleme gab es dagegen kaum. Viele Menschen vor Ort sprechen gut Englisch, erzählt Blannarsch. Herausfordernder sei vielmehr die Zurückhaltung vieler Kinder gewesen. „Die Filipinos sind eher schüchtern und sagen lieber noch einmal ja, bevor sie nein sagen“, beschreibt sie. Besonders bei den jüngeren Kindern sei die Kommunikation dadurch schwieriger gewesen. Für künftige Einsätze will sich das Team deshalb stärker auf Kinder und Jugendliche ab etwa zehn Jahren konzentrieren. Dort sei der Versorgungsbedarf größer und die Messung zuverlässiger möglich.

Insgesamt wurden in fünf Tagen mehr als 500 Menschen gescreent. Etwa 370 Kinder, Jugendliche und auch einige Lehrkräfte erhielten eine Brille. Die Fassungen hatte das Team aus Deutschland mitgebracht. Mehr als 200 Brillen stammten aus Spenden verschiedener Hersteller, darunter Mykita, Shades und Nike. Hinzu kamen neuwertige Fassungen aus dem eigenen Bestand. Zeiss stellte etwa 500 einfach entspiegelte Kunststoffgläser in verschiedenen Stärken zur Verfügung. Weitere Gläser und Fassungen wurden bei einem Augenoptiker vor Ort ergänzt. Dieser unterstützte das Team auch bei der Fertigung und übernahm das Einschleifen der Gläser. Zugute kam dem Team, dass viele der Brillen Pads hatten und individuell eingestellt werden konnten. Wichtig war Blannarsch, keine alten Fertigbrillen zu verteilen. „Wir wollen den Menschen wirklich ein individuelles Produkt vor Ort anfertigen“, sagt sie. Deshalb werden auch für künftige Einsätze vor allem neuwertige Fassungen gesucht. Alte Brillen, die „irgendj mand nicht mehr braucht“, seien nicht das Ziel des Projekts.

Kinder wollen coole große Brillen

Auffällig war für das Team, wie stark sich die Ansprüche der Kinder seit 2011 verändert haben. „Die wollen modisch cool aussehen und keine kleine Brille, sondern eine coole große Brille.“ Auch auf den Philippinen seien Modebewusstsein, Social Media und internationale Popkultur mittlerweile sehr präsent. Die Kinder hätten Smartphones, machten Fotos, suchten das Team online und reagierten begeistert auf gemeinsame Bilder. Während der vielen spontanen Foto-Aktionen mit den Kindern wurde neben dem „Peace“-Zeichen eben auch das koreanische Symbol für „Herz“ häufig gezeigt. Es ist das zu Beginn genannte Symbol, das Marie-Sophie Blannarsch zu ihrem Tattoo inspirierte und das sie sich als Erinnerung noch vor Ort auf den Arm stechen ließ.

Besonders eindrücklich ist Blannarsch ein 16-jähriges Mädchen in Erinnerung geblieben, das für die Schülerzeitung arbeitete und das Team interviewte. Das Mädchen sprach sehr souverän mit der Gruppe und betonte, dass sie selbst keine Probleme mit den Augen habe und gut sehe. Marie-Sophie Blannarsch wollte es trotzdem genau wissen und machte mit dem Mädchen einen Sehtest. Das Ergebnis ließ beide staunen: minus sechs Dioptrien. Als das Mädchen die Messbrille abnahm und der Vergleich zwischen unscharfem und korrigiertem Sehen sichtbar wurde, war sie komplett baff: „Wow, ich wusste nicht, dass man so gut sehen kann.“ Für Blannarsch ist genau das der Kern des Projekts: „Wir wollen den Kindern eine Perspektive geben. Und dafür ist gutes Sehen eine wichtige Voraussetzung.“

Ein Taifun verzögert die Weiterreise

Nicht jeder Fall ließ sich vor Ort vollständig lösen. Ein Junge mit starken Doppelbildern wurde an den lokalen Augenoptiker weiterverwiesen, der das Team unterstützte und mit einer Augenarztpraxis zusammenarbeitet. Auch ein kleines Kind mit Grauem Star auf einem Auge und einer hohen Myopie auf dem anderen fiel auf. Solche Fälle zeigen, wie wichtig lokale Partner sind. „Wir haben den Anspruch, dass die Versorgung nicht einfach endet, wenn wir abreisen“, sagt Blannarsch. Man müsse akzeptieren, dass man nicht jeden weiteren Verlauf selbst begleiten kann und die Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen aus diesem Grund so wichtig ist, betont sie.

Blannarsch von See & Smile

Kästner-Geschäftsführerin Marie-Sophie Blannarsch hat sich während ihres zweiten Philippinen-Aufenthalts das koreanische Symbol für „Herz“ auf den Oberarm tätowieren lassen, das die Kinder – neben dem bekannten „Peace“-Zeichen – überall gezeigt haben.

© DOZ / Nicole Bengeser

Die Abgabe der Brillen erlebte das deutsche Team nicht mehr vor Ort. Ein Taifun verzögerte die Verteilung und behinderte auch die Rückreise. Am Ende hätten aber alle Kinder ihre Brillen erhalten. Rückmeldungen kamen später unter anderem über Instagram. Einige Jugendliche hatten das Team über das Kästner-Logo auf den Shirts online recherchiert, um sich zu bedanken.

Emotional habe sie vor allem die Fröhlichkeit der Menschen berührt, sagt Blannarsch. Ob sie viel Armut erlebt habe? Für Blannarsch lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten: „Ich will es nicht unbedingt als Armut bezeichnen, weil unter Armut stellen wir uns immer etwas ganz Schreckliches vor. Ich würde eher sagen, die Menschen dort leben in einfachen Verhältnissen.“ Natürlich gebe es wenig Besitz und begrenzte Möglichkeiten. Entscheidend sei für sie jedoch etwas anderes gewesen: die Dankbarkeit und Lebensfreude der Menschen. „Ich bin dahin gegangen und dachte, ich gebe ihnen etwas. Aber am Ende kommt man selbst viel reicher zurück.“

Eines war daher sofort klar: Das Projekt „See and Smile“ sollte keine einmalige Aktion bleiben. Die Messkästen blieben entsprechend vor Ort und werden von der Milchfarm verwahrt. Derzeit laufen die Planungen für den nächsten Besuch im kommenden November. Einige Teammitglieder möchten wieder mitkommen, zusätzlich haben andere Kolleginnen und Kollegen aus der Augenoptik Interesse bekundet, ebenfalls das Projekt vor Ort zu unterstützen. Wer sich engagieren möchten, kann sich bei Kästner melden. Dafür ist auf deren Homepage eigens eine separate Unterseite eingerichtet worden (siehe Infokasten unten).

Für Blannarsch ist „See and Smile“ mehr als ein soziales Projekt. Es ist eine Erinnerung daran, welchen Wert gutes Sehen hat und wie viel Augenoptik bewirken kann, wenn sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird. „Es hilft sehr, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben“, betont sie. „Man merkt: Uns geht es wirklich sehr gut.“ Für sie steht deshalb fest: Das Team kommt im November zurück an die Subic Bay.

See and Smile – das Projekt
Das Hilfsprojekt „See and Smile“ verbindet zahnmedizinische Hilfe mit augenoptischer Versorgung. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche an Schulen auf den Philippinen zu untersuchen und ihnen bei Bedarf individuell angefertigte Brillen bereitzustellen – statt gebrauchte Fertigbrillen zu verteilen. Finanziert wird das Projekt über Kästner sowie Spenden. Auf der Homepage von Kästner gibt es dafür eine PayPal-Möglichkeit und eine Bankverbindung. Auch Fassungshersteller können unterstützen, vorausgesetzt, die Brillen sind neuwertig und für eine individuelle Versorgung geeignet. Fassungen für Erwachsene sind dabei ebenso hilfreich wie Kinderbrillen, da viele Jugendliche vor Ort bereits größere Modelle benötigen.

Infos über die Möglichkeiten zur Teilnahme oder der finanziellen Unterstützung finden Sie auf der Website von Kästner. 

Geschrieben von

Nicole Bengeser

Nicole Bengeser

Fachredakteurin & Augenoptikerin

Nicole Bengeser bringt als Augenoptikerin Fachwissen und als leidenschaftliche Redakteurin journalistisches Gespür zusammen. Beim DOZ-Verlag widmet sie sich mit Neugier den Trends, Debatten und Entwicklungen der Augenoptik.

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