Victor hat nach Jahren wieder bessere Aussichten „Mehrblick“-Brillensprechstunde verhilft obdachlosen Menschen zu Teilhabe

Knoke und Dobritz

Brille gefällig? Florian Dobritz und Katja Knoke haben an diesem Tag etwa 200 verschiedene Brillen für die Obdachlosen zur Auswahl. Sie liegen nach Werten sortiert in sechs Plastikboxen bereit.

© DOZ / Katharina Jansen

Erstveröffentlichung in der DOZ 07/2026.

„Der Nächste bitte“, sagt Augenoptiker Florian Dobritz mit ruhiger Stimme und lächelt einem älteren Mann in einer leicht ausgeblichenen Jacke entgegen. Der ist etwa Mitte Sechzig, ein zerschlissener, vollgepackter Rucksack hängt lose über seiner Schulter. Langsam schlurft er an Dobritz vorbei und nimmt auf einem schwarzen Stuhl Platz. Unsicher wie ein Schüler am ersten Schultag blickt sich der Mann um, scannt den Raum. Es scheint, als wolle er sich vergewissern, dass er hier wirklich willkommen ist. Erst als er zahlreiche Brillen in durchsichtigen Kisten entdeckt, wird ihm klar, dass er hier Unterstützung erwarten kann, und er fasst allmählich Vertrauen. „Früher hatte ich mal eine Brille. Aber vor ein paar Jahren habe ich sie verloren“, erzählt er leise. „Ich habe gehört, dass Sie Brillen haben. Wenn Sie eine für mich übrighaben, dann würde ich sie nehmen.“

Direkte Hilfe ohne Papierkram und ohne Ausweispflicht

Brillen haben Katja Knoke und Florian Dobritz genug – rund 200 Stück, sortiert nach Sehstärke, in sechs transparenten Boxen auf zusammengestellten Tischen. Die beiden Augenoptiker arbeiten normalerweise bei Kind (Dobritz) und Becker + Flöge (Knoke). Einmal im Monat führen sie ehrenamtlich in der Caritas-­Straßenambulanz am Leibnizufer in Hannover für die Organisation Mehrblick, die obdachlose Menschen mit Brillen versorgt, eine Brillen­sprechstunde durch. An diesem Tag ist Victor – so stellt sich der Mann mit dem zerschlissenen Rucksack vor – der zweite Besucher der Sprechstunde. Ob das sein richtiger Name ist, wissen die beiden nicht, es spielt aber auch keine Rolle. „Uns ist wichtig, ein möglichst niedrigschwelliges Angebot zu schaffen“, erklärt Katja Knoke. Persönliche Daten werden von Besuchern der Sprechstunde nicht erhoben, Ausweise müssen nicht vorgezeigt werden. 

Viele hätten in der Vergangenheit oftmals schlechte Erfahrungen mit Ämtern und Formularen gemacht – deshalb soll die Hemmschwelle so niedrig wie möglich gehalten werden und die Hilfe unmittelbar vor Ort erfolgen. „Wir fragen nur nach dem Namen, damit wir die Menschen während der Brillenberatung persönlich ansprechen können.“

Weiter geht es mit der Bestimmung der Sehstärke. Während Victor in das mobile Autorefraktometer blickt und das Gerät leise vor sich hin surrt, erklärt Dobritz: „Anfangs haben wir ausschließlich mit der Messbrille gearbeitet, aber mit dem mobilen Autorefraktometer geht es viel schneller. So können wir in kurzer Zeit deutlich mehr Menschen versorgen“. In der Regel seien es zwölf bis sechzehn Bedürftige, die in der zweistündigen Brillensprechstunde grundversorgt werden. Der klassische Messbrillenkasten steht zwar noch griffbereit, wird aber inzwischen nur selten benutzt. „Meist reichen die Werte aus dem Autorefraktometer völlig aus.“

Mehrblick Collage

Augenoptische Versorgung in einem funktional eingerichteten Raum der Caritas-Straßenambulanz: Während Augenoptiker Florian Dobritz mit einem mobilen Autorefraktometer die Werte ermittelt (links) oder die Obdachlosen Buchstaben von der Sehprobentafel vorlesen lässt, organisiert Katja Knoke die Brillenabgabe. (Rechts) Leseprobe: Victor prüft, wie er mit der neuen Brille zurechtkommt.

© DOZ / Katharina Jansen

Brillensuche wie ein Memoryspiel

Ein leises Piepen des Autorefraktometers signalisiert, dass die Messung abgeschlossen ist. Der kleine Drucker spuckt einen schmalen Bon aus, auf dem Victors Messwerte stehen. Jetzt übernimmt Knoke. Geübt liest sie die Zahlen, dreht sich um und steuert zielstrebig eine transparente Kunststoffkiste mit der Aufschrift „+1 bis +3“ an. Darin liegen Dutzende Tütchen mit Brillen und Zetteln, auf denen die Brillenmesswerte stehen. Wie bei einem Memoryspiel zieht sie ein Tütchen nach dem anderen heraus, vergleicht die Werte und legt sie wieder zurück, bis sie den passenden Partner zu den Messwerten findet – sprich: eine Brille mit ähnlichen Werten wie denen von Victor. „Probieren Sie diese mal“, sagt sie schließlich zu Victor und reicht ihm eine dunkle Acetatfassung, die dieser ohne  Zögern ausprobiert. „Manchmal haben wir mehrere Brillen, die passen könnten, manchmal ist es nur eine, die wir den Obdachlosen anbieten können“, erklärt die Augenoptikerin.

Und wenn sich vor Ort keine passende Brille findet? Dann schicken die beiden eine Anfrage nach Hamburg. Dort verwaltet Mehrblick-Gründerin Christiane Faude-Großmann ein Lager mit rund tausend gespendeten Brillen. Ist dort das geeignete Modell dabei, geht dieses auf die Reise und wird dem Obdachlosen beim nächsten Besuch in der Obdachloseneinrichtung übergeben. In der Regel holen die Betroffenen ihre bestellten Brillen in der Caritas-Ambulanz auch ab, aber „manche Menschen tauchen einfach nicht wieder in der Einrichtung auf“. Und dann waren sämtliche Bemühungen vergebens. 

Dass es diese Hilfe für Obdachlose überhaupt gibt, ist dem Engagement von Christiane Faude-Großmann zu verdanken. 2016 gründete sie die gemeinnützige Organisation „Mehrblick – Brillen für Obdachlose und Bedürftige“. Die heute 58-Jährige wechselte damals von der Wirtschaft ins Fundraising des Diakonischen Werks Hamburg. Um die Lebensrealität der Menschen auf der Straße besser zu verstehen, begleitete sie mehrfach den Mitternachtsbus durch Hamburg – ein Bus, der nachts heiße Getränke, Brot und Kleidung an Obdachlose verteilt. „Ich habe gemerkt: Es gibt medizinische Angebote, aber keine Hilfe, wenn jemand seine Brille verliert“, erzählt Faude-­Großmann, die selbst seit ihrer Schulzeit eine Sehhilfe trägt und weiß, wie wichtig gutes Sehen für gesellschaftliche Teilhabe ist. Ihr Credo: „Wer nicht gut sieht, hat es schwer, Anträge auszufüllen, Gespräche zu führen – geschweige denn, einen Job zu bekommen.“

Zunächst sammelte sie Brillen im Freundeskreis, dann entwickelte sie ein Konzept und suchte Augenoptiker, die bei der Anpassung helfen. Das Problem: Viele wollten nur perfekt angepasste Brillen abgeben. Faude-Großmann verfolgt stattdessen einen pragmatischen Ansatz: „Eine Brille, die zu 80 Prozent passt, ist immer noch besser als keine.“ Alle Brillen, die weitergegeben werden, stammen aus Spenden und sind kostenlos. Meist handelt es sich um Fern- oder Lesebrillen, mit und ohne Zylinder. Gleitsichtbrillen werden nur selten angenommen, da ihre Werte zu individuell sind. Alle Brillen werden in Hamburg von Mehrblick gesäubert und ausgemessen. Unterstützt wird die Organisation mittlerweile von 41 Ehrenamtlichen an acht Standorten in Deutschland.

Christian Faude-Großmann

„Wer hilft, wenn ein obdachloser Mensch seine Brille verliert?“, fragte sich Christiane Faude-Großmann – und erfand Mehrblick.

© Elfriede Liebenow Fotografie

Wer helfen will, muss sich freinehmen

„Unsere Brillensprechstunden finden in den Räumen sozialer Einrichtungen statt. Wir müssen die Termine nehmen, wenn dort freie Raumkapazitäten sind – meistens während der Arbeitszeiten der Augenoptiker“, erklärt Faude-Großmann. Das bedeutet: Wer helfen will, muss sich in der Regel freinehmen. Doch das lässt sich nicht immer einrichten – und so stehen oft nur wenige Ehrenamtliche für einen Termin zur Verfügung. „Es gibt aber ein paar Chefs, die ihre Mitarbeiter für die Brillensprechstunde freistellen.“

Nicht nur die Organisation der Termine ist anspruchsvoll – auch die Zielgruppe bringt besondere Herausforderungen mit sich. „Kindern und Tieren helfen die Menschen gern. Bei Obdachlosen gibt es leider oft Vorurteile – die aber in den allermeisten Fällen völlig unbegründet sind“, sagt sie. Dennoch halte es manchen vom Helfen ab, dabei sei der Bedarf groß. Laut aktuellem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung lebten 2024 in Deutschland insgesamt 531.601 Menschen ohne eigene Wohnung – Tendenz steigend.

Dankbarkeit für jede Brille

Zurück zur Brillensprechstunde in Hannover, bei der der Obdachlose Victor von den beiden Augenoptikern Florian Dobritz und Katja Knoke eine kostenlose Brille erhält. Er prüft den Sitz der Sehhilfe, blinzelt und liest die Sehzeichen, die ihm Dobritz an der Sehtafel zeigt. Alles fehlerfrei. Zufriedenheit breitet sich in seinem Gesicht aus – und in dem der beiden Augenoptiker. Als Knoke ihm einen Spiegel reichen will, verzichtet er: „Hauptsache, ich kann wieder gut sehen.“ Anders als Kundinnen und Kunden im Laden interessiert ihn der modische Aspekt nicht; stattdessen schultert er seinen Rucksack und verlässt lächelnd mit einem fast gehauchten „Danke, dass es euch gibt“ den Raum.

An diesem Nachmittag erhalten fünfzehn weitere obdachlose Menschen eine Brille, darunter zwei Frauen; die meisten sind Männer mittleren Alters. Jede Beratung dauert im Schnitt knapp sieben Minuten. Da einige Besucher sowohl eine Fern- als auch eine Lesebrille bekommen, finden an diesem Nachmittag insgesamt 23 Brillen neue Besitzer. Am Ende der zweistündigen Sprechstunde sind Katja Knoke und Florian Dobritz sichtlich erschöpft. Die Gespräche, die Brillenanpassungen und vor allem die kleinen Gesten der Obdachlosen hinterlassen emotionale Spuren. „Die Atmosphäre im Raum bleibt mir noch tagelang im Gedächtnis“, sagt Knoke. Zudem würden manchmal Tränen der Dankbarkeit fließen oder es gäbe spontane Umarmungen. Aggression oder Gereiztheit haben die beiden in den vergangenen drei Jahren noch nie erlebt. Was aber auch daran liegt, dass die Mitarbeitenden der Caritas Straßenambulanz immer ein Auge darauf haben, wer die Brillensprechstunde besucht.

Mittlerweile ist die Luft im Raum stickig, es riecht nach dem Desinfektionsmittel, mit dem das Autorefraktometer nach jedem Einsatz gereinigt wurde. Behutsam stapeln die beiden Augenoptiker die durchsichtigen Kisten mit den Brillen auf einer Sackkarre, verstauen das Autorefraktometer in einer Tasche und bringen alles zum Auto. Bis zur nächsten Sprechstunde werden die Brillen und das Equipment bei einem Augenoptiker zwischengelagert. In vier Wochen kehren die beiden wieder in die Straßenambulanz der Caritas am Leibniz­ufer zurück – dann werden, ähnlich wie Victor, erneut zahlreiche Obdachlose auf dem schwarzen Stuhl Platz nehmen und eine neue Brille bekommen.

Das ist Mehrblick – Brillen für Obdachlose und Bedürftige

•  Die gemeinnützige Organisation Mehrblick wurde 2016 von Christiane Faude-Großmann gegründet. Mittlerweile werden regelmäßig Brillensprechstunden im Obdachloseneinrichtungen in Hamburg, Lüneburg, Neumünster, Kiel, Hannover, Bremen, Berlin und Mainz angeboten. 
•  Eine Gruppe von 41 Ehrenamtlichen begleitet die Sprechstunden an den verschiedenen Standorten. 
•  Mehrblick sucht weitere Ehrenamtliche, aber auch Spenden, um die Geräte und Miete für die Lagerräume zu finanzieren. Kontakt: Mail info@mehrblick-hilft-sehen.de

Geschrieben von

Katharina Jansen

Katharina Jansen

Redakteurin

Katharina Jansen erzählt am liebsten von Menschen – direkt, lebendig, mitten aus dem Leben. Sie bringt Porträts und Reportagen zum Blühen, mit Gespür fürs Detail und einem Blick für das Unerwartete.

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