Konzert als Netzwerkformat "Klang & Klarblick“: Kulturevent im Visuellen Kompetenz Zentrum Otto

Konzert bei Otto Visuelles Kompetenzzentrum

Die Popband Marylin Harvest (bestehend aus Sängerin Nele und Allround-Musiker Luca) trat Anfang November mit einem Privatkonzert im Augenoptikbetrieb von Regina Otto auf. Etliche Kunden kamen als Gäste.

© SylwesterPawliczek

Erstveröffentlichung in der DOZ 02/26

Als André Schäding am 7. November vorigen Jahres den Augenoptikbetrieb „Visuelles Kompetenz Zentrum” im nordhessischen Eschwege betrat, war alles anders als gewohnt. Es war kurz nach sieben an diesem Freitagabend, sonst ist der Laden um diese Zeit bereits geschlossen. Doch an diesem Tag hatte er sich in eine Kulturlocation verwandelt: Wo Schäding sonst vor allem Brillen sah, war es hübsch dekoriert und in warmes Partylicht getaucht. Der Empfangstresen war zur Getränkebar umfunktioniert, daneben eine kleine Bühne mit Musikinstrumenten aufgebaut. Mit pinken Blumen bestückte Bartische luden zum gemütlichen Beisammensein ein. Auch für das leibliche Wohl war in Form von Snacks gesorgt.

„Alles war ganz toll gemacht und als ich ankam, waren auch schon viele Leute da“, erinnert sich der 57-Jährige. Als er über Social Media erfahren hatte, dass an diesem Abend die Band „Marilyn Harvest“ in Ottos Betriebsstätte auftreten würde, kostenlos obendrein, hatte er sich riesig gefreut. „Es passt auch perfekt zu meinem Musikgeschmack. Eine großartige Stimme und ganz tolle Texte.“ Die Kasseler Newcomerband – mit Sängerin Nele und Allround-Musiker Luca – spielt sogenannten Indie Dream Pop mit Chanson-Elementen. Einige ihrer Titel kannte André Schäding bereits. 

Livemusik, wo sonst Refraktionen und Sehberatung stattfinden … Ein wenig ungewöhnlich fühlte es sich wohl für einige an. Zunächst sei die Stimmung noch etwas verhalten gewesen. „Aber das hat schnell nachgelassen, schon nach dem ersten Applaus für die beiden“, berichtet André Schäding. „Auch weil es keine Sitzplätze gab, so dass wir alle gestanden haben vor der Bühne. Viele haben sich rhythmisch bewegt, teilweise mitgesungen. Es war total schön!“ Völlig ausgeblendet sei die Augenoptik dabei keineswegs gewesen. Die für diesen Anlass mit transparenter Folie geschützten Brillenfassungen präsentierten sich nun einmal wörtlich in völlig anderem Licht – in dem der Showscheinwerfer. Gerade diese Kombination habe ihm gut gefallen.

Glückliche Kunden beim gemütlichen Beisammensein

Gut anderthalb Stunden spielten Marilyn Harvest für die 65 anwesenden Gäste, darunter etliche, die sich vom Sehen her kannten. Vor und nach dem Konzert sowie in einer Pause war genügend Zeit, um sich miteinander zu unterhalten. Themen für Smalltalk fanden sich einerseits, weil viele Musikbegeisterte gekommen waren. Vor allem aber angesichts der besonderen Location und weil viele als Kunden von Regina Otto etwas gemeinsam hatten. Mit Sätzen wie „Sie tragen ja auch eine schöne Brille, bestimmt hier gekauft?“ kam man locker ins Gespräch. 

Die Augenoptikermeisterin hat ihr Anfang 2022 eröffnetes Geschäft aus gutem Grund „Visuelles Kompetenz Zentrum Otto“ getauft und wirbt mit „gesundheitsorientierter Screening-Kompetenz“. So hat sich in der Region bereits herumgesprochen, dass sie und ihre beiden Mitarbeiterinnen mehr bieten als Sehtests, konkret etwa auch Netzhaut-Checks und Hornhautanalysen Augeninnendruck-Messung sowie Behandlungen bei Trockenem Auge. Mit Augenärzten arbeitet die 43-Jährige eng zusammen.

Um diese Themen drehten sich einige Gespräche an diesem Kulturabend, das fiel André Schäding auf. „Viele sagten, dass sie sehr zufrieden sind mit der Analyse ihrer Augen, mit ihrer Brille, mit der Beratung von Frau Otto und ihrem Team. Auch weil hier mit Gerätschaften gearbeitet wird, die andere Augenoptiker oft gar nicht haben und Kunden zum Beispiel auch einen Hinweis bei Verdacht auf Grauen Star bekommen.“ Er selbst findet die Beratung „wirklich sensationell“. Seit einem Jahr ist er hier Kunde, das Eschweger Kompetenz Zentrum war ihm empfohlen worden. „Zuvor hatte ich meine Brille bei einem der großen Filialisten machen lassen und war nicht ganz zufrieden.“ Das hatte vor allem mit seinen beruflichen Anforderungen zu tun: „Weil ich als Fotograf arbeite und dabei auch oft am Rechner sitze, muss ich in all diesen Situationen sehr gut sehen können.“

Gespräche beim Event Klang und Klarblick

Man weiß nicht, ob Andre Schäding mit Regina Otto hier gerade über Musik oder über Brillenmode smalltalkt. Man weiß aber, dass er sich wie die anderen Besucher des Popkonzerts im Visuellen Kompetenz Zentrum gut unterhalten hat.

© Sylwester Pawliczek

Bei Regina Otto passt es nun perfekt für ihn. Deswegen folgt André Schäding dem Geschäft auch auf Instagram und hatte so von dem Kulturevent erfahren. Mit dem Titel „Wenn Sehen zur Erfahrung wird – Musik im Optiker“ war es angekündigt worden und bildete den Auftakt für weitere Events der Veranstaltungsreihe „Klang & Klarblick“. Beworben werden diese auf den Social-Media-Kanälen der Geschäfts mit Botschaften wie: „Sehkomfort trifft auf Lebensfreude, regionale Künstlerinnen und Künstler vereint mit optischem Handwerk.“ „Einen Ort schaffen, an dem nicht nur beraten wird, sondern auch Begegnung und Austausch möglich sind. An dem man nicht nur besser sieht, sondern auch gesehen wird.“

Es steckt zudem Leidenschaft für Kultur dahinter; wohl auch deswegen wurde schon der erste Abend ein voller Erfolg. Die Chefin ist genauso musikbegeistert wie ihre Mitarbeiterinnen Stefanie Büchner und Emely Schnitzer. „Deswegen hatten wir uns auf diesen Abend schon sehr gefreut und auch beschlossen, dass weitere Events folgen werden“, sagt Regina Otto. Marilyn Harvest hatte sie einmal bei einem Konzert in Kassel gesehen. Angetan davon, ging sie auf die beiden zu: Ob sie sich vorstellen könnten, bei ihr im Laden aufzutreten? Bald darauf traf man sich genau dort zu einem Vorgespräch. Sängerin Nele und Musiker Luca schauten sich alles an, um einschätzen zu können, ob die Location für sie passen würde. Als es um die Frage der Akustik ging – konkret fürchtete man einen Nachhall der Drums in den Betriebsräumen – fand sich eine Lösung. „Bei dieser ersten Veranstaltung haben wir auf ein Schlagzeug verzichtet, das war für die Band kein Problem“, erklärt die Geschäftsführerin.

Auch alles Weitere, was für den geplanten Kulturabend nötig war, kam über lokale Kontakte zustande. Für die Getränke – Bier und Limonade – konnte Regina Otto eine familiengeführte Brauerei aus der Region als Partner gewinnen. Das Abmischen der Musik übernahm ein befreundeter Tontechniker, der auch das notwendige technische Equipment stellte. Beide Partner hatte sie bei früheren Netzwerkabenden kennengelernt.

Mitarbeiterinnen von Regina Otto

Chefin Regina Otto (l.) ist genauso musikbegeistert wie ihre Mitarbeiterinnen Emely Schnitzer und Stefanie Büchner. „Deswegen haben wir uns auf diesen Abend so gefreut.“

© Sylwester Pawliczek

Netzwerken für Otto wichtig

Letztlich kommt es immer auf Netzwerke an – mit diesem Leitsatz führt Regina Otto ihr Geschäft auch, wenn es um Fachspezifisches geht. So pflegt sie Kontakte im Bereich Gesundheit und Prävention, lädt beispielsweise mal einen Arzt für einen Vortrag ein. Um potenzielle Partner(-firmen) kennenzulernen, auch branchenübergreifend, besucht sie gern Netzwerkabende und ähnliche Veranstaltungen in ihrer Region. „So etwas bietet bei uns regelmäßig eine Social-Media-Agentur an oder hin und wieder die Sparkasse. Da kommt von Industrie bis Gastronomie alles zusammen.“ Wer Lust hat, meldet sich per freier Liste an und ist dabei. Gerade kleinere Unternehmen sollten sich regional gegenseitig wahrnehmen, davon ist Regina Otto aus Erfahrung überzeugt.

Eins gab es noch zu bedenken: Ein Augenoptikgeschäft ist kein Gastronomiebetrieb, der wiederum entsprechende Auflagen zu erfüllen hat. Ein Konzert zu veranstalten, bei dem jeder spontan hereinspazieren könnte wie in einer Bar, davon sah sie deswegen ab. Die Lösung war ganz einfach: Es wurde eine geschlossene Gesellschaft, an der alle teilhaben konnten, die sich zuvor (kostenlos) angemeldet hatten. So gab es am Abend selber eine Einlasskontrolle inklusive Bändchen am Handgelenk.

Raum von Visuelles Kompetenzzentrum Otto in Partylicht

Hübsch dekoriert und in warmes Partylicht getaucht: Wo sich Kunden sonst in Fragen des guten Sehens beraten lassen, warteten an diesem Novemberabend fast 70 Gäste auf den Konzertbeginn.

© Sylwester Pawliczek

Für die Planung der Veranstaltung nutzte Regina Otto die Online-Plattform „Eventbrite“. Wer dabei sein wollte – egal, ob Kunde ihres Geschäfts oder nicht –, konnte sich dort mit Namen anmelden. „Für die Erstveranstaltung haben wir diese Gästeliste auf 100 Plätze begrenzt, um erst mal zu sehen, wie es hinkommt.“ Beworben wurde das Kulturevent über Social-Media- Kanäle, Flyer sowie Plakate auf dem Passantenstopper vor ihrem Geschäft. Wer mochte, konnte dabei direkt einen QR-Code einscannen und gelangte so zur Anmeldeplattform.

So konnte Regina Otto mit vergleichsweise wenig Aufwand das erste „Klang & Klarblick“-Event organisieren. Investiert hat sie insgesamt ungefähr 1.300 Euro, komplett für alles von den Getränken bis hin zur Werbung. „Für eine Marketingkampagne, die dies letztlich natürlich auch ist, finde ich das völlig überschaubar.“ Zumal nun, nach dem gelungenen Start der Veranstaltungsreihe, die Mund-zu-Mund-Propaganda einiges für das Image des Geschäfts beitragen dürfte.

„1.300 Euro komplett für alles – das ist für eine Marketingkampagne ein überschaubarer Betrag“

Schon am Abend des 7. November, als das Kulturevent um 22 Uhr endete, seien Gäste auf sie und ihre Kolleginnen zugekommen mit Worten wie „Das war so super! Wir kommen auf jeden Fall auch beim nächsten Mal und bringen dann noch Freunde mit.“ Am folgenden Tag trudelten die ersten Online-Kommentare ein, ebenso begeistert: „Wir hoffen, dass es so etwas nun öfter geben wird“, so oder so ähnlich hätten sich gleich mehrere geäußert.

Dieses Feedback bestärkt die drei Sehexpertinnen vom Visuellen Kompetenz Zentrum Otto genauso, wie der Spaß, den sie alle selbst bei der ganzen Sache hatten – und wohl auch weiterhin haben werden. Der Geschäftsführerin bleibt ein Moment ganz besonders in Erinnerung: Als die Band schon alles abgebaut hatte und sie sich von ihr verabschiedeten, umarmten die beiden Musiker Regina Otto, bedankten sich für den wunderschönen Abend und dafür, dass sie dort spielen durften. „Das war etwas ganz Besonderes für mich, weil ich Marilyn Harvest zuvor selbst nur als Konzertgast auf der Bühne gesehen hatte und wir uns kaum kannten.“ So war es in jeder Hinsicht ein Abend der Begegnungen, wie sie es sich gewünscht hatte.

„Sich wohlfühlen am POS“ als Grundidee

Für die nächsten Events gibt es auch schon einige Ideen, bisher sind drei Veranstaltungen im Gespräch für das Jahr 2026. „Einmal wieder mit Liveband, dieses Mal wohl mit fünf, sechs Musikern. Ebenfalls gut passenwürde zum Beispiel ein Auftritt mit Live-Vinyl, bei dem also ein DJ mit originalen Schallplatten mischt.“ 

Auch in eher ländlichen Regionen könne eine Augenoptikerin „mehr machen als klassisch Brillen und Kontaktlinsen anzubieten“, diese treibende Idee steckt mit hinter alldem und prägt seit Anbeginn des Kompetenzzentrums auch ihren betrieblichen Alltag. Wer dort zum Beispiel seine Brille abholt, kann es sich in einer extra eingerichteten Sitzecke gemütlich machen und bekommt zudem einen kleinen Snack überreicht. „Bei uns kann man sich auch entspannen und sich wohlfühlen – aus dieser Idee heraus ist wiederum auch Klang & Klarblick entstanden.“

Geschrieben von

Christine Lendt

Christine Lendt

Journalistin

Christine Lendt ist freie Journalistin und Fachautorin mit Schwerpunkt auf Ausbildung, Karriere und Arbeitsschutz. Sie interviewt regelmäßig Fachleute aus der Augenoptik und setzt relevante Themen um.

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