Kontinuität als strategischer Erfolgsfaktor Götti sechs Monate nach der Übernahme durch die AKN Group
30.01.2026
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Rosario Toscano (li.) und Sven Götti arbeiten eng zusammen. „Wir sind in der Lage, die Dinge langsam und klug anzugehen und nicht zu viele Projekte
auf einmal in Angriff zu nehmen“, sagt der AKN-Chef Toscano.
Erstveröffentlichung in der DOZ 02/2026.
Als die AKN Group im Sommer 2025 die Übernahme von Götti Switzerland bekanntgab, war die Resonanz in der augenoptischen Branche entsprechend groß – und stellenweise mit Skepsis verbunden. Im damaligen Interview (DOZ 7/25) betonten Sven Götti und Rosario Toscano als CEO von AKN jedoch übereinstimmend, dass es nicht um eine Angleichung von Marken, sondern um langfristige Stabilität, Nachfolge und Weiterentwicklung gehe. Ein halbes Jahr später erlaubt das Anschlussinterview eine differenziertere Einordnung. Die erste Phase nach der Übernahme war weniger von sichtbaren Veränderungen geprägt, vielmehr von struktureller und kultureller Feinjustierung. Götti ist nicht schneller geworden, nicht modischer, nicht schriller – und genau darin liegt die eigentliche Aussage.
Für Sven Götti selbst war der Schritt zur AKN Group nicht als klassischer Exit gedacht. Vielmehr beschreibt er ihn als bewusste Weichenstellung für die Zukunft des Unternehmens. „Für mich war es vor allem eine Entscheidung, das Unternehmen langfristig gut aufzustellen“, sagt Götti. Ausschlaggebend sei dabei nicht zuletzt das bestehende Team gewesen, das über Jahre hinweg gewachsen ist. Anstatt externe Führungskräfte einzusetzen oder Strukturen radikal zu verändern, wurde bewusst auf interne Verantwortung gesetzt. Sven Götti zieht sich schrittweise aus dem operativen Tagesgeschäft zurück, bleibt dem Unternehmen aber eng verbunden. Der Übergang sei auf ein bis zwei Jahre angelegt – bewusst ohne Bruch, sondern als organischer Prozess. Diese Form der Übergabe folgt einer klaren Logik: Stabilität nach innen, Verlässlichkeit nach außen. Für Fachhandelspartner, Lieferanten und Mitarbeitende bleibt die Marke damit berechenbar – ein nicht zu unterschätzender Faktor in einem zunehmend volatilen Marktumfeld.
Die neue Konstellation erlaubt Sven Götti eine stärkere Fokussierung auf jene Bereiche, die die Marke seit jeher geprägt haben: Produktentwicklung, Design und Materialinnovation. Während das Managementteam operative Verantwortung übernimmt, widmet sich Götti verstärkt der kreativen und konzeptionellen Arbeit. „Das Produkt stand während meiner gesamten Karriere immer im Mittelpunkt“, betont er. Und daran habe sich nichts geändert. Vielmehr eröffne die neue Struktur die Möglichkeit, sich noch intensiver mit Entwicklungsprozessen zu befassen – jenseits administrativer Zwänge.
Bewusst gegenläufig zum Trend der Beschleunigung
In einer Branche, die zunehmend von verkürzten Entwicklungszyklen und permanenten Produkt-Updates geprägt ist, bleibt Götti seiner eigenen Logik treu. „Ich arbeite nicht mehr von Messe zu Messe“, sagt er. „Neue Modelle entstehen kontinuierlich, unabhängig von festen Präsentationsterminen.“ Zweimal im Jahr werden Kollektionen vorgestellt, jeweils mit rund 25 neuen Modellen aus unterschiedlichen Materialien. Parallel dazu laufen im Hintergrund weitere Entwicklungsprojekte. Für die Präsentation auf Messen werden jene Fassungen ausgewählt, die in gestalterischer, technischer und funktionaler Hinsicht überzeugen. Diese Haltung ist bewusst gegenläufig zum Trend der Beschleunigung.
Geschwindigkeit ist kein Wert an sich. „Man muss nicht der Erste sein – man muss der Beste sein“, erklärt der Schweizer. Ein Satz, der die Ausrichtung der Marke prägnant zusammenfasst.
Ein konkretes Beispiel für diese Philosophie ist die neue High-End-Acetatlinie „Haute Contour“, die im Januar auf der Opti Premiere gefeiert hat. Die Kollektion greift klassische Linien auf, interpretiert sie jedoch mit modernen Fertigungstechniken und präziser Materialbearbeitung neu. Die Umsetzung sei technisch aufwendig gewesen und habe eine enge Abstimmung mit den Produktionspartnern erfordert. Das Ergebnis ist bewusst zeitlos – nicht als nostalgische Geste, sondern als Statement gegen kurzlebige Trends. Eine Kollektion, die nicht laut sein will, sondern Bestand haben soll.
Die neue Linie „Haute Contour“ von Götti Switzerland soll eine Verbindung zwischen Alltag und Luxuswelt schaffen. Im Bild: das Haute-Contour-Modell „Hover“.
Ein zentrales Differenzierungsmerkmal von Götti bleibt die Nähe zur Fertigung. Der Standort Wädenswil wurde zuletzt um rund 300 Quadratmeter erweitert. Insbesondere in den Bereichen Prototyping und 3D-Technologie wurde investiert. Drei interne 3D-Drucksysteme sowie mehrere externe Partner ermöglichen schnelle Iterationen und präzise Anpassungen. Gleichzeitig zeigt sich das Unternehmen bewusst zurückhaltend gegenüber Technologien, die den eigenen Qualitätsansprüchen noch nicht genügen. Transparente 3D-Komponenten etwa seien technisch möglich, aktuell jedoch nicht überzeugend genug. Auch bei Materialien bleibt Götti konsequent. Titanfassungen werden weiterhin bei einem spezialisierten japanischen Hersteller produziert. „Titanfassungen sind bei unserem japanischen Partner nach wie vor am besten aufgehoben“, befindet Götti. Qualität und Know-how stehen hier klar über Fragen der Eigenfertigung.
AKN Group: Wachstum mit Respekt vor der Marke
Für Rosario Toscano liegt genau in dieser Konsequenz der Wert der Partnerschaft. „Unsere Aufgabe ist es, die Marke zu stärken, ohne ihre DNA zu verändern“, sagt der CEO der AKN Group. Integration bedeute nicht Gleichschaltung, sondern Effizienz in jenen Bereichen, die keinen Einfluss auf die Markenidentität haben. Konkret betrifft dies Themen wie Logistik, IT, Lieferkette oder langfristig auch bestimmte Entwicklungsprozesse. Maßnahmen, die schrittweise umgesetzt werden sollen und für 2027 in größerem Umfang geplant sind. Design, Kommunikation und Markenführung bleiben davon bewusst unberührt. Toscano hebt insbesondere die Unternehmenskultur bei Götti hervor. „Die größte Stärke von Götti Switzerland ist neben dem Produkt die Kultur innerhalb der Organisation.“ Diese sei über mehr als zwei Jahrzehnte gewachsen und sowohl intern als auch extern spürbar. Ein Wert, der sich nicht kopieren lasse – und deshalb geschützt werden müsse. Innerhalb der AKN Group wird diese Ausrichtung bewusst gelebt.
Während Götti auf Kontinuität, Tiefe und langfristige Produktentwicklung setzt, verfolgt die Marke Akoni eine deutlich dynamischere Marktstrategie. Limited Editions und thematische Kapselkollektionen sorgen für ganzjährige Präsenz. Balmain als Lizenzmarke setzt den luxuriösen modischen Peak. Für Toscano liegt darin kein Widerspruch, sondern ein strategischer Vorteil. Die Marken bedienen unterschiedliche Zielgruppen, Preispositionierungen und Erwartungshaltungen – ohne sich gegenseitig zu kannibalisieren.
Mit Blick auf die kommenden Jahre formulieren Sven Götti und Rosario Toscano klare Wachstumsambitionen. Neben der starken Position in der Schweiz und in Deutschland sollen insbesondere die USA sowie asiatische Märkte weiter erschlossen werden. AKN bringt dafür bestehende Vertriebsstrukturen und Marktzugänge ein. Entscheidend ist dabei, dass Internationalisierung nicht mit inhaltlicher Anpassung verwechselt wird. „Götti ist klar schweizerisch“, sagt Götti. „Eleganz, Zurückhaltung, höchste Qualität – das ist unsere Mentalität.“ Dass diese Haltung international anschlussfähig ist, zeigen andere Schweizer Luxusmarken, die ihre Herkunft als Qualitätsversprechen verstehen.
Sechs Monate nach der Übernahme wird deutlich, dass Götti seinen Weg unbeirrt fortsetzt. Die Marke nutzt die neue Struktur nicht für kurzfristige Effekte, sondern zur langfristigen Absicherung dessen, was sie stark gemacht hat. Die AKN Group wiederum zeigt, dass gruppengetriebenes Wachstum auch ohne Vereinheitlichung funktionieren kann. Für die augenoptische Branche ist das ein Signal in einem Umfeld zunehmender Zusammenschlüsse.