Wachstum und Expansion bei Augenoptikbetrieben „Die optimale Betriebsgröße hängt von der Strategie ab“

Betriebsgröße

Die Strategie entscheidet, welche Betriebsgröße die richtige ist. Für manche ist ein einzelner Standort ideal, andere gehen bewusst den Schritt hin zu mehreren Geschäften.

© Adobe Stock / ani (KI-generiert)

Erstveröffentlichung in der DOZ 03/26

DOZ: Herr Professor Quelle, gibt es so etwas wie die optimale Betriebsgröße – allgemein im Handwerk und ganz speziell auch für einen Augenoptikbetrieb?
Guido Quelle: Hier wäre zunächst zu klären, worauf sich der Begriff der „Betriebsgröße“ beziehen soll: Ist die Fläche gemeint, der Umsatz, das Personal, die Anzahl der Produkte und Dienstleistungen oder die Zahl der Kunden? Schon allein, weil viele Einflussfaktoren oder betriebswirtschaftliche Kennzahlen eine Rolle spielen, lässt sich hierzu unserer Erfahrung nach kein pauschaler Wert benennen oder errechnen. Diese Frage lässt sich grundsätzlich nur dann angemessen beantworten, wenn sich die Geschäftsleitung über ihre Strategie und ihre persönlichen Ziele im Klaren ist: Möchte ich als Augenoptikermeister dieses Handwerk weiter ausüben, selbst operativ und möglichst viel mit den Kunden arbeiten, weil es meine Leidenschaft ist? Dies lässt sich in einem kleinen Betrieb eher umsetzen. Oder möchte ich ein Unternehmen entstehen lassen, das besonders viele Brillen verschiedener Marken verkauft oder als Sehzentrum ein erweitertes Angebot bietet – und nehme dafür in Kauf, dass ich eine andere Rolle einnehme und vor allem andere Aufgaben habe als die ursprünglich gelernten.

Wer ein Unternehmen führt, stellt sich doch grundsätzlich darauf ein, auch betriebswirtschaftliche Aufgaben zu übernehmen – etwa im Einkauf, im Marketing oder in der Buchführung …
Sicher, doch je größer das Unternehmen ist oder wird, desto mehr Gewicht bekommen diese Aufgaben und desto mehr Zeit und zusätzliche Führungskräfte beanspruchen sie. Für bestimmte geschäftliche Visionen ist eine größere Betriebsfläche oder Expansion optimal, aber wer mehrere Filialen betreibt, ist ständig zwischen diesen unterwegs und mit den jeweiligen Filialleitern beschäftigt, die sich dann um das operative Geschäft und handwerkliche Aufgaben kümmern. Wer Mitarbeiter hat, befasst sich auch mit den Themen Arbeitsrecht, Arbeitsschutz und Führung. Je größer die Teams werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass Konflikte auftreten, die zu managen sind. Dies alles muss einem liegen und Freude bereiten, um erfolgreich zu sein. Deswegen entscheiden sich einige dafür, lieber als Eine-Person-Betrieb oder mit ganz wenig Personal zu arbeiten – für sie ist das dann die optimale Betriebsgröße.

Guido Quelle

Guido Quelle, der „Wachstumstreiber“, ist Unternehmer, Berater, Autor (u.a. „Aus sicherer Quelle“) und Redner und seit über 30 Jahren Experte für gesundes profitables Unternehmenswachstum. Er gilt laut PT-Magazin als „einer der deutschen Vordenker bei wachstumsorientierter Transformation, Change Management und New Leadership“.

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Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels stellen sich viele Unternehmer die Frage, wie viel Personal sie tatsächlich benötigen. Gibt es dazu Richtwerte?
Fakt ist zumindest: Ab einer gewissen Betriebsgröße ist es nicht mehr möglich, alle Mitarbeiter selbst zu führen, dann sind weitere Strukturen nötig, etwa mit Filial- oder Abteilungsleitungen. Zudem ist die Frage relevant, welche Struktur konkret zum Unternehmen passt und vor allem, wie viel Gewinn es erzielen muss, um diese neue Struktur finanzieren zu können. Auch in der Augenoptik sind zunehmend Investmentgesellschaften aktiv. Dabei wiederum ist es entweder möglich, eine Ansammlung von individuellen Geschäften zu bilden beziehungsweise aufzukaufen, die weiterhin unter eigenem Namen firmieren, oder alle Geschäfte unter einer Dachgesellschaft beziehungsweise als Franchise-Konzept zu führen. Auch hier hängen die Entscheidungen von der eigenen Strategie und der Leidenschaft ab, die einen antreibt.

Die Kernfrage bleibt also: Welche Struktur ist die richtige – und kann sie sich rechnen?
Es kommt darauf an: Wer bei Sehhilfen in einen reinen Kostenwettbewerb treten will, kann sich wohl kaum gegen große Unternehmen am Markt durchsetzen, angesichts der Konditionen bei Herstellern und Produktionsmöglichkeiten. Das heißt, der kleine Betrieb sollte sich wiederum seiner Vorteile bewusst sein, und dazu gehören durchaus das Familiäre, mehr Individualität oder auch Spezialisierungen – also Alleinstellungsmerkmale, und dazu idealerweise ein aktives Empfehlungsmarketing aufzubauen.

„Informiert bleiben und mit einem passenden Angebot auf neue Entwicklungen reagieren“

Vielen Geschäftsinhabenden ist das bereits bewusst und es wird vielfach praktiziert. Wo sehen Sie dennoch ungenutztes Potenzial?
Um herauszufinden, welches Potenzial bislang ungenutzt ist und eben damit erfolgreich zu sein, ist es ratsam, sich Gedanken darüber zu machen, was sich konkret in der eigenen Region anbietet, wo Marktlücken oder besondere Kundenbedürfnisse bestehen könnten. Auch das wirtschaftliche Umfeld ist entscheidend: Wer umgeben von Discountern versucht, ein hochpreisiges Augenoptikgeschäft aufzubauen, dürfte es schwer haben. Anders sieht es in einer schicken Einkaufsmeile aus – sofern es dort nicht schon entsprechende Wettbewerber gibt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, aktuelle Trends nicht zu verschlafen – wie es dem Buchhandel bei der Digitalisierung passiert ist –, sondern informiert zu bleiben und mit einem passenden Angebot auf neue Entwicklungen zu reagieren. 

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Stichwort Alleinstellungsmerkmale: Wenn alle inhabergeführten Betriebe mit „familiärer Atmosphäre“ werben würden – was bliebe dann noch, um sich wirklich zu unterscheiden?
Auch hier gibt es in der Praxis oft noch Potenzial. Jeder hat es irgendwo im Einzelhandel schon einmal erlebt, dass man ein Geschäft betritt und von einer schlecht gelaunten Person begrüßt oder gar nicht wahrgenommen wird, weil alle Mitarbeitenden zu beschäftigt sind. Da verliert jedes Versprechen einer familiären Atmosphäre sofort seine Wirkung.

Nun kann jeder mal einen schlechten Tag haben. Was können Geschäftsinhaber dagegen tun?
Ein chinesisches Sprichwort lautet sinngemäß „Wer nicht lächeln kann, soll keinen Laden aufmachen.“ Motivation von außen funktioniert nicht. Man muss von vornherein motivierte Mitarbeiter einstellen und ihnen dabei helfen, motiviert zu bleiben. Wer also schon im Bewerbungsgespräch eine Person vor sich hat, die zwar fachlich vollkommen überzeugt, aber introvertiert wirkt, sollte nicht davon ausgehen: Das ist ein Rohdiamant, das wird schon. Das funktioniert normalerweise nicht. Aber: In so einem Fall lässt sich der Bewerber vielleicht in Bereichen gut einsetzen, die ohne direkten Kundenkontakt auskommen, so dass seine hervorragenden Fähigkeiten zum Beispiel die Werkstatt bereichern.

Inwiefern kann professionelle Beratung dabei helfen, als Augenoptiker die optimale Betriebsgröße für sich zu finden und die Strategie erfolgreich umzusetzen?
Eine auf die eigene Geschäftssituation spezialisierte Unternehmensberatung würde ich jedem empfehlen. Das sage ich nicht, weil ich selbst Berater bin, zumal wir vor allem den gehobenen Mittelstand bedienen, also Unternehmen mit einer gewissen Komplexität und einzelne Augenoptikergeschäfte nicht zu unseren Klienten zählen. Vielmehr nutzen wir selbst ebenfalls Beratungen, um voranzukommen. Es hilft einfach weiter, sich mit einem externen, unabhängigen Dritten, einem erfahrenen Sparringspartner, über die eigenen strategischen Fragen auszutauschen und realistische Einschätzungen zu erhalten.

Geschrieben von

Christine Lendt

Christine Lendt

Journalistin

Christine Lendt ist freie Journalistin und Fachautorin mit Schwerpunkt auf Ausbildung, Karriere und Arbeitsschutz. Sie interviewt regelmäßig Fachleute aus der Augenoptik und setzt relevante Themen um.

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