Internationale Fortbildung Nederlands Contactlens Congres Auf dem NCC kickt die Lust auf die Kontaktlinse so richtig
29.04.2026
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Team Müller Welt und Team Kloss Optik gemischt am Riesenkicker – getreu dem Motto des NCC 2026, das da lautete „Get connected“.
Erstveröffentlicht in der DOZ 05/26
Wirft man einen Blick in die Geschichte von Eindhoven, kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze, geht einem sprichwörtlich ein Licht auf. Die rund 200.000 Einwohner zählende Stadt trägt auch den Beinamen „Lichtstadt“ – eine Anspielung auf den Elektronikkonzern Philips, der hier bis 1997 seinen Hauptsitz hatte und mit der industriellen Fertigung und Verbreitung der Glühbirne eng verbunden ist.
Alle zwei Jahre bekommen Kontaktlinsenspezialisten ebenfalls ein Leuchten in den Augen, wenn sie aus ganz Europa Richtung Eindhoven reisen. Rund acht Kilometer vor den Toren Eindhovens wird das Kongresszentrum Koningshoven zur Bühne für den Nederlands Contactlens Congres (NCC). Das Gelände ist so weitläufig, dass man zu Fuß etwa eine halbe Stunde braucht, um es zu umrunden.
Dass die Niederlande im Bereich der Kontaktlinse eine besondere Rolle spielen, zeigt allein ein Blick auf die Marktdaten: Rund elf Prozent der 15- bis 64-Jährigen tragen dort Kontaktlinsen. Damit gehört das Land zu den kontaktlinsenstärkeren Märkten Europas und liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt von etwa sechs bis sieben Prozent. (EuromContact Market Data Report 2024; International Contact Lens Prescribing Survey 2024). Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Kontaktlinsenquote lediglich bei rund vier bis fünf Prozent (EuromContact Market Data Report 2024). Für die Niederlande ist die Kontaktlinse traditionell stark klinisch geprägt. Hier gibt es viele Kontaktlinseninstitute, insbesondere werden auch mehr Speziallinsen angepasst als in Deutschland.
Der NCC orientiert sich daher stärker an einer wissenschaftlichen Ausrichtung, wie sie bei großen Fachkongressen üblich ist. Mit 1.500 Teilnehmenden aus 33 Ländern, 51 Referentinnen und Referenten und 24 Ausstellern positioniert sich der NCC als international ausgerichteter Fachkongress mit breitem wissenschaftlichem und praxisnahem Programm. Stark vertreten sind Branchengrößen aus dem Umfeld der Forschungsgruppe Eurolens Research der Universität Manchester, darunter Professor Philip Morgan und mit ihm die International Association of Contact Lens Educators (IACLE). Vielen dürfte auch Professor Lyndon Jones von der Universität Waterloo bekannt sein, der mit Morgan oft gemeinsam Vorträge hält. Beide sind Profi-Speaker mit dem richtigen Gespür für Storytelling und einem Hauch britischer Stand-up-Comedy. Aber auch die weitere Speakerliste ist lang und erlesen: Man kann Optometristin Sarah Farrant zusehen, wie sie eine Amnionmembran in eine Kontaktlinse legt und diese einem Patienten aufsetzt (Amnionmembran wirkt entzündungshemmend, z. B. bei nicht heilenden Hornhautepitheldefekten; Anm. d. Red.). Oder man kann sich von Dr. Eddy Bitton (University of Waterloo) erklären lassen, wie man unter anderem Lidrandhygiene in seinen Praxisalltag integriert.
Was gleich auffällt: Die englischen Vorträge haben im Vergleich zu früheren Veranstaltungen etwas abgenommen. Basiskenntnisse in Englisch oder Niederländisch sind für den Besuch von Vorteil, konversationssicher müsse man nicht unbedingt sein, sagt Deborah Ehrle von Kloss Optik, die ich auf dem NCC treffe. „Man kann sogar den niederländischen Präsentationen gut folgen.“ Dafür sorgen die begleitenden Folien, die alle wichtigen Kernbotschaften enthalten, sowie viele Bilder (Topographien etc.), die Praktikerinnen aus ihrem Berufsalltag ohnehin kennen dürften.
Die beiden Optometristinnen und Hochschuldozentinnen Alison Ng (University of Cardiff) und Byki Huntjens (City St. Georges University of London) behandeln in ihrem Vortrag den Zusammenhang zwischen Kosmetik und Lidrandpflege.
Trockene Augen und viel FOMO
Der Kongress steigt Sonntagmorgen um 9:15 Uhr gnadenlos ein mit Themen wie „Integrating TFOS DEWS III into clinical practice“ oder „Multifocal unscripted – choose your topic“. Wenn man im Alltag unter FOMO („fear of missing out“; Anm. d. Red. ) leidet, wird diese Angst als Teilnehmerin bei diesem Kongress zum gewissenlosen Schatten hinter jeder geschlossenen Tür. Zwischen den Vorträgen wechseln ist nicht möglich: Ist die Tür einmal zu, kommt man (in der Regel, ja hier spricht jemand aus leidvoller Erfahrung) nicht mehr hinein. Das macht aber auch nichts, denn man soll sich – getreu dem Motto 2026 „Get connected“ – auch ein wenig verlieren zwischen den Ausstellerständen. Dort trifft man unter anderem Johnson & Johnson, Menicon, Alcon oder Bausch + Lomb, aber auch kleinere Hersteller wie das Start-up Reyedar, das sich auf Eye-Tracking spezialisiert hat. Nach jeder Session ist Koffiepauze, an den Tischen wird diskutiert. Ein 22 Hebel starker Tischkicker lädt zum Spielen und Connecten ein. Die Branche in den Niederlanden ist klein – und vielleicht noch kompakter als in Deutschland. Die Eye Care Professionals finden schnell bekannte Gesichter zum Reden. Was für deutsche Kontaktlinsenprofis die Sichtkontakte sind, ist für ihre niederländischen Kollegen der NCC. Dass der Kongress auch für deutsche Fachleute relevant ist, zeigt ein Blick auf die Teilnehmenden: So ist neben Kloss Optik zum Beispiel Müller Welt regelmäßig vor Ort – beide haben den NCC fest in ihre Weiterbildungsphilosophie integriert.
Mit zunehmender Dauer des ersten Kongresstags begegnet man darüber hinaus weiteren bekannten deutsch(sprachig)en Branchenvertretern, etwa Stefan Bandlitz (Schulleiter HFAK), der einen kurzen Scientific Talk hält, Sebastian Marx (Jenvis), Wolfgang Laubenbacher (TechLens), Stephan Hirschfeld (VDCO-Vorsitzender) und Martin Schulowski (ZVA-Akademie). Um neue Impulse zu bekommen und über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, eignet sich der NCC für Augenoptikerinnen und Augenoptiker aller Wissensstufen sehr gut, geht aus den Gesprächen als Grundrauschen hervor. Bandlitz freut sich jedes Mal auf den Termin: „Ich schätze die hohe fachliche Qualität der Vorträge, verbunden mit der lockeren Atmosphäre“, erzählt er. Trotz der räumlichen Nähe, insbesondere zum Kölner Raum, sind aus Deutschland nur 50 Teilnehmende angemeldet, erzählt NCC-Organisator Hans Kloes.
DOZ-Anzeigenleiterin Kyra Schiffke (re.) und Redakteurin Nicole Bengeser gönnen sich eine kurze Pause. Die Laune ist gut.
Weiterbilden und Team stärken
Die Wahrscheinlichkeit, jemandem von Müller Welt bei einer Tagung über den Weg zu laufen, ist im Übrigen hoch: „Wir haben uns intern eine Fortbildungspflicht auferlegt. Alle im Team müssen eine bestimmte Anzahl an Fortbildungen im Jahr besuchen. Ziel sind mindestens die erforderlichen Punkte für die Kontaktlinsen-Spezialisierung des ZVA. Daher sind wir auf allen großen Tagungen präsent und teilen diese unter den Spezialisten auf“, erzählt Corinna Kampp, Optometristin bei Müller Welt. Dank dieses Konzepts kommt jede Mitarbeiterin auf mindestens eine große Weiterbildungsveranstaltung im Jahr. Auf dem NCC ist Müller Welt zu sechst unterwegs. Häufig begleiten erfahrene Kollegen jüngere Mitarbeitende. Es wird Protokoll geführt und das neu erlernte Wissen in internen Teamsitzungen vorgestellt. „Was den NCC besonders macht, sind seine Größe, der internationale Einfluss und der besondere Spirit“, erklärt Kampp. Das bestätigen die Kollegen von Kloss Optik. „Die Vielfalt hier ist immer wieder eine Bereicherung“, sagt Carsten Giepen, Inhaber von Kloss Optik, der mit seinem Team am Vortag mit dem Auto angereist ist.
Die fachlichen Schwerpunkte 2026 sind an beiden Tagen viel Dry Eye und Augengesundheit, es gibt aber auch Vorträge zu Sklerallinsenanpassung sowie wissenschaftliche Forschungserkenntnisse zum Myopie-Management und wie man Künstliche Intelligenz für die Weiterbildung nutzen kann.
Kampp sieht zwar deutlich Potenzial, die formstabile Linse stärker in den Fokus zu rücken, „aber man bekommt eine gute Mischung an Themen präsentiert, von denen man immer wieder in der Praxis profitieren kann“, sagt sie. Die Industrieausstellung, die neben den Vorträgen stattfindet, sei zwar ein schöner Anlaufpunkt, um Kontakte zu pflegen, laufe aber in ihrem Fall eher nebenbei. „Allerdings finden wir immer mal wieder Produkte, die es in Deutschland nicht gibt.“
Sarah Farrant zeigte live, wie sich eine Amnionmembran mit Hilfe einer formstabilen Linse auf das Auge bandagieren lässt.
Block und Stift sollte dabei sein
Die Vorträge vor dem Lunch haben es noch einmal in sich. Wer sich nicht über die Kontaktlinsenmaterialien informieren wollte, saß entweder bei Joseph Allen und Kim Driessen im Vortrag über „Nutrition and the anterior eye“ (O-Ton Giepen: „Das war großartig, ich habe richtig Lust bekommen, mich in meinem Praxisalltag noch mehr mit dem Thema zu befassen“) oder bei „An eye care practitioner’s guide to optocosmetic“ von Alison Ng und Byki Huntjens. Ng erzählt später bei einem lockeren Gespräch an der Bar, wie voll ihre Koffer waren – mit Kosmetiktüchern und anderen kosmetischen Anschauungsmaterialien. Denn wie bei jeder (wirklich) guten Tagung gibt es am Abend eine Party mit Live-Musik. Hier trifft man einige der hochkarätigen Speaker in lockerer Atmosphäre und kann den Tag entspannt ausklingen lassen. Oder eben, wie es Kloss Optik und Müller Welt gemacht haben, auswärts gemütlich essen gehen und Kraft für den zweiten Kongresstag tanken. Stichwort Teambuilding.
Das ist nämlich ein weiterer Aspekt einer solchen Reise: Planung und Kosten. Die lohnen sich aber, da sind sich Kloss Optik und Müller Welt einig: „Sicher ist der Nutzen immer abhängig vom Programm, aber bisher konnten wir immer so viel Input mitnehmen, dass sich der Besuch gelohnt hat“, sagt Kampp. Als Fortbildung sei der Besuch zwar ein Pflichttermin, aber das gemeinsame Reisen stärke das Team und fördere den Austausch zwischen den Kollegen. „Wir sorgen immer dafür, dass wir neben der Tagung gemeinsam eine gute Zeit haben“, betont Kampp.
Der nächste NCC soll turnusmäßig 2028 stattfinden. Damit der Besuch in zwei Jahren auch für Kongressneulinge ein Highlight wird, müssen laut Müller Welt eigentlich nur zwei Dinge erfüllt sein: „Das Wichtigste ist die Lust und Freude an Fortbildung und an der Kontaktlinse“, erklärt Kampp. Und man sollte immer einen Schreibblock dabeihaben, sagt sie augenzwinkernd. „Anstrengend ist so ein Kongress-Wochenende immer, aber es lohnt sich“, lautet ihr Fazit.