Die hohe Kunst der Beratung Sportoptik: Eine kurvige Herausforderung
29.05.2026
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Das Team von Paradies Optik in Hamburg hat sich unter anderem auf Sportbrillen spezialisiert: (v. l.) Lia Brun-Tatje, Bastain Jakobs, Malte Schulz und Günther Harries.
Erstveröffentlichung in der DOZ 06/2026
Die Frühlingssonne lässt Lichtermosaike auf den Waldboden tanzen, hellgrüne Buchenkronen rauschen im Wind – die rasante Mountainbike-Fahrt auf dem schmalen Pfad durch den schleswig-holsteinischen Sachsenwald, über Wurzeltreppen und andere naturgeformte Hindernisse, birgt puren Spaß. Dann, plötzlich, eine Wand aus Schatten. Der querliegende Ast: nicht zu erkennen. Ein heftiger Sturz beendet die Tour. Wörtlich ins Auge des Radfahrers geht ein abgebrochener Metallbügel der Alltagsbrille, die der junge Mann trägt.
Unfälle wie diesen hat Augenoptikermeister Günther Harries, selbst ambitionierter Mountainbiker, bereits miterlebt. Genau deshalb fließen auch private Erfahrungen in seine Beratung rund um die Sportbrille ein. „Viele unterschätzen die rasch wechselnden Lichtverhältnisse auf einem Trail im Wald, die sich durch eine Sportbrille mit gefilterten Gläsern ausgleichen lassen. Hinzu kommt der Schutz vor Staub, Insekten, Fahrtwind und UV-Strahlung sowie das bruchfestere Material.“
Als Gründer von Paradies Optik spezialisierte sich Harries bereits in den 1990er Jahren auf Sportbrillen mit Sehstärke und bietet regelmäßig Schulungen für interessierte Kolleginnen und Kollegen an. Viele seiner Kunden suchen das Fachgeschäft in der Hamburger Neustadt, einem schmucken Quartier nahe der zentralen Einkaufsmeilen, gezielt wegen dieses Angebots auf. Vor allem Hobbysportler zählen zur Kundschaft – etwa Radfahrer, Bogenschützinnen, Paraglider, Ruderinnen, Segler oder Wintersportler. Auch Leistungssportler aus dem regionalen Umfeld, wie etwa vom FC St. Pauli oder den HSV-Nachwuchs, hat Harries schon bedient. Andere kommen zunächst wegen einer Alltagsbrille oder Kontaktlinsen und erkennen erst im Beratungsgespräch den Bedarf für eine sportartspezifische Versorgung.
Günther Harries fand seine Liebe zu Sportbrillen schon in der 1990er Jahren. Bis heute ist er der Marke Oakley treu, hat aber das Sortiment mittlerweile um weitere Marken erweitert.
Paradies Optik: Spezialist seit der ersten Stunde
Seine Leidenschaft für Sportbrillen entwickelte Harries seit der Geschäftsgründung 1992 aus eigenem Interesse. „Modelle wie die von Oakley waren damals jedoch noch nicht mit Korrektionsgläsern erhältlich und eigene Lösungen waren technisch nur eingeschränkt machbar.“ Der US-amerikanische Hersteller hatte zu dieser Zeit erste Sportsonnenbrillen mit gekrümmten, die Augen komplett schützenden Gläsern auf den Markt gebracht – bruchsicher und UV-absorbierend.
Der junge Augenoptikermeister suchte nach Möglichkeiten, Sehstärke in die gekrümmten Gläser zu integrieren. Die Herausforderung: „Gekrümmte Gläser verzeihen keine Ungenauigkeiten. Bereits geringe Abweichungen, etwa im Hornhautscheitelabstand (HSA), bei Achsenwerten oder Dioptrien, werden von den Kunden sofort wahrgenommen. Die Messung muss sehr präzise und sportartspezifisch erfolgen.“ Ein Techniker unterstützte ihn schließlich dabei, Krümmungen in die Berechnung der Gläser einzubeziehen. Dennoch blieb es zunächst ein Versuchsfeld. „Ich habe einiges an Lehrgeld bezahlt, etliche Gläser sind im Müll gelandet. Noch heute bin ich meinen Kunden dankbar, dass die das alles mitgemacht haben.“ Denn so trugen auch sie dazu bei, dass Harries schon früh an die individuelle Sehstärke angepasste Sportbrillen anbieten konnte, mit Gläsern aus normalem Kunststoff. Übrigens nicht nur Sportbrillen, sondern auch Sonnenbrillen bekannter Markenhersteller konnten, je nach Fassungstyp, fortan mit individuellen „curved“ Gläsern ausgestattet werden.
Eines Tages schließlich betrat ein Niederländer seinen Laden und fragte in einem interessanten Sprachen-Mix: „Wer hier ist der crazy Optician, der die curved lenses macht?“ Wie sich schnell herausstellte, war besagter Niederländer ein Vertriebsmitarbeiter von Oakley Europa, der ankündigte, dass es in Kürze die Oakley-Sportbrillen (mittlerweile zur Luxottica-Familie hinzugestoßen) hierzulande mit Sehstärke geben werden. Kurz darauf nahm Paradies Optik die ersten fünf Modelle mit gekurvten Polycarbonatgläsern ins Angebot auf und führt sie bis heute zusammen mit Brillen anderer Hersteller wie der Linie „Evil Eye“ von Silhouette, die ihre Sportbrillen auch mit Sehstärke-Clip anbieten. Der Vorteil letzterer: eine Versorgung für Kundinnen mit höheren Dioptrien-Werten.
Mögliche augenoptische Versorgung für Sport
• Direkt verglaste Sportbrillen: Für niedrigere Korrektionen (von ca. +4,00 dpt bis ca. -6,00 dpt im stärksten Hauptschnitt); bieten optimalen Schutz und Sichtfeld
• In-Clip-Systeme: Eine Alternative für höhere Korrektionen, bei der die Korrekturgläser hinter den Sportbrillengläsern befestigt werden. Nachteile: Mehrere Grenzflächen (kann zum Beispiel bei Regen stören); für Schneebrillen nur bis ± 2,00 dpt empfohlen
• Kontaktlinsen: Oft die bessere Lösung für viele Sportarten, insbesondere für Wassersport (ideal: Tageskontaktlinsen). Ebenso bei Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball, Hockey oder Kampfsport sowie bei hohen Dioptrienwerten. Eine Sportbrille dient dann nur noch als reine Schutzbrille. Tipp von Günther Harries: „Kontaktlinsen sollten immer am Anfang der Beratung einfließen!“
Spezialisierte Glastypen und Filter
Feste Tönungen: Optional Wechselsysteme für verschiedene Lichtverhältnisse und Sportarten; photochrome Gläser: variabler Tönungsgrad je nach UV-Licht, ideal für wechselnde Bedingungen; elektrochrome Gläser: mit Solarzellen und Knopf zur manuellen Steuerung der Tönung
Smarte Sportbrillen
Neuere Entwicklung mit integrierter Kamera, Audio, Navigation und Übersetzungsfunktionen, was auch neue Anwendungsfelder außerhalb des Sports erschließt
Der optimale Beratungsprozess
Mit wachsender Erfahrung entwickelte sich ein strukturierter Beratungsansatz. „Wir fragen zunächst nach den ausgeübten Sportarten, weil sich daraus Anforderungen an Gläser, Filter und Tönungen ergeben“, erklärt Harries. „Danach betrachten wir Gesichtsform, Augenabstand und Nasenrücken. Schließlich ist ein stabiler, druckfreier Sitz entscheidend. Beim Joggen die Brille immer wieder hochschieben zu müssen oder beim Rennradfahren dauernd den Rahmen vor den Augen zu haben, ist suboptimal.“ Bei Helmsportarten empfiehlt Harries, den Helm zur Anpassung mitzubringen.
Der Verkaufs- und Beratungsprozess ist aufwendiger als bei Alltagsbrillen und dauert etwa eine Stunde. Auch die Kosten liegen meist höher. Doch Letzteres ist oft gar kein Hindernis, wie Harries aus Erfahrung weiß. „Wer leidenschaftlich gern seinen Sport betreibt und dabei ohnehin schon viel Geld in Ausrüstung und Kleidung investiert, leistet sich auch eine gute augenoptische Versorgung. Umso mehr, wenn der Mehrwert klar kommuniziert wird.“ Einige Kollegen scheuten dennoch den Aufwand oder hielten den Markt für zu klein. Der gebürtige Hamburger sieht das anders und winkt ab. „Der Wettbewerb durch Sportgeschäfte oder große Filialstrukturen ist überschaubar. Oft bekommen wir Kunden gar über diese Kanäle zugespielt, da dort die Kompetenzen anders gewichtet sind.“ Der Online-Handel spiele ohnehin kaum eine Rolle, weil die Zentrierdaten und die genaue subjektive Refraktion über diesen Kanal nicht darstellbar sei.
An der Spezialisierung hat sich auch nach der Übergabe des Betriebs im Juli 2020 an die Ounda-Gruppe nichts geändert. Seit Frühjahr 2026 hat Bastian Jakobs die Betriebsleitung übernommen und führt das Team um die beiden Gesellen Lia Brun-Tatje und Malte Schulz. Harries, der dieses Jahr seinen 68. Geburtstag feiert, wird auch nach dem Ausscheiden weiter sportlich unterwegs sein – auf dem Trail genauso wie bei der Vermittlung seines Fachwissens.
Bei Hollweg Optik können die Kunden im eigenen Windkanal den Sitz und den Schutz der Sportbrillen testen – besonders interessant für Radfahrerinnen.
Bei Hollweg geht es in den Windkanal
Circa 550 Kilometer weiter südwestlich, steht die Versorgung von Sportlern bei „Hollweg – Ihr Optiker“ im Fokus. „Bei uns ist Sportoptik kein Nebenprodukt, sondern ein eigenständiger Beratungsbereich“, erklärt Seraphina Meyer als Leiterin der Filiale in Nastätten. „Dieser ist daher im Geschäft jeweils klar abgegrenzt und soll auch ein extra Kundenerlebnis bieten.“ Radfahrer und andere Sportbegeisterte können Schutz und Sitz der Brille im Windkanal testen, bei simulierten Fahrtwinden von bis zu 70 km/h ein Erlebnis und Eyecatcher zugleich. Der ZVA-Spezialist für Sportoptik (siehe Infokasten) mit zwei Filialen in Rheinland-Pfalz und insgesamt zehn Beschäftigten um Geschäftsführer Thomas Völker bietet seinen Kundinnen nicht nur eine Maxi-Sportbrillenwand. Auch Muster-Filtergläser und verschiedene Tönungen stehen zum Ausprobieren bereit, um die individuelle Wahrnehmung der Kunden zu berücksichtigen. Die Optometristin und Augenoptikermeisterin Meyer nennt ein typisches Beispiel: „Beim Kanufahren oder anderem Wassersport helfen Polarisationsfilter, um durch die Wasseroberfläche blicken und Unterwasserobjekte wie Steine erkennen zu können.“ Auch Sportbrillen für Kinder gehören zum Portfolio.
Das Geschäft ziehe Kunden aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern an, betont Meyer. Hauptsächlich werden Hobbysportler bedient, aber auch Spieler aus höheren Fußballligen. So bestehen Kooperationen mit Sportvereinen und auch Sportveranstaltungen nutzt das Hollweg-Team, um direkt mit Sportlern in Kontakt zu treten und Testmöglichkeiten anzubieten. Entscheidend ist laut Seraphina Meyer, die Kundschaft schon während der Anamnese auf die spezielle Versorgung bei sportlicher Aktivität aufmerksam zu machen. „Die meisten sind dann auch sehr interessiert“, sagt die Filialleiterin.
„Bei uns ist Sportoptik kein Nebenprodukt, sondern ein eigenständiger Beratungsbereich“, betont Sportoptikspezialistin Seraphina Meyer.
Wissenschaftliche Kooperation
Neben der grundlegenden Sehleistung legt man bei Hollweg einen besonderen Fokus auf das periphere Sehen (besonders etwa bei Mannschaftssportarten), das dynamische Sehen (beim schnellen Wechsel zwischen verschiedenen Entfernungen wie etwas beim Tennis oder Tischtennis) und einen umfassenden UV-Schutz. Deswegen bietet das Team ergänzend auch Visualtraining an. Zudem betreibt Hollweg gezieltes Marketing, etwa mit regelmäßigen Angebotsflyern zu verschiedenen Sportarten. Auf der Homepage führen nutzerfreundlich Buttons direkt zum Terminbuchungstool mit den Sportoptik-Spezialistinnen. Zusätzlich gibt es hier bereits weitere Infos rund um die Sport-Versorgung – etwa, dass sich neben Komfort und Sicherheit auch die erzielte sportliche Leistung verbessern lässt. Untermauert wird dies von zahlreichen Untersuchungen, bei denen die Firma Hollweg mit der Ruhr-Universität Bochum in der Vergangenheit kooperierte.
ZVA-Zertifizierung
Was muss ein Augenoptiker-Geschäft leisten, um als „ZVA-Spezialist für Sportoptik“ zertifiziert zu werden? Alle Details finden Sie auf dem Antragsformular, das über die ZVA-Seite zum Download bereitsteht.