Co-Management beim Trockenen Auge Interprofessionelle Kooperation bei Dry Eye Disease per cloudbasierter Software

Mann reibt sich die Augen

Schätzungsweise zwölf bis 15 Millionen Menschen sind in Deutschland vom Trockenen Auge betroffen, jeder fünfte Patient beim Augenarzt leidet unter Symptomen. Da scheint es angeraten, die Behandlung effizient zu organisieren.

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Erstveröffentlichung in der DOZ 05/2026

Erdacht hat sich das Konzept hinter „Smart Dry Eyes“ Dr. Ludger Hanneken. Dem Augenarzt zufolge ist die Dry Eye Disease weit mehr als nur die Frage der richtigen Benetzungstropfen. Ziel seines Unternehmens sei es daher, die Zusammenarbeit zwischen Augenoptikerinnen, Optometristen und auf Dry Eye spezialisierten Augenärztinnen zu erleichtern und die Behandlung trockener Augen effizienter zu organisieren. Im Zentrum des Konzepts steht die cloudbasierte Software „Smart Dry Eyes“ (SDE), die verschiedene Rollen abbildet: Für Fachanwender dient sie als Datentool zur Unterstützung von Diagnostik, (KI-)Analyse und Therapieplanung. Für Kunden gibt es ein Patientenportal, in dem Anamnese und Ergebnisse eingesehen werden können.

Ein Bestandteil ist ein frei zugänglicher Online-Fragebogen auf Basis des Ocular Surface Disease Index (OSDI-12 bzw. OSDI-6, wenn man sich im Patientenportal registriert). Anhand standardisierter Fragen erhalten Nutzer und Nutzerinnen eine erste Einschätzung ihres Beschwerdestatus. Die eigentliche Datenerhebung kann anschließend über eine Registrierung auf der SDE-Plattform im Zusammenspiel mit Augenoptik-Fachbetrieb oder Augenarztpraxis erfolgen. Hanneken verweist in diesem Zusammenhang auf den Zeitaufwand klassischer Befragungen: „Eine vernünftige Anamnese zum Trockenen Auge dauert 30 bis 45 Minuten.“ Durch die digitale Vorstrukturierung sollen diese Prozesse effizienter werden. 

Den softwarebasierten Ansatz begründet er mit einer dringend nötigen Anpassung der Therapiestrategie für das Trockene Auge. „Eine Einteilung in ‚mild, moderat oder schwer‘ reicht häufig nicht aus“, erklärt er. Stattdessen sollten Tränenfilm, Lider und okuläre Oberfläche differenziert erfasst und auf dieser Basis individuelle Therapiepläne erstellt werden. Trockene Augen seien zudem als chronische Erkrankung zu betrachten, die wiederkehrende Kontrollen erfordert. Ein digital geführter Workflow strukturiert Untersuchungen, Befundung und Therapieempfehlungen entlang eines aktuellen Dry-Eye-Algorithmus auf Basis des TFOS DEWS III. „In einem Patientenportal bleiben die Ergebnisse weiterer Untersuchungen und Empfehlungen einsehbar, Änderungen durch Kundinnen sind technisch nicht vorgesehen“, erläutert Hanneken.

Bild von erweiterten, feinen Blutgefäßen am Lidrand eines Auges

Mit Hilfe von „Smart Dry Eyes“ soll beim Trockenen Auge interprofessionell behandelt werden– etwa bei einem solchen Befund: sichtbar erweiterte, feine Blutgefäße am Lidrand, die im Zusammenhang mit der Hauterkrankung Rosacea stehen.

© Ludger Hanneken

„Augenärztlich diagnostiziert und mit Therapieempfehlung versehen“

Die erhobenen Daten werden in eine Cloud über Microsoft Azure übertragen und dort zentral ausgewertet. Augenoptikerinnen können zum Beispiel in ihrem Betrieb eine Ersttestung durchführen oder auf bereits gemessene Daten zugreifen. Dabei werden – je nach Ausstattung – weiterführende Bild- und Messdaten erfasst. „Die Geräte für ein solches Dry-Eye-Screening sind in vielen Betrieben bereits vorhanden, etwa Oculus-Keratographen oder als Alternative das Gerät ‚Tera‘ [TC1.1] von Topcon“, betont Hanneken. Die Daten sollen – bei vorhandener Schnittstelle – direkt in die Cloud übertragen werden. „Es ist aber auch möglich, weitere Dokumente als PDF hochzuladen“, erklärt er. 

Dr. Ludger Hanneken

Dr. Ludger Hanneken hat als operierender Augenarzt Praxen in Deutschland, Spanien und Andorra gegründet. Der Mangel an einer strukturierten Behandlung des Trockenen Auges und wachsende Kapazitätsprobleme in der Versorgung motivierten ihn zur Gründung von „Smart Dry Eyes“.

© Ludgar Hanneken

Die Befundung ist als „Reading Center“-Logik beschrieben: Bilder und Messwerte werden zentral von Augenärzten – unterstützt von KI – ausgewertet. Hanneken erklärt, dass „alle Bilder augenärztlich angeschaut und dann diagnostiziert und mit einer entsprechenden Therapieempfehlung versehen“ werden. Der Therapieplan kann unterschiedliche Wege vorsehen. Basismaßnahmen wie Lidrandhygiene, Wärmebehandlung, rezeptfreie Produkte oder Verlaufskontrollen lassen sich – je nach rechtlichem Rahmen – in der Augenoptik begleiten. Für apparative Verfahren wie IPL (Intense Pulsed Light), Tixel oder Meibom-Drüsen-Expression ist eine Behandlung im augenärztlichen Umfeld vorgesehen. Die bei einer chronischen Erkrankung nötigen wiederkehrenden Kontrollen sind Teil des Konzepts.

Die weitere Betreuung erfolgt im augenoptischen Betrieb. Ziel ist eine kontinuierliche Begleitung in vertrauter Umgebung. „Das Konzept zielt darauf ab, Versorgungsprozesse zu entzerren: Erstabklärung und Verlaufskontrollen bleiben in der Augenoptik, medizinische Bewertung und spezialisierte Therapie in der Augenheilkunde – verbunden über eine gemeinsame Datenbasis“, fasst Hanneken zusammen. Für Augenoptikerinnen ergeben sich zusätzliche Aufgaben in der Datenerfassung und Nachsorge. Damit verbunden sind potenziell eine Erweiterung des Dienstleistungsangebots, häufigere Kundenkontakte sowie neue Kooperationen mit augenärztlichen Einrichtungen. Relevant kann das Modell insbesondere dann sein, wenn Dry-Eye-Beschwerden die Refraktion beeinflussen und Standardmaßnahmen nicht ausreichen.

Workflows müssen im Betrieb angepasst werden

Um die Software zu nutzen, nennt Hanneken eine monatliche Lizenzgebühr von 180 Euro. Die Preise für entsprechende Leistungen im Betrieb beziffert er mit etwa 50 bis 150 Euro pro Kunde. Nach eigenen Angaben wurden bislang Gespräche mit 20 bis 30 augenoptischen Betrieben geführt. „Bis daraus konkrete Lizenzabschlüsse werden, braucht es Zeit, weil Workflows im Betrieb angepasst werden müssen“, sagt Hanneken. Beim Aufbau eines Netzwerks für spezialisierte Dry-Eye-Therapien stehe das Konzept insofern noch am Anfang. Als Pilotprojekt nennt er eine jüngst geschlossene Zusammenarbeit mit den Artemis-Kliniken. Weitere Interessenten gebe es in Deutschland und der Schweiz. Die Software ist derzeit in Deutschland, Spanien und in der Schweiz erhältlich.

Das ist „Smart Dry Eyes“ 
• „Smart Dry Eyes“ ist eine von Augenarzt Dr. Ludger Hanneken konzipierte digitale Plattform für das Co-Management beim Trockenen Auge. Ziel ist eine bessere Verzahnung von Augenoptik und Augenheilkunde. 
• So funktioniert’s: Anamnese per OSDI-Fragebogen → Datenerhebung im Betrieb → zentrale Auswertung („Reading Center“) mit Therapieplan
• Aufgabenverteilung: Augenoptiker über nehmen Screening und Nachsorge, Augenärzte Diagnose und Therapie
• Kosten: 180 Euro pro Monat für die Lizenz; im Betrieb können etwa 50 bis 150 Euro pro Kunde abgerechnet werden 
• Verfügbarkeit: derzeit in Deutschland, Spanien und in der Schweiz

Geschrieben von

Nicole Bengeser

Nicole Bengeser

Fachredakteurin & Augenoptikerin

Nicole Bengeser bringt als Augenoptikerin Fachwissen und als leidenschaftliche Redakteurin journalistisches Gespür zusammen. Beim DOZ-Verlag widmet sie sich mit Neugier den Trends, Debatten und Entwicklungen der Augenoptik.

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