Ein Interview mit CEO Jack Dooley Identität statt nur Inszenierung: Cutler and Gross über Werte und Visionen
28.08.2026
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Die Marke Cutler and Gross ist stark mit der Kunst- und Kulturszene verbunden. Für die aktuelle Kampagne stand Blondie-Frontfrau Debbie Harry Modell.
Erstveröffentlichung in der DOZ 09/2026
Augenoptiker, die ihre eigenen Brillen entwickeln, sind heute keine Seltenheit mehr. Vor knapp 60 Jahren waren sie das - vor allem, wenn sie Fassungen nicht mehr nur als rein funktionale Sehhilfe verstanden. Mit diesem damals revolutionären Anspruch gründeten die beiden Augenoptiker Graham Cutler und Tony Gross 1969 ihr Unternehmen in London. Was damals als individueller Brillenservice für Kunst- und Kulturschaffende begann, hat sich zu einer international bekannten Independent Brand entwickelt. Im Gespräch erklärt CEO Jack Dooley, weshalb Unabhängigkeit und eine klare Markenidentität für Cutler and Gross heute wichtiger sind denn je.
Der Brillenmarkt wird zunehmend von globalen Konzernen geprägt. Wie setzt sich eine unabhängige Marke wie Cutler and Gross durch?
Jack Dooley: Ich denke, Unabhängigkeit ist heute wichtiger als noch vor zehn Jahren. Der Markt ist größer geworden und stärker konsolidiert, gleichzeitig sind aber auch die Kunden bewusster geworden. Sie interessieren sich zunehmend dafür, woher Produkte kommen, wer sie entworfen hat und warum sie überhaupt existieren. Sie suchen nach Substanz und nicht einfach nur nach Bekanntheit. Und sie erkennen, ob eine Marke eine echte eigene Unternehmensphilosophie hat oder ob sie auf Grundlage eines Marketingkonzepts zusammengestellt wurde. Unsere Marke wurde nicht aufgrund einer Marktstrategie aufgebaut. Wir wurden von zwei Augenoptikern gegründet, die davon überzeugt waren, dass Brillen Ausdruck der Persönlichkeit und Individualität sein können. Das ist bis heute das Fundament unseres Unternehmens.
Nach dieser Überzeugung arbeiten viele Marken …
Dooley: Wir unterscheiden uns dadurch, dass Brillen für uns nicht nur eine Produktkategorie sind – sie sind unsere ganze Geschichte. Wir kommen nicht aus einer Modemarke, die irgendwann begonnen hat Brillen herzustellen. Wir sind ein Brillenunternehmen und das seit mehr als 55 Jahren. Das schafft eine andere Beziehung zum Produkt und eine andere Beziehung zu unseren Kundinnen und Kunden.
„A brand built on friendship“: Archivaufnahmen des Gründerduos Tony Gross (links) und Graham Cutler. In den 1970er- Jahren eröffneten sie ihren ersten Laden im Londoner Stadtteil Knightsbridge.
Das Fundament Ihres Unternehmens basiert auf der Freundschaft der beiden Gründer. Wie prägt dieser Ursprung die Marke heute noch?
Dooley: Ihre Freundschaft war so wichtig, weil sie ein außergewöhnliches Gleichgewicht geschaffen hat. Graham brachte die technische Präzision und das fachliche Verständnis eines Augenoptikers für Passform und Funktion mit. Tony brachte Haltung, Stil und ein Gespür für Kultur ein. Dieses Zusammenspiel prägt die Marke bis heute. Der eine maß Millimeter, der andere formte die Identität. Diese Dualität ist bis heute eine unserer größten Stärken. Ich glaube, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie revolutionär unsere Gründer zu ihrer Zeit waren. Wenn man sich alte Fotos anschaut, kann man sie leicht als etablierte Persönlichkeiten wahrnehmen. Tatsächlich waren sie damals jedoch die neue Generation. Zwei junge Augenoptiker, die in London ein Geschäft eröffneten und die Vorstellung infrage stellten, dass Brillen ausschließlich funktional sein sollten. Sie waren überzeugt, dass eine Brille etwas darüber aussagen kann, wer man ist.
Jack Dooley ist seit 2016 Teil des Unternehmens und seit 2024 der CEO.
Graham Cutler sagte einmal: „Der Kunde von Cutler and Gross war schon immer ein Individualist.“ Trifft das noch zu?
Dooley: Die geografische Verteilung unserer Kunden hat sich verändert und die Altersspanne ist breiter geworden, doch die Grundhaltung ist bemerkenswert gleich geblieben. Unsere Kunden sind meist Menschen mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Sie suchen keine Bestätigung durch ein Logo und interessieren sich auch nicht besonders dafür, Trends zu folgen. Sie wissen, was ihnen gefällt. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass Kunden von Cutler and Gross nur selten eine Brille kaufen, um wie jemand anderes auszusehen. Sie kaufen eine Brille, weil sie sich damit mehr wie sie selbst fühlen möchten. Das mag nach einem kleinen Unterschied klingen, ist aber tatsächlich von sehr großer Bedeutung.
50 Jahre Markengeschichte sind ein großer Schatz – können aber auch zur Herausforderung werden, das Erbe klar von Nostalgie zu trennen ...
Dooley: Viele Traditionsmarken finden etwas Wiedererkennbares und wiederholen es so lange, bis die ursprüngliche Energie der Idee verloren geht. Tradition sollte eine Quelle des Selbstvertrauens sein – keine Ausrede dafür, stehen zu bleiben. Ich betrachte unser Archiv eher als Beleg denn als Regelwerk. Es erinnert mich daran, dass Graham und Tony Pioniere waren. Sie wollten keine Tradition bewahren, sondern etwas Neues schaffen. Unsere Aufgabe besteht darin, den Gedanken hinter ihren Entscheidungen zu verstehen und uns zu fragen, wie diese Haltung heute aussehen würde.
Welche Rolle spielen London und die britische Kultur dabei?
Dooley: London ist fest in der DNA von Cutler and Gross verankert. Was uns schon immer inspiriert hat, ist die Mischung aus Kreativität, Individualität und unabhängigem Denken, für die diese Stadt steht. Graham und Tony waren keine traditionellen Persönlichkeiten. Sie gingen neue Wege und zogen Menschen an, die Brillen mit Charakter statt Konformität suchten. Unsere Verbindung zu Künstlern, Musikerinnen sowie anderen Kulturschaffenden ist über Jahrzehnte ganz natürlich entstanden, weil wir eine ähnliche Haltung teilen. In diesen Beziehungen ging es nie um Prominenz, sondern um Originalität und den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Die aktuelle Zusammenarbeit mit Debbie Harry ist dafür ein gutes Beispiel. Sie funktioniert, weil es eine echte Übereinstimmung in Haltung und Werten gibt und sie sich aus einer authentisch gewachsenen Verbindung entwickelt hat.
Bekannt geworden ist die Marke mit ihren kantigen und auffälligen Brillen aus italienischem Acetat. Zum Sortiment gehören außerdem Fassungen aus japanischem Titan und aus Büffelhorn.
Und wie steht es um die Zusammenarbeit mit dem stationären Fachhandel?
Dooley: Wir wurden von Augenoptikern gegründet und betrachten die Welt bis heute ganz selbstverständlich aus der Perspektive hinter dem Beratungstisch. Rund 75 Prozent unseres Geschäfts entstehen über unsere spezialisierten augenoptischen Partner – und das ist eine ganz bewusste Entscheidung. Der digitale Vertrieb ist wichtig, wenn es um Sichtbarkeit, Information und Komfort geht. Unsere eigenen Stores ermöglichen es uns, die Marke in ihrer ganzen Tiefe erlebbar zu machen. Augenoptiker bieten jedoch etwas, das keine Technologie ersetzen kann: Sie verstehen Menschen. Sie können Kunden zu einer Fassung führen, die diese selbst vielleicht nie ausgewählt hätten. Diese menschliche Expertise wird mit der zunehmenden Digitalisierung nicht weniger wichtig, sondern wertvoller. Wenn unsere augenoptischen Partner erfolgreich sind, sind wir es auch. So einfach ist das.
„Die Marken, die langfristig bestehen, werden nicht unbedingt die lautesten sein. Es werden die sein, die genau wissen, wer sie sind.“
Zu Beginn unseres Gesprächs betonten Sie, die Unabhängigkeit einer Marke sei heute wichtiger als noch vor zehn Jahren. Und wie sieht es in Zukunft aus?
Dooley: Ich glaube, Marken mit einer klaren Haltung werden künftig noch wichtiger werden. Technologie wird den Handel und die Produktion weiter grundlegend verändern. Dennoch werden Menschen auch in Zukunft Produkte suchen, die Bedeutung vermitteln. Je digitaler die Welt wird, desto wertvoller werden handwerkliche Qualität und Individualität. Die Marken, die langfristig bestehen, werden nicht unbedingt die lautesten sein. Es werden die sein, die genau wissen, wer sie sind, ihre Produkte kontinuierlich verbessern und echte Verbindungen zu Menschen schaffen, die ihre Werte teilen.