Nachhaltigkeit weiter gedacht Planctons setzt auf Ozeanplastik
29.06.2026
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Die Gründer von Planctons (v.l.): Dominik Gasser, Ralph Etlin, Marcel Artho und Jens Singer
Erstveröffentlicht in der DOZ 07|26
Diese Geschichte beginnt im Jahr 2019 – und mit einer Frage, die Ralph Etlin und Jens Singer in ihrem Geschäft, der Optik Ott AG in Sarnen, von ihrer Kundschaft immer wieder hören: Ob es denn keine nachhaltigen Brillen im Sortiment gebe. Die Antwort lautet zunächst jedes Mal „Nein“. Kopfschütteln. Bedauern. Es sind diese kurzen Gespräche über den Verkaufstresen hinweg, die hängenbleiben. Fragen, die sich wiederholen. Und die irgendwann nicht mehr loslassen. Es folgt der Entschluss, es nicht länger dabei zu belassen. Wenn es nichts Passendes gibt, dann muss eben etwas Eigenes entstehen. „Die Meere versinken im Plastikabfall“, sagt Jens Singer. „Wegschauen ist keine Option mehr.“ Aus dieser Haltung wächst eine Idee: Warum nicht aus nutzlosem Einwegplastik etwas Sinnvolles machen? Auf die Idee folgt die Recherche. Woher kommt der richtige Abfall? Wie lässt sich Plastik so aufbereiten, dass daraus ein hochwertiges Produkt entsteht? Die Suche führt die beiden Augenoptiker zu Tide Ocean. Das Basler Unternehmen sammelt in Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen in Südostasien Plastikmüll, der sonst in den Ozeanen landen würde, und verarbeitet ihn weiter. Über 25 Millionen PET-Flaschen wurden auf diese Weise bereits wiederverwertet. Aus dem gesammelten Material entsteht ein eigens entwickeltes Granulat – das Ausgangsmaterial jeder einzelnen Planctons-Brille.
„Wir haben uns 500 Gramm Granulat in zwei unterschiedlichen Zusammensetzungen bestellt“, erinnert sich Ralph Etlin. „Und saßen dann erst einmal ziemlich ratlos da.“ Das Material liegt auf dem Tisch. Unspektakulär. Grau. Schwer einzuordnen. Keiner von beiden kennt sich mit dem Werkstoff aus, keiner weiß genau, wie daraus eine Brille entstehen soll. Schnell wird klar: Sie brauchen Unterstützung. Einen Tüftler. Jemanden, der nicht lockerlässt, bis eine Lösung gefunden ist. So kommt Dominik Gasser ins Spiel. Der umtriebige Obwaldner hat sich vor zwölf Jahren, damals gerade einmal 22, selbst eine Brille aus Holz gefertigt. Das Einzelstück wird später zum begehrten Objekt – und Dominik Gasser zum Jungunternehmer. Aber das ist eine andere Geschichte. Das Projekt von Jens Singer und Ralph Etlin überzeugt ihn sofort. Zu dritt setzen sie sich an den Tisch, experimentieren, tüfteln, verwerfen, beginnen von vorn. Als sich herkömmliche Werkzeuge bei der Arbeit nicht bewähren, entwickelt Dominik Gasser kurzerhand ein eigenes. Der Weg des Trios ist geprägt von schlaflosen Nächten, Zweifeln, Frust und immer wieder neuen Anläufen. Doch die Hartnäckigkeit lohnt sich, Schritt für Schritt fügt sich alles zusammen. Am Ende halten sie die erste fertige Brille in den Händen.
Bei einem notwendigen Produkt wie einer Brille macht es besonders Sinn, ein Material zu verwenden, das nachhaltig genutzt werden kann und so die Umwelt nicht zusätzlich belastet.
Brille, Putztuch, Etui: Alles aus recyceltem Abfall
Auf die ersten sechs Formen in fünf verschiedenen Farben – Schwarz, Anthrazit, Dunkelblau, Blau und Grün – folgen weitere. Inzwischen umfasst die Kollektion 21 unterschiedliche Fassungsformen. Die Produktion erfolgt in Lungern. Das gesamte Team besteht aus sechs Experten für Design, Produktion und Vertrieb. Dieser wiederum läuft über ein gezielt ausgesuchtes Netz an Schweizer Fachoptik-Geschäften. Jede einzelne Brille ist ein Unikat: Mit lebensmittelechter Farbe komplett durchgefärbt, erhält sie ihren ganz eigenen Charakter – keine gleicht der anderen. Kleine Einschlüsse, feine Schattierungen und Nuancen erzählen von der Herkunft des Materials. Das Pioniermaterial ist TÜV-geprüft, schadstofffrei, zertifiziert und zeigt in Bezug auf Stabilität Werte, die denen von Acetat entsprechen. Verglasung und Anpassung sind problemlos. Hat eine Brille ausgedient, kann sie wieder recylet werden. „Nicht mehr verwendete Planctons-Brillen nehmen wir zurück und sammeln sie zusammen mit Resten aus der Produktion. Ist die Sammeltonne voll, wird das Material wieder recycelt. Ein Kreislauf, den wir als sinnhaft erachten“, sagt Etlin. Und weil Nachhaltigkeit bei Planctons nicht beim Produkt endet, bestehen auch das Putztuch und das Etui aus recyceltem Abfall.
Das Ausgangsmaterial jeder einzelnen Planctons-Fassung ist ein Granulat, das von Tide Ocean entwickelt wurde. Das Basler Unternehmen hat sich auf die Gewinnung und Verarbeitung von Ozean-Plastik spezialisiert und sammelt in Zusammenarbeit mit sozialen Unternehmen in Südostasien Plastikmüll ein, der unsere Meere bedroht.
Dann kam der Anruf von "Höhle der Löwen Schweiz"
Während die Kollektion wächst, steigt auch die Aufmerksamkeit. Aus einem Experiment mit 500 Gramm Granulat wird ein Projekt, das Fragen stellt – und Antworten sucht. Nicht nur nach neuen Formen und Farben, sondern nach Strukturen, nach Know-how, nach einem nächsten Schritt. Denn so viel Herzblut, Handarbeit und Überzeugung in Planctons steckt: Die industrielle Brillenproduktion bleibt die größte Herausforderung. „Wir können in unserem Atelier wunderschöne Einzelstücke fertigen“, sagt Jens Singer, „aber um wirklich einen Unterschied zu machen, müssen wir den Schritt zur Serienproduktion schaffen – und den EU-Markt erobern.“ Unterstützung ist gefragt, damit Planctons seine nachhaltigen Brillen nicht nur lokal, sondern europaweit verfügbar machen kann, ohne Qualität und Philosophie zu kompromittieren.
Genau an diesem Punkt öffnet sich im letzten Herbst unerwartet eine neue Tür. Oder besser gesagt: ein Mail-Postfach. „Ich habe die Mailnachricht zweimal gelöscht, weil ich dachte, das sei Spam“, erinnert sich Jens Singer und lacht. Erst als eine Verantwortliche der Sendung telefonisch nachfasst, wird klar: Die „Höhle der Löwen Schweiz“ meint es ernst. Alles geht plötzlich sehr schnell. Vierzehn Tage später stehen die Planctons-Macher beim Probecasting beim Sender 3+, improvisieren, erzählen ihre Geschichte, präsentieren ihre Brillen. „Ad hoc performt“, sagt Jens Singer. Und überzeugt. Kurz darauf ist klar: Planctons wird Teil der Sendung – mit einem extrem engen Zeitfenster, wenig Raum für Zweifel und viel Raum für Adrenalin.
Jede Fassung erzählt eine Geschichte von Meer, Müll und Mensch - und von der Kraft, Dinge zu verändern.
Kurz bevor im Studio das Spotlight aufleuchtet, fühlt es sich an „wie ein Rennpferd kurz vor dem Start“, sagt Jens Singer. Vollgepumpt mit Adrenalin, hochkonzentriert, jedes Wort sitzt. Der Pitch ist kurz, prägnant, fast wie ein Elevator Ride – 15 Minuten Fernsehzeit, zwei Stunden Aufzeichnung, ein Moment, der alles bündelt, wofür jahrelang gearbeitet wurde. Was folgt, ist intensive Interaktion. Planctons bietet den Löwen eine 30-prozentige Beteiligung an ihrer Firma von 700 000 Franken an. Die Investoren setzen die Brillen auf, drehen sie in den Händen, stellen Fragen. Einer trägt die Fassung sogar bis zum Ende des Pitchs. Das Feedback ist durchweg positiv, die Begeisterung spürbar. Und doch kommt es am Ende zu keinem Deal. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus einem nüchternen Grund: Die Fremdbeteiligung von 30 Prozent ist den Löwen zu hoch, auch das fehlende Fachwissen in der Plastikproduktion ist ein Grund. Am Ende wird klar: Planctons braucht keinen Investor um jeden Preis, sondern den richtigen. Jemanden mit Erfahrung in der industriellen Brillenproduktion. „Geld allein reicht nicht“, sagt Jens Singer. „Wir brauchen jemanden, der weiß, wie man so etwas skaliert.“ Und diesen Jemand gibt es unter den Löwen nicht.
Enttäuschung über den Negativentscheid? Fehlanzeige. Der Auftritt bei den „Löwen“ war kein Umweg, sondern ein Schritt nach vorne. Sichtbarkeit, Erfahrung, Bestätigung. Und das Gefühl, etwas gewagt zu haben. „Ich würde es sofort wieder tun“, sagt Singer. „Ich liebe es, das zu präsentieren, woran ich glaube.“ Die Höhle der Löwen wird so nicht zum Endpunkt, sondern zu einem weiteren Kapitel eines Projekts, das mit Abfall beginnt und mit Haltung weitergeht. Planctons ist ein absolutes Herzensprojekt aller Beteiligten, in das sie neben ihrer regulären Arbeit investieren. „Wir sind überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein solches Produkt ist“, sagt Jens Singer. „Menschen, die sich für Planctons entscheiden, tragen dazu bei, die Meere von Plastikmüll zu befreien. Wir sind stolz, dass wir aus nutzlosem Einwegplastik ein nützliches Produkt kreieren konnten.“
Dabei geht es nicht nur um Umwelt, sondern auch um soziale Verantwortung: Ein Teil der Arbeiten entsteht in einer Behindertenwerkstatt, und pro verkauftes Modell werden die Fischer unterstützt, die das Plastik aus den Meeren sammeln. „Jeder Beitrag ist nur ein Puzzleteil, aber zusammen schafft er eine nachhaltige Verdienstmöglichkeit vor Ort“, erklärt er. „Als Pioniere der ,Zero Waste‘-Brillenproduktion stehen wir hinter echten Werten wie Nachhaltigkeit und Gemeinwohl und engagieren uns für ein Wachstum, das die Wiederverwertung von Ressourcen ermöglicht.“
Planctons zeigt, wie Handwerk, Herzblut und Ideenreichtum zusammenwirken. Aus Müll entsteht ein Produkt mit Charakter, aus Visionen werden Taten, aus kleinen Beiträgen ein Kreislauf, der Sinn stiftet. Zwischen Granulat, Werkzeugen und Prototypen schlägt das Herz des Projekts – kreativ, beharrlich, leidenschaftlich. Für Konsumenten bedeutet das: eine Brille, die nicht nur gut aussieht, sondern Haltung zeigt. Jede Fassung erzählt eine Geschichte von Meer, Müll und Mensch – und von der Kraft, Dinge zu verändern. Planctons beweist, dass nachhaltiges Design kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Verantwortung sein kann. Oder um es in den Worten der Macher zu sagen: „Die Erde ist ein bedrohtes Paradies, das unseren Schutz verdient. Planctons Brillen sind gemacht für moderne, umweltbewusste Menschen, die diese Idee mit uns teilen.“