Kooperation mit Designer Alfredo Häberli Nirvan Javan: Hommage an Zürich
30.07.2026
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Nirvan Javan (li.) und Alfredo Häberli haben ihre erste gemeinsame Brillenkollektion auf den Markt gebracht.
Erstveröffentlichung in der DOZ 08/2026
Auf den ersten Blick scheint die Zusammenarbeit ungewöhnlich. Alfredo Häberli zählt seit Jahrzehnten zu den international bedeutendsten Schweizer Produktdesignern. Seine Arbeiten reichen von Möbeln und Leuchten bis hin zu Alltagsgegenständen, die vielfach ausgezeichnet wurden. Brillendesign gehörte bislang jedoch nicht zu seinem Portfolio. Nirvan Javan wiederum hat sich mit seiner gleichnamigen Marke in der internationalen Augenoptik etabliert. Seine Kollektionen zeichnen sich durch kulturelle Referenzen, architektonische Inspirationen und eine starke gestalterische Handschrift aus.
Tatsächlich verbindet beide weit mehr als ihre Heimatstadt Zürich. „Design beginnt für uns nicht mit der Form, sondern mit dem Beobachten“, erklären die beiden Designer im Gespräch mit der DOZ. Das zehnjährige Bestehen der Marke Nirvan Javan sei der ideale Anlass gewesen, diese gemeinsame Haltung erstmals in einer Kollektion sichtbar zu machen. Hinzu kam ein weiterer Faktor: die technologischen Möglichkeiten des modernen 3D-Drucks. Erst diese hätten den gestalterischen Freiraum geschaffen, um Ideen umzusetzen, die mit klassischen Produktionsverfahren nur schwer oder gar nicht realisierbar wären.
Wer bei einer Kollektion namens „Zurich Collection“ direkte Verweise auf bekannte Wahrzeichen oder architektonische Ikonen erwartet, wird überrascht sein. Die Designer verfolgen einen deutlich abstrakteren Ansatz. „Wir wollten Zürich nicht illustrieren, sondern verstehen“, erklären Häberli und Javan. Statt einzelne Gebäude oder Sehenswürdigkeiten zu zitieren, überträgt die Kollektion die grundlegenden Prinzipien der Stadt auf das Produktdesign. Präzision, Klarheit, Reduktion und ausgewogene Proportionen werden zur gestalterischen Grundlage.
Die Stadt wird damit zum Designsystem. Architektur, Typografie und urbane Geometrien dienen als Inspirationsquelle für die Fassungsformen. Die Modelle basieren auf fünf geometrischen Grundformen, die ähnlich wie die Zeichen einer Schriftfamilie variiert und weiterentwickelt werden. Gerade dieser Vergleich mit der Typografie zieht sich konsequent durch die gesamte Kollektion. Wie bei einer gut gestalteten Schrift entscheiden nicht einzelne Elemente über den Charakter, sondern das Zusammenspiel feinster Details. Bereits minimale Veränderungen von Winkeln, Radien oder Proportionen verändern die Wirkung einer Fassung grundlegend.
Die Zurich Collection basiert auf fünf geometrischen Grundformen, die ähnlich einer Schriftfamilie immer neu interpretiert werden.
3D-gedruckte Brillenfassungen sind längst kein Novum mehr. Dennoch sehen die Designer gerade in dieser Fertigungstechnologie enormes Potenzial für die Weiterentwicklung des Brillendesigns. „3D-Druck eröffnet uns eine völlig neue konstruktive Freiheit“, betonen sie. Während klassische Fräs- oder Metallverfahren häufig konstruktive Grenzen setzen, lassen sich beim additiven Fertigungsprozess komplexe Strukturen direkt in die Konstruktion integrieren. Dazu gehören beispielsweise feine Rillenstrukturen, die nicht nachträglich aufgebracht werden müssen, sondern Teil der eigentlichen Konstruktion sind. Gleichzeitig ermöglichen die Verfahren großzügige, organische Volumina, die trotz ihrer Präsenz außergewöhnlich leicht bleiben. Ein weiteres Merkmal der Kollektion ist ein schraubenloser Scharniermechanismus, der sich harmonisch in die Gesamtgestaltung einfügt. Auch solche Lösungen wären mit herkömmlichen Verfahren deutlich aufwendiger umzusetzen. Für Augenoptikerinnen und Augenoptiker bedeutet dies einen wichtigen Aspekt im Beratungsgespräch: Der 3D-Druck dient hier nicht als Marketingargument oder technologische Spielerei, sondern als Werkzeug zur Umsetzung einer klaren gestalterischen Idee.
Bei der Konstruktion der Fassungen setzen die Designer auf eine Kombination aus 3D-gedrucktem Polyamid (PA12) für die Front und Titan für die Bügel. Die Materialwahl folgt dabei keinem Trend, sondern einer funktionalen Logik. Polyamid ermöglicht die hohe Formfreiheit. Titan ergänzt diese Eigenschaften durch Stabilität und Tragekomfort. Die Titanbügel gehen nahtlos in die organisch gestalteten Fronten über. Das Ergebnis ist eine durchgängige Material- und Formensprache, die technisch anspruchsvoll wirkt. Für den Fachhandel bietet diese Kombination mehrere Argumente zugleich: geringes Gewicht, hoher Tragekomfort, hochwertige Materialanmutung und eine moderne technische Ästhetik.
Interessant für Augenoptikfachgeschäfte ist insbesondere die Frage, wie sich die Kollektion am Point of Sale positionieren lässt. Die Designer sehen die „Zurich Collection“ ausdrücklich nicht als reine Technologiegeschichte. Vielmehr stehe die Verbindung von Gestaltung, Kultur und Handwerk im Vordergrund. Kunden würden die Besonderheiten nicht nur sehen, sondern auch unmittelbar spüren: die Leichtigkeit, die matte Oberfläche, die besondere Verarbeitung und die Haptik. Gerade im Premiumsegment gewinnt diese Form des Storytellings zunehmend an Bedeutung. Viele Kunden suchen heute nicht allein nach einer funktionalen Sehhilfe, sondern nach Produkten mit einer nachvollziehbaren Herkunft, einer klaren Haltung und einer authentischen Story. Die „Zurich Collection“ liefert hierfür zahlreiche Anknüpfungspunkte: Schweizer Design, die Zusammenarbeit zweier kreativer Persönlichkeiten, innovative Fertigungstechnologien und eine klare gestalterische Philosophie.
Nach Einschätzung der Designer richtet sich die Kollektion vor allem an Menschen, die Gestaltung bewusst wahrnehmen, sprich Kunden, die Architektur, Kunst, Design und hochwertige Materialien schätzen. Menschen, die keine auffällige Statement-Brille suchen, sondern ein Objekt mit Charakter und Tiefe. Gerade diese Zielgruppe findet sich häufig im hochwertigen Individualsegment inhabergeführter Augenoptik-Fachgeschäfte. Die Fassungen sprechen Kundinnen an, die sich für die Geschichte hinter einem Produkt interessieren und Wert auf Details legen, die sich oftmals erst beim zweiten Blick erschließen.
Alfredo Häberli (li.) und Nirvan Javan verbindet nicht nur Zürich als Heimatstadt, sondern auch ein ähnliches Verständnis von Gestaltung.
Eine besondere Rolle innerhalb des Projekts spielen die sogenannten Inuitgläser. Ursprünglich entstanden sie als gestalterisches Hilfsmittel während des Entwicklungsprozesses. Ihre besondere Geometrie ermöglichte es den Designern, Proportionen, Lichtwirkungen und Materialeigenschaften aus neuen Perspektiven zu betrachten. Im Verlauf der Entwicklung entstand daraus jedoch ein eigenständiges Designobjekt. Heute können die Inuitgläser auf Anfrage bestellt werden und fungieren als sichtbarer Ausdruck des kreativen Prozesses hinter der Kollektion.
Mit der „Zurich Collection“ verbinden Nirvan Javan und Alfredo Häberli Schweizer Designkultur mit den gestalterischen Möglichkeiten moderner Fertigungstechnologien. Für Augenoptikerinnen und Augenoptiker bietet die Kollektion vor allem eines: eine interessante Verbindung aus Design, Materialqualität und Storytelling, die sich insbesondere im Premiumsegment argumentativ vermitteln lässt.