Die Zukunft wird präziser, komplexer und individueller Global Specialty Lens Symposium 2026 zeigt spannende Tendenzen auf
30.03.2026
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Jason Nichols eröffnet das Symposium in Las Vegas.
Erstveröffentlicht in der DOZ 04I26
Auch wenn das Global Specialty Lens Symposium (GSLS) mit 850 deutlich weniger Teilnehmer hatte als die zeitgleich abgehaltene Consumer Electronics Show (mit rund 150.000), war der Innovations- und Informationsgehalt für die Speziallinsenversorgung erneut außergewöhnlich hoch. Bereits im Vorfeld des Hauptkongresses traf sich das International Forum for Scleral Lens Research (IFSLR). Rund 70, überwiegend wissenschaftlich tätige Expertinnen und Experten diskutierten aktuelle Forschung zu Sklerallinsen. Neben etablierten Namen wie Maria Walker, Jan Bergmanson und Muriel Schornack erhielten auch Praktiker und Nachwuchsforschende eine Plattform, um ihre Arbeiten vorzustellen. Der diesjährige Schwerpunkt lag darauf, wie die Marktakzeptanz für Sklerallinsen weltweit ist und in welchem Maß Ausbildung, Qualifikation und Kompetenz der Anpasser die Verbreitung von Sklerallinsen beeinflussen.
Im Blick war besonders die Situation in Europa. Bo Lauenborg (Dänemark) und Korine van Dijk (Niederlande) analysierten die Marktsituation in den skandinavischen Ländern und in den Niederlanden und präsentierten die insgesamt sehr unterschiedlichen Ergebnisse. So sind Anpasser in skandinavischen Ländern zwar im Hinblick auf die Patientenversorgung mit Kontaktlinsen gut ausgebildet, aber im Allgemeinen zählt die Versorgung von Hornhautirregularitäten mit Sklerallinsen nicht zur täglichen Routine. Etwa 15 Prozent aller Kontaktlinsenanpassungen werden mit Speziallinsen durchgeführt und 49 Prozent dieser Speziallinsen sind Sklerallinsen. Einen entscheidenden Grund hierfür sieht Lauenborg darin, dass die Ketten den Markt dominieren und diese die Bedeutung und Potenziale der Versorgung mit Speziallinsen bisher nicht erkannt hätten.
Anders stellt sich die Situation in den Niederlanden dar. Dort ist die Firma Visser als Pionier in der Sklerallinsenversorgung seit Jahrzehnten aktiv. Die gute Zusammenarbeit mit Augenärzten und Kliniken wurde und wird intensiv gepflegt: Visser betreibt die Sklerallinsenversorgung in über 40 Kliniken in den Niederlanden. In dieser Konstellation wurden in den vergangenen sechs Jahren 27.430 Sklerallinsenanpassungen durchgeführt. Die Indikation war in 55 Prozent der Fälle Keratokonus, in 13 Prozent andere Hornhautirregularitäten und in zwölf Prozent Refraktionsanomalien. Trockenes Auge war die Indikation in jedem zehnten Fall, weitere neun Prozent wurden nach Keratoplastik angepasst und die restlichen drei entfielen auf „sonstige Hornhautprobleme“. In Relation zur globalen Anwendungshäufigkeit, bei der im Jahr 2024 bereits 30 Prozent der formstabilen Kontaktlinsen Sklerallinsen waren, ist in Europa noch ungenutztes Potenzial für die weitere Verbreitung von Sklerallinsen vorhanden.
SCOPE: Sklerallinse hat die Korneallinse deutlich abgehängt
Interessante Ergebnisse präsentierte auch Muriel Schornack von der Mayo Clinic in Rochester. Gemeinsam mit fünf weiteren Autorinnen erstellt sie seit zehn Jahren die SCOPE-Erhebung. SCOPE steht für „Scleral Lenses in Current Opthalmic Practice Evaluation“ und untersucht, bei welchen Indikationen und in welchem Umfang Sklerallinsen verordnet und angepasst werden. Die aktuellen Daten zeigen, dass für die befragten Anpasser bei der Frage nach dem Mittel der Wahl bei Hornhautirregularitäten noch 2015 die Korneallinse vor der Sklerallinse lag (277 zu 217 Fälle). Im Jahr 2020 bevorzugten lediglich 132 Befragte die Korneallinse gegenüber 268 Befragten, die die Sklerallinse als erste Versorgungsoption sahen. Noch deutlicher hat sich das Bild in der aktuellen Befragung gewandelt, in der 446 der Befragten die Sklerallinse bevorzugten gegenüber 99 Befragten, die weiterhin die Korneallinse als erste Lösung ansahen. Ähnlich verhält sich der Trend zur Anpassung größerer Sklerallinsendurchmesser, bei dem aktuell 63 Prozent der Befragten Linsendurchmesser von 16.00 Millimetern oder größer bevorzugen.
Im Paris Hotel fand das GSLS statt.
Die Bewertung der Anpasstrends in Bezug auf die Komplexität der Randgestaltung ist schwieriger, da in den vergangenen Jahren deutlich komplexere Randgeometrien mit torischen, quadrantenspezifischen und auch Freiformgeometrien angeboten werden, die noch vor zehn Jahren in dieser Form nicht verfügbar waren. Immerhin zeigt auch dieser Vergleich, dass Sklerallinsenhersteller das Produkt stetig weiterentwickeln, um eine bessere Versorgung auch komplizierter Verhältnisse zu ermöglichen. Als Pflegemittel werden allgemein Peroxid-Systeme bevorzugt und als Einsetzlösung werden hauptsächlich unkonservierte Kochsalzlösungen in Einmal-Ampullen vor unkonservierten Inhalationslösungen und unkonservierten Kochsalzlösungen in Flaschen verwendet.
Vorschlag: Kinder einfach mal Kinder sein lassen
Das Programm des GSLS begann im Anschluss an das IFSLR am Nachmittag des 7. Januar mit interaktiven Präsentationen zum Thema Myopiekontrolle. Hierbei wurden einerseits aktuelle Studien zum Stand der Myopieforschung vorgestellt und andererseits auch die praktischen Umsetzungen und Vorgehensweisen in der Praxis durch Kurzumfragen zu einzelnen Aspekten aus dem Auditorium erfragt. Auf diese Weise konnten sich die anwesenden Zuhörer mit aktuellem Wissen versorgen und erfahren, wie andere Praktiker mit Herausforderungen wie zielgruppengerechter Kommunikation, Compliance oder Vermittlung einer realistischen Erwartungshaltung umgehen. Wenn die Anpassung von Sehhilfen mit dem Ziel, die Progression der Myopie zu verlangsamen, durch zu hohen Erwartungsdruck von Schule und Elternhaus begleitet wird, kann im Ergebnis ein starker Nahstress bei Hausaufgaben und Nutzung digitaler Medien eventuell den angestrebten Effekt verringern. Die These hierzu war, man solle Kinder eben einfach auch mal Kinder sein lassen und sie nicht 24 Stunden am Tag mit hohen Anforderungen überfrachten.
Weitergehende Vorschläge für die Myopiekontrolle präsentierte Pat Caroline. Wichtig ist bei der Anpassung von Ortho-K-Linsen die Beurteilung der Hornhautperipherie. Zeigt sich eine Höhendifferenz von ≥ 30 µm zwischen dem steilen und dem flachen Hornhautmeridian, so ist eine torische Kontaktlinse erforderlich, um optimale Zentrierung zu gewährleisten. Allerdings haben optimal zentrierte Ortho-K-Linsen nach einer neueren Veröffentlichung [1] einen geringeren Einfluss auf die Verlangsamung der Myopieprogression, als dezentrierte Kontaktlinsen. Einige, bisher als sicher angesehene Erklärungsmodelle zur Myopieprogression werden inzwischen in Frage gestellt. So wird das ursprünglich von Earl L. Smith III vorgestellte Modell des hyperopen Defokus im Bereich peripheren Bildlage kritisch hinterfragt. Inzwischen geht man eher davon aus, dass unterschiedliche Bildsignale im Bereich der Fovea (Foveafläche 110 µm) ein „Stop“- oder „Go“-Wachstumssignal auslösen. Belegt werden diese neuen Konzepte durch eine aktuell von Pauline Cho veröffentlichte Studie. [2]
Einen der begehrten 130 Plätze in der Poster Session des GSLS erhielt der einzige deutsche Beitrag von Tim Schwarz, der mit seiner Fallbeschreibung „Continuous Wear of a Scleral Lens After Penetrating Keratoplasty: A life saving treatment option“ einiges Aufsehen erregte.
Für eine frühzeitige Keratokonus-Erkennung und frühestmögliche Behandlung plädierte Elise Kramer. Sie bezog sich auf aktuelle Untersuchungen von Kreps [3] zu Diagnosemustern bei Keratokonus, nach denen nur 13 Prozent der Keratokonuspatienten unter 18 Jahren die richtige Diagnose erhielten, obwohl der Keratokonus bereits manifest war. Bei 87 Prozent der Patienten wird der Keratokonus erst später festgestellt, weil erst dann die Sehverschlechterung so deutlich ist, dass die Ursache für den Visusverlust gezielt untersucht wird. Durch gezielte Reihenuntersuchungen bereits im Schulalter könnte diese Situation verbessert werden. Konsequenterweise sollte dann auch schnell eine Behandlung in Form eines Cross-Linking erfolgen. Das wäre deshalb so bedeutend, weil 90 Prozent der Keratokonuspatienten bereits im Frühstadium eine deutliche Progression und die damit einhergehende Visusverschlechterung hätten.
Damit Patienten möglichst unmittelbar Zugang zum Cross-Linking haben, schlägt Glaukos als Hersteller vor, das bekannte Typ-I-Verfahren, bei dem durch Riboflavin und UV-A-Bestrahlung eine Vernetzung der Kollagenfasern erfolgt, durch ein weiterentwickeltes Typ-II-Verfahren zu ersetzen. Der Name für das neue Verfahren ist Epioxa. Das Epioxa-Verfahren zeichnet sich dadurch aus, dass zusätzlich Sauerstoff eingesetzt wird, um die kollagenvernetzende Wirkung zu verstärken. Da es sich um ein Epi-on-Verfahren handelt, kann das Cross-Linking ambulant direkt in der Optometriepraxis durchgeführt werden und ist weniger belastend als Epi-off-Verfahren.
Offene Fragen und Messungen unmittelbar im Tränenfilm
Ein zentrales Thema blieb die Sicherheit und Wirksamkeit von Sklerallinsen. Während Fragen zur Sauerstoffversorgung der Hornhaut und zum Augeninnendruck inzwischen weitgehend als unkritisch gelten, stehen andere Erscheinungen noch zur Klärung an. So zeigte Josh Lotoczkyin in Untersuchungen, dass das „Settling“ von Sklerallinsen nicht nur durch Bindehautkompression erklärbar ist, sondern auch in einigen Fällen durch eine Zunahme der Vorderkammertiefe – oft in einem mehrjährigen Prozess – beobachtet werden kann. Die Ursache dafür ist unklar, ebenso die Antwort auf die Frage, warum diese Zunahme bei einigen Trägern zu beobachten ist und bei anderen nicht.
Matthew Keyzer vom College of Optometry der Universität Houston stellte ein Verfahren zur Beprobung des Tränenfilm hinter der Sklerallinse vor. Hierbei werden nach Abnahme der Linse vom Auge aus dem in der Sklerallinse verbleibenden Tränenfilm per Mikropipette einige Tropfen zur Analyse entnommen und untersucht. Die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit soll Aufschluss darüber geben, ob unter der Linse Entzündungsmediatoren nachgewiesen werden können.
Das Hauptsymposium stand im Zeichen technologischer Innovationen. Vorgestellt wurden unter anderem ein elektrolytisches Reinigungssystem („ELEPY Technology“) von 3N Eyecare zur schnellen und konservierungsmittelfreien Desinfektion verschiedenster Linsentypen, mit einem neu entwickelten Tool, in dem Anpasser ganze Messlinsensätze reinigen und desinfizieren können; neue Ansätze zur hochgradigen Individualisierung von Sklerallinsen auf Basis detaillierter Augenformmessungen mittels Profilometrie zum Beispiel mit dem Corneo-Skleral-Profil der Oculus Pentacam, dem eaglet-eye-System sowie KI-gestützte Designprozesse, etwa durch das Gaudi-Profilometer, die eine freie Geometrie der Sklerallinse und perspektivisch auch die Korrektur höherer Aberrationen ermöglichen (Sklerallinsen mit diesen Möglichkeiten wurden von Bausch + Lomb, Gaudi und anderen Herstellern vorgestellt).
Das GSLS 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Zukunft der Speziallinsenversorgung in der Individualisierung, der zunehmend präziseren Vermessung der Augenform und der Korrektion komplexer Abbildungsfehler liegt. Für Augenoptiker und Optometristen eröffnen sich damit neue Möglichkeiten, selbst bei schwierigen Ausgangssituationen optimale visuelle Resultate und hohe Verträglichkeit zu erzielen.
Das nächste Global Specialty Lens Symposium findet vom 3. bis 6. Februar 2027 wieder in Las Vegas statt.
Literatur und Quellen
Literaturverzeichnis einblenden[1] Wang A, Shen L, Yang C. Influence of orthokeratology lens treatment zone decentration on myopia progression: a systematic review with meta-analysis. Pediatr Med 2023;6:24.
[2] Su B, Cho P, Vincent SJ, Zheng J, Chen J, Lin H, Wang F, Sheng Z, Wang X, Lu F, Jiang J. Two-year results of Lenslet-ARray-Integrated spectacle lenses for myopia control in children. Eye Vis (Lond). 2025 Nov 1;12(1):45.
[3] Kreps EO, Claerhout I, Koppen C. Diagnostic patterns in keratoconus. Cont Lens Anterior Eye. 2021 Jun;44(3):101333.