Bei schweren Hornhautirregularitäten EyePrint Prosthetics: Sklerallinsen mit Abdrucksystem
30.03.2026
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Auch wenn es auf den ersten Blick unangenehm aussieht, hat der Kunde während des Augenabdrucks in der Regel keine Beschwerden.
Erstveröffentlichung in der DOZ 04/26.
Sklerallinsen gelten als etablierte Versorgungsoption bei irregulären Hornhautformen. Mit Hilfe moderner Topo- und Tomografen lassen sich sagittale Höhenprofile präzise berechnen, die als Grundlage für die individuelle Anpassung dienen. Entsprechend ist das Thema in spezialisierten Kontaktlinsenstudios fest verankert. Auch zahlreiche Hersteller – darunter Appenzeller, Bausch + Lomb, Hecht, Menicon oder MPG&E – führen Sklerallinsen im Portfolio. Auf der Opti stellte Wave Eye Care das Verfahren „EyePrint Prosthetics“ vor. Das Unternehmen aus Arlington (Washington) gehört seit 2020 zur Oculus-Gruppe, Maik Stach verantwortet den internationalen Geschäftsbereich. Er beschreibt Wave Eye Care als „großen Schirm“, unter dem in Europa die beiden Marken „Wave Contact Lens System“ und „EyePrint Prosthetics“ gebündelt sind.
Abdruck mit Hilfe von 80.000 Messpunkten
Das Wave-Contact-Lens-System basiert laut Stach auf einer „topografiebasierten oder tomografiebasierten Kontaktlinsenanpassung“. Anpassende erstellen eine Topografie beziehungsweise eine Messung des Corneo-Skleral-Profils. Anhand dieser Messung und mit Hilfe der Wave-Contact-Lens-Software können sie ihre eigenen Freiformlinsen erstellen. Stach formuliert es so: „Mit der Software wird man zum Designer von Kontaktlinsen und kann die eigene Anpassungsphilosophie umsetzen.“ Bei den meisten Augen funktioniere der softwarebasierte Ansatz problemlos. Bei stark traumatisierten Augen oder ausgeprägten Vernarbungen kann die Software an ihre Grenzen stoßen.
In solchen Fälle setzt Wave Eye Care auf ein abdruckbasiertes Verfahren. Eyeprint Prosthetics ist eine „abdruckbasierte Technologie“: Mit einem Zweikomponenten- Material wird ein Abdruck der okulären Oberfläche genommen. Dieser wird anschließend digitalisiert und bildet die Grundlage für die individuelle Gestaltung der Sklerallinse. Nach Unternehmensangaben dient ein Datensatz von 80.000 individuellen Messpunkten aus dem Abdruck als Grundlage für die Linsenkonstruktion. Ziel ist eine möglichst detailgetreue Rekonstruktion der gesamten okulären Oberflächenkontur. Zur Veranschaulichung: Ein Bild mit einer einfachen Datenerfassung der Oberfläche (siehe linkes Bild unten) im Vergleich mit der Digitalisierung und der Erfassung von über 80.000 Messpunkten des Eyeprint-Prosthetics-Scans. Es entsteht eine deutlich differenziertere, hochauflösende Abbildung der okulären Oberfläche (rechtes Bild), bei der auch feinere Konturunterschiede sichtbar werden. Maik Stach: „Daraus entsteht die weltweit komplexeste Skleral linse auf dem Markt.“
Während das linke Bild eine schematische Darstellung liefert, bildet das rechte mit der Software des Eyeprint- Prosthetics-Scans die Oberfläche detailgetreu ab.
Hoffnung für vermeintlich hoffnungslose Fälle
Der Ablauf ist arbeitsteilig organisiert. Der Abdruck erfolgt im Kontaktlinsenstudio oder in einer augenärztlichen Einrichtung. Anschließend wird er nach Wetzlar versandt und dort bearbeitet. „Oculus digitalisiert den Abdruck und gibt ihn weiter an das Designteam nach Denver“, erklärt Stach. Die Fertigung übernehmen Partnerlabore. „Nach drei bis vier Wochen ist die individuelle Sklerallinse beim Kunden – abhängig von der Komplexität.“
Um einen Augenabdruck mit dem Eyeprint-Prosthetics-Verfahren durchführen zu dürfen, benötige man eine Zertifizierung. „Das Training ist ein Qualitätsfaktor und Voraussetzung, um solch komplexe Sklerallinsen anzupassen“, sagt Stach. Die Schulung erfolgt im Rahmen eines Tagesseminars mit praktischem Anteil; zusätzlich gibt es im Vorfeld eine Online-Schulung. Entscheidend sei weniger das reine Durchführen des Abdrucks am Kundenauge als die Fähigkeit, das Ergebnis korrekt beurteilen zu können: „Das sind Nuancen, die wirklich entscheiden, etwa Fixation und Blickrichtung.“ Kontaktlinsenexpertinnen und -experten müssten sich nur einmal zertifizieren (das Unternehmen nennt Interessenten die Kosten für die Seminare auf Anfrage).
Stach betont, dass Eyeprint Prosthetics nicht für Standardversorgungen gedacht ist, sondern „für vermeintlich hoffnungslose Fälle.“ Genannt werden traumatisierte Augen, ausgeprägter Keratokonus oder Keratoglobus. Dort, wo „normale Tomografen und Topografen aussteigen“, könne das Abdruckverfahren eine zusätzliche Option darstellen. Die Zielgruppe sieht er entsprechend in spezialisierten Kontaktlinsenstudios und Einrichtungen mit therapeutischem Schwerpunkt, häufig in enger Zusammenarbeit mit Augenärztinnen oder Kliniken. Weltweit betreut Wave Eye Care nach eigenen Angaben über 2.000 Kunden.
Maik Stach ist Augenoptikermeister und verantwortet als „International Business Development Manager“ bei Wave Eye Care den Ausbau sowie die strategische Weiterentwicklung der internationalen Märkte.
Patientenerlebnis und Praxisaufwand
Ein häufiger Vorbehalt betrifft den Komfort während der Abdrucknahme. „Das komplette Prozedere ist schmerzfrei. Es ist tatsächlich nur ein kaltes Gefühl auf dem Auge“, versichert Stach. Das Verfahren komme ohne örtliche Betäubung aus. Gerade bei trockenen Augen werde das Material teilweise als angenehm kühl empfunden. Der Abdruck bleibe lediglich 90 bis 120 Sekunden auf dem Auge. Nicht geeignet sei das Verfahren unmittelbar nach einer Hornhauttransplantation. In komplexen Fällen erfolge in der Regel eine enge Abstimmung mit den ophthalmologischen Fachärztinnen.
Pro Patient ist in der Praxis mit einem Zeitaufwand von rund einer Stunde zu rechnen. Je nach Befundlage müssen mitunter mehrere Abdrücke genommen werden, „drei bis vier pro Auge, bis ein qualitativ geeigneter Abdruck vorliegt“. Zur Erstpassrate nennt Stach keine feste Zahl. Bei komplexen Ausgangssituationen sei dies immer schwer zu sagen. Im Preis sind zwei Tauschlinsen enthalten. Da häufig kein verlässlicher Ausgangsrefraktionswert vorliege, erfolge nach der ersten passformgerechten Linse eine Überrefraktion. „In den meisten Fällen ist es mit der zweiten Linse geschafft“, sagt Stach. Ein weiterer Aspekt ist die Reproduzierbarkeit. Liegt keine Progression vor, nutzt das Unternehmen den digitalisierten Abdruck für spätere Nachbestellungen erneut. Die Reproduzierbarkeit ist damit extrem hoch.
Hauptmerkmale von „Wave Contact Lens System“ vs. „EyePrint Prosthetics“ im Vergleich