Meinungsbeitrag Braucht die Augenoptik mehrere fachwissenschaftliche Verbände?
30.03.2026
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Drei Verbände, ein gemeinsames Ziel. Aber: Wie viel Vielfalt braucht die fachwissenschaftliche Landschaft der Augenoptik und Optometrie in Deutschland wirklich?
Erstveröffentlichung in der DOZ 04I26
Die Augenoptik / Optometrie in Deutschland verfügt über eine engagierte und traditionsreiche Verbandslandschaft. Gleichzeitig stelle ich mir seit längerer Zeit eine Frage, die vielleicht unbequem ist, die wir aber aus meiner Sicht stellen müssen: Braucht unsere Branche wirklich mehrere parallel arbeitende fachwissenschaftliche Verbände – oder schwächen wir uns damit am Ende selbst? Ich beschäftige mich mit dieser Frage nicht nur als Unternehmer und Optometrist im Alltag, sondern auch im Ehrenamt. Als zweiter Vorsitzender des Vereins Deutscher Contactlinsen-Spezialisten und Optometristen (VDCO) erlebe ich die Verbandsarbeit aus nächster Nähe. Gerade deshalb bin ich zunehmend überzeugt: Wir verschenken in Deutschland zu viel Energie in parallelen Strukturen.
Die fachwissenschaftliche Landschaft der deutschen Augenoptik und Optometrie wird derzeit maßgeblich von drei Organisationen geprägt: der Internationalen Vereinigung für Binokulares Sehen (IVBS), der Wissenschaftlichen Vereinigung für Augenoptik und Optometrie (WVAO) und dem VDCO. Alle drei Verbände leisten ohne Frage wertvolle Arbeit. Sie organisieren Kongresse, fördern wissenschaftlichen Austausch und engagieren sich für die Weiterentwicklung der Augenoptik und Optometrie. Das heißt aber auch, dass wir in vielen Bereichen parallel arbeiten, statt gemeinsam stärker zu werden.
Ein Blick auf die Fortbildungslandschaft zeigt schnell, wo das Problem liegt. Jede Organisation veranstaltet eigene Kongresse und Fortbildungsformate im Bereich Augenoptik / Optometrie. Doch wer nimmt dort teil? In vielen Fällen sind es immer wieder die gleichen engagierten Kolleginnen und Kollegen, die sich fortbilden wollen und Verantwortung für die Entwicklung unseres Berufsstands übernehmen.
Braucht es vor diesem Hintergrund wirklich mehrere Kongresse mit ähnlichen Themen – oder wäre ein großer, gemeinsamer Kongress nicht deutlich wirkungsvoller? Ein gemeinsamer Kongress der fachwissenschaftlichen Augenoptik und Optometrie in Deutschland könnte eine ganz andere Strahlkraft entfalten – fachlich, wissenschaftlich und auch in der Außenwirkung.
Zusammenarbeit ist möglich und kann erfolgreich sein
Dass Kooperation funktionieren kann, zeigt bereits ein positives Beispiel: die Sichtkontakte. Hier arbeiten mehrere Organisationen zusammen und schaffen eine Plattform, die sich in der Branche etabliert hat. Für mich ist das ein klarer Beleg dafür, dass Zusammenarbeit möglich ist und erfolgreich sein kann. Wenn mehrere Organisationen ihre Kräfte bündeln, entsteht eine deutlich stärkere Plattform für Austausch und Weiterbildung in Augenoptik und Optometrie. Die entscheidende Frage lautet daher: Warum denken wir diese Zusammenarbeit nicht konsequent weiter?
Ich bin überzeugt, dass die Zeit reif ist, über eine stärkere Bündelung der fachwissenschaftlichen Kräfte nachzudenken. Ein gemeinsamer fachwissenschaftlicher Verband könnte die verschiedenen Spezialisierungen der Augenoptik und Optometrie unter einem Dach vereinen – etwa Kontaktlinsenoptometrie, Binokularsehen, klinische Optometrie oder wissenschaftliche Themen der Augenoptik. Die Expertise wäre weiterhin vorhanden – aber sie wäre gebündelt, sichtbarer und schlagkräftiger.
Diese Diskussion ist nicht nur eine organisatorische Frage. Sie betrifft auch die zukünftige Rolle der Augenoptik / Optometrie im deutschen Gesundheitssystem. Wir erleben bereits heute tiefgreifende Veränderungen: steigende Patientenzahlen, eine alternde Bevölkerung, zunehmender Ärztemangel. In vielen Bereichen können und werden Augenoptik und Optometrie künftig eine noch stärkere Rolle in der Versorgung der Bevölkerung spielen. Umso wichtiger wäre eine größere Sichtbarkeit im deutschen Gesundheitswesen. Ich bin überzeugt, dass ein großer, starker fachwissenschaftlicher Verband dazu beitragen könnte, unserer Profession mehr Gewicht zu verleihen. Eine gebündelte Organisation hätte eine deutlich stärkere Stimme gegenüber Politik, Gesundheitswesen und Öffentlichkeit.
Ein weiterer Aspekt wird in dieser Diskussion häufig unterschätzt: die Rolle der Industrie. Viele Industriepartner unterstützen seit Jahren Kongresse, Fortbildungen und wissenschaftliche Veranstaltungen der Augenoptik und Optometrie. Diese Unterstützung ist ein wichtiger Bestandteil unseres Fortbildungssystems.
Auch die Industrie dürfte ein Interesse daran haben, einen klaren Ansprechpartner und eine große Plattform der Augenoptik und Optometrie zu haben. Statt mehrere kleinere Veranstaltungen zu begleiten, könnten Unterstützungs- und Sponsoringaktivitäten gezielter und gebündelter eingesetzt werden.
Ein starker fachwissenschaftlicher Verband könnte die wissenschaftlichen und fachlichen Themen der Augenoptik und Optometrie bündeln.
Fachverband und Berufsverband – eine klare Aufgabenteilung
Dabei geht es nicht darum, bestehende Strukturen grundsätzlich in Frage zu stellen. Der Zentralverband der Augenoptiker und Optometristen (ZVA) erfüllt eine zentrale Rolle als berufspolitische Interessenvertretung unserer Branche. Diese Aufgabe bleibt unverzichtbar und umfasst insbesondere die Vertretung der Interessen der Augenoptikbetriebe gegenüber Politik, Institutionen und Öffentlichkeit. Parallel dazu könnte jedoch ein starker fachwissenschaftlicher Verband die wissenschaftlichen und fachlichen Themen der Augenoptik und Optometrie bündeln. Eine klare Aufgabenverteilung zwischen berufspolitischer Vertretung und fachwissenschaftlicher Arbeit würde aus meiner Sicht beide Seiten stärken.
Darüber hinaus ließen sich perspektivisch auch Aufgaben, die heute innerhalb des ZVA angesiedelt sind, stärker auf einen solchen Fachverband übertragen. Ein Beispiel ist der fachwissenschaftliche Ausschuss des ZVA, der unter anderem an der Erstellung und Weiterentwicklung der Arbeitsrichtlinien der Augenoptik beteiligt ist. Aus meiner Sicht wäre es durchaus denkbar, dass ein starker, gemeinsamer Fachverband künftig solche fachlichen Aufgaben übernimmt. Die Erarbeitung und Weiterentwicklung fachlicher Standards, Leitlinien und Richtlinien der Augenoptik und Optometrie könnte dann zentral aus der wissenschaftlichen Community heraus erfolgen – selbstverständlich weiterhin in enger Zusammenarbeit mit dem ZVA. Eine solche Struktur würde dazu beitragen, die fachliche Expertise noch stärker zu bündeln und gleichzeitig die jeweiligen Rollen innerhalb der Branche klarer zu definieren.
Eine Organisation möchte ich in dieser Diskussion ausdrücklich hervorheben: die RAL-Gütegemeinschaft Optometrische Leistungen (GOL). Sie arbeitet an klaren Qualitätsstandards für optometrische Leistungen und trägt damit wesentlich zur strukturierten Weiterentwicklung der Augenoptik und Optometrie in Deutschland bei. Diese Aufgabe unterscheidet sich von der klassischen Verbandsarbeit und nimmt deshalb eine besondere Stellung ein.
Persönliche Positionen beiseite legen
Wenn wir über eine stärkere Bündelung von Verbänden sprechen, dürfen wir uns nichts vormachen: Der schwierigste Teil solcher Prozesse sind selten organisatorische Fragen. Der schwierigste Teil sind persönliche Interessen, gewachsene Strukturen und Ehrenämter. Wenn wir diesen Schritt ernsthaft gehen wollen, müssen wir bereit sein, persönliche Positionen oder historische Grenzen beiseitezulegen. Denn letztlich geht es nicht um einzelne Verbände – es geht um die Zukunft unserer Profession in Augenoptik und Optometrie.
Die Zeit ist reif für diese Diskussion. Vielleicht wird nicht jede Idee sofort umsetzbar sein. Vielleicht sind manche Strukturen komplexer, als wir heute denken. Aber ich glaube fest daran, dass wir diese Gespräche jetzt führen sollten. Wenn wir die Kräfte der fachwissenschaftlichen Augenoptik / Optometrie bündeln, können wir als Branche stärker auftreten – wissenschaftlich, gesundheitspolitisch und in der öffentlichen Wahrnehmung.
Die Frage ist daher nicht, ob Veränderung möglich ist. Die entscheidende Frage ist: Haben wir den Mut, sie gemeinsam zu gestalten?