Pilotprojekt „Auracast“ am Frankfurter Flughafen: Durchsagen an den Gates direkt ins Ohr

Frau am Gate

Der Flughafen Frankfurt setzt als weltweit erster Airport die Bluetooth- Technologie „Auracast“ für öffentliche Durchsagen ein.

© Frankfurt Airport

Erstveröffentlichung in der DOZ 07/2026

Wer kennt das nicht: Man befindet sich am Gate eines Flughafens und die Durchsagen sind aufgrund der akustischen Verhältnisse kaum verständlich. Oder man sitzt in der Hotellobby und auf einem Fernseher werden Nachrichten oder ein spannendes Fußballspiel übertragen. Der Ton ist aber in der Regel stummgeschaltet, um andere Gäste nicht zu stören. In diesen Situationen wäre es nicht nur für Hörsystemnutzer praktisch, wenn Audiosignale auf Wunsch kabellos über Hörsysteme oder Kopfhörer empfangen werden könnten. Diese Alltagssituationen waren Motivation für die Entwicklung eines allgemeinen und leicht zugänglichen Standards bei der Übertragung von Audiosignalen, der seit Januar am Frankfurter Flughafen in einem Pilotprojekt getestet wird.

Die Projektpartner haben die neue Lösung an den Gates A16 und A17 im Terminal 1 installiert. Zur Zeit sammeln sie Feedback von Reisenden und Mitarbeitenden, um zu bewerten, wie sich die Technologie auf die Barrierefreiheit, den Komfort und das gesamte Passagiererlebnis auswirkt. Nutzen können die Audioübertragung diejenigen Fluggäste mit Auracast-kompatiblen Hörsystemen, Ohrhörern oder Kopfhörern. Um an den beiden Gates die Durchsagen zu empfangen, wählen Passagierinnen und Passagiere sich einfach mit der App der Hörsysteme beziehungsweise ihrer kabellosen Kopfhörer oder den Betriebseinstellungen des Smartphones in den entsprechenden Übertragungsstream ein. Zu betonen ist, dass das Smartphone dabei nicht der physische Empfänger der Signale ist, sondern darüber lediglich der Zugang erfolgt, ähnlich wie man es bei der Einwahl in ein öffentliches WLAN kennt. Diese Option ermöglicht es den Nutzern, eigenverantwortlich zu entscheiden, welchen Stream sie empfangen wollen und erlaubt die parallele mehrsprachige Übertragung von Durchsagen.

Technisch-audiologische Hintergründe

Kabellose Technologien sind seit langem ein Ausstattungsstandard bei Hörsystemen, sogenannte Wireless- Kopfhörer sind im Alltag der Gesellschaft angekommen. In der Regel empfangen diese jedoch nur Signale von einem einzelnen Smartphone, Tablet-Computer oder Fernseher. Eine allgemeine Empfangsmöglichkeit von öffentlichen Durchsagen ist nicht vorgesehen. Für Träger von Hörsystemen ergibt sich zusätzlich das Problem, dass Kopfhörer und Hörsysteme nicht gleichzeitig nutzbar sind. Aus diesem Grund wurden verschiedene Technologien entwickelt, die eine direkte Verbindung zwischen Hörsystemen und verschiedenen Audioquellen ermöglichen.

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Die kabellose Vernetzung ist nicht nur ein Komfortmerkmal, sondern hat auch wichtige audiologische Hintergründe: Für Menschen mit einer Hörminderung ist ein verbesserter Signal-Rauschabstand (SNR) entscheidend. Eine direkte Übertragung verbessert den SNR, da Störgeräusche aus der Umgebung nicht übertragen werden. Selbst geringfügige SNR-Verbesserungen von wenigen dB verbessern die Sprachverständlichkeit signifikant. Zudem trägt die Überwindung von Entfernungen und die Minimierung von Echo- und Hallgeräuschen in großen Räumen nachweislich ebenfalls zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit bei.

In der Praxis ergab sich die Herausforderung, dass jeder Anbieter eine eigene technologische Lösung präferierte. Wechselte der Kunde den Hörsystemhersteller, musste auch zuvor genutztes Zubehör wie ein TV-Sender erneuert werden. Ebenso herausfordernd war die Überprüfung der Kompatibilität der Hörsysteme mit dem vorhandenen Smartphone. Die Forderung nach einem allgemeinen Standard ist daher nachvollziehbar.

Empfang von Audiosignalen im öffentlichen Raum für alle ermöglichen

Die Auracast-Technologie hat dabei den Anspruch, mehr als nur einen einheitlichen Übertragungsstandard zu einem Smartphone anzubieten. Darüber hinaus soll sie den Empfang von Audiosignalen im öffentlichen Raum für alle Menschen ermöglichen. Hierzu wird eine Funktechnologie auf Bluetooth-Basis verwendet. Was im ersten Moment einfach klingt, stellte sich bei der praktischen Umsetzung jedoch als gar nicht so leicht dar. Ein kurzer Blick auf die Bluetooth-Entwicklungsgeschichte zeigt, warum.

Die Bluetooth-Technologie wurde in den 90er-Jahren als allgemeiner Industriestandard entwickelt, um technische Geräte kabellos miteinander zu verknüpfen. Basis ist das 2,4- Gigaherz-Band des „Industrial, Scientific and Medical“-Frequenzbereichs (das sogenannnte ISM-Band), dass von Herstellern zulassungsfrei genutzt werden kann. Die klassische Bluetooth-Verbindung ist eine Punkt-zu-Punkt-Übertragung zwischen zwei einzelnen Geräten und war ursprünglich nicht für Audiosignale konzipiert. Daher wurden im Laufe der Jahre verschiedene proprietäre Protokolle ergänzt, die auch die Audioübertragung ermöglichten. Dies waren beispielsweise der „Made for iPhone“-Standard (MFI) von Apple oder das Protokoll „Audio Streaming for Hearing Aids“ (ASHA) für das Betriebssystem Android. Hierbei handelt es sich jedoch um spezifische Protokolle zwischen einem Smartphone und einem Empfangsgerät wie einem Hörsystem.

Zentrales Ziel: Empfang durch mehrere Nutzer

Diese sogenannten Codes sahen also nicht den gleichzeitigen Empfang durch mehrere Nutzer vor. Dies war daher ein zentrales Ziel bei der Entwicklung einer Bluetooth-Broadcast-Technologie unter dem Markennamen Auracast. Federführend bei dem Projekt war die Bluetooth Special Interest Group (SIG), einer Interessengemeinschaft von inzwischen 34.000 Technologieunternehmen. Auch Hörsystemhersteller haben sich bei der Entwicklung aktiv eingebracht. Technisch basiert Auracast auf dem Standard Low Energy Audio (LEA) und wurde erstmalig im Jahr 2022 präsentiert. Anders als bei vorherigen Bluetooth-Anwendungen wird das Signal offen in eine Umgebung gesendet und ist für eine unbegrenzte Anzahl von kompatiblen Empfängern nutzbar. Weitere bedeutende Vorteile der Auracast-Technologie sind ein optimierter Stromverbrauch und geringe Latenzzeiten bei einer hohen Stereoklangqualität.

Auracast Technologie

Mit der Auracast-Technologie können Nutzer zum Beispiel in Hörsälen oder Theatern kabellos Audiosignale auf allen Plätzen empfangen.

© Bluetooth SIG

Trotz der genannten Vorteile ist zu erwarten, dass bestehende traditionelle induktive Übertragungsanlagen in öffentlichen Räumen noch eine gewisse Zeit in Betrieb bleiben. Die SIG verspricht aber, dass Auracast die bisherige induktive Übertragung vollständig ersetzen kann. Dies wäre ein bedeutender Fortschritt für Hörgerätenutzer, da so die Beschränkung auf eine begrenzte Auswahl von Plätzen in Theatern oder Kinos entfällt. Zudem ist die Auracast-Technologie deutlich weniger störanfällig zum Beispiel gegenüber Magnetfeldern, die durch Leuchtstoffröhren entstehen.

Auracast im Geschäft aktiv nutzen

Auracast ist heute vielfältig einsetzbar. Eine Reihe von Hörsystemen haben den Standard bereits integriert und lassen sich mit frei erhältlichen Audiosendern einfach verbinden. Idealerweise ist der Auracast-Sender natürlich in Geräten wie Fernsehern fest eingebaut, so dass zusätzliches Zubehör entfällt. Um eine praktische Anwendung vor Ort zu ermöglichen bietet sich eine Kooperation mit einem lokalen Kinobetreiber oder der Kirchengemeinde im Rahmen eines Sponsorings an. Die Betreiber haben in der Regel noch nichts über Auracast gehört. Die Information darüber lässt sich gut in einer Win-Win-Aktion umsetzen. Ein passender Auracast-Sender kann durch den Fachbetrieb kostengünstig an die dort vorhandene Soundanlage angeschlossen werden. Die Mitarbeiter des Kinos oder der Gemeinde sind dann schnell in die einfache Bedienung eingewiesen, sodass Hörsystemnutzer von der direkten Übertragung profitieren. Diese wohnortnahen Anwendungsmöglichkeiten lassen sich dann gut in den eigenen Beratungsprozess aufnehmen und tragen zur Kundenzufriedenheit bei.

Ausbau und Vereinheitlichung der Konnektivität erleichtern Hörsystemträgern den Alltag und ermöglichen mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auracast ist ein praktikabler Lösungsansatz, das (noch) bestehende Durcheinander bei den Übertragungstechnologien zu vereinheitlichen. Mehrere Hörsystemhersteller haben hierzu Hörsysteme im Portfolio, sodass Kunden mit der Option Auracast optimal versorgt werden können.

Geschrieben von

Stephan Geist

Stephan Geist

Hörakustiker, Fachautor

Stephan Geist ist gelernter Hörakustiker und heute als freier Fachautor tätig. Dabei profitiert er von seiner langjährigen Erfahrung in der Hörsysteme-Industrie, in der er in den Bereichen Audiologie, Training und Marketing beschäftigt war. 

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