Technik und Teilhabe: Damit Verstärken zu Verstehen wird Kindgerechte Hörgeräteversorgung im interdisziplinären Team
30.01.2026
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Mit der richtigen Technik klappts auch mit dem Gitarrespielen. Musik zu machen ist gerade für Kinder eine hervorragende Methode, um das Hörvermögen zu trainieren und zu verbessern, da es die auditive Wahrnehmung stärkt und das Gehirn umstrukturiert, was hilft, Geräusche besser zu verarbeiten.
Erstveröffentlichung in der DOZ 02/2026.
Im Vergleich zur Hörgeräteversorgung von Erwachsenen ist die Versorgung von Kindern deutlich komplexer. Häufig stehen zu Beginn nur wenige oder unvollständige audiometrische Messergebnisse zur Verfügung, etwa wenn die Hörschwelle durch objektive Verfahren wie die Hirnstammaudiometrie nur grob abgeschätzt werden kann. Die anatomischen Besonderheiten des kindlichen Ohres, insbesondere der kleine Gehörgang und das fortlaufende Wachstum des Kindes, erfordern häufige Anpassungen und neue Otoplastiken. Gleichzeitig ist Kindern die Rückmeldung über das eigene Hören oft nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Umso wichtiger ist es, dass Eltern, Erzieherinnen und Therapeuten das Hörverhalten des Kindes aufmerksam beobachten und ihre Eindrücke zurückmelden.
Moderne Hörsysteme bieten eine Vielzahl an Einstellmöglichkeiten, doch nicht jede dieser Optionen ist für Kinder sinnvoll. Zu starke Kompressionseinstellungen, ausgeprägte Richtmikrofone oder automatisierte Programme können dazu führen, dass leise Sprachanteile verlorengehen oder die eigene Stimme unnatürlich wahrgenommen wird. Manche Kinder sprechen dann auffallend leise oder monoton. Besonders kritisch wird es, wenn das Kind in lauten Umgebungen nicht mehr aktiv zuhört oder sich zurückzieht. Solche Beobachtungen sollten immer zum Anlass genommen werden, die technischen Einstellungen zu überprüfen. Häufig können schon kleine Anpassungen wie die Reduzierung der Kompression oder die Anpassung der Mikrofoncharakteristik das Sprachverstehen im Alltag deutlich verbessern.
Der kindliche Gehörgang ist etwa drei Mal kleiner als der eines Erwachsenen. Das hat Einfluss auf die Schallübertragung und macht eine präzise Anpassung unerlässlich. Moderne Hörsysteme können den so-genannten Lombard-Effekt, also die unbewusste Anpassung der eigenen Sprechlautstärke an Umgebungsgeräusche, unterdrücken, wenn sie nicht kindgerecht eingestellt sind. Bereits eine zu geringe Verstärkung im Sprachfrequenzbereich kann dazu führen, dass Kinder wichtige Sprachlaute nicht wahrnehmen – selbst wenn die Hörgeräte technisch korrekt eingestellt erscheinen. Die ersten drei Lebensjahre gelten als besonders sensibel für die Sprachentwicklung. Wird in dieser Zeit keine adäquate Hörversorgung erreicht, können spätere Sprachfördermaßnahmen diesen Rückstand oft nur schwer aufholen.
Eltern als Frühwarnsystem – eine oft unterschätzte Ressource
Eltern sind die ersten und wichtigsten Begleiter in der Hör- und Sprachentwicklung ihres Kindes. Sie erleben ihr Kind in den unterschiedlichsten Alltagssituationen und bemerken oft als Erste, wenn das Hörverhalten auffällig ist oder sich das Sprachverstehen nicht wie erwartet entwickelt. Studien zeigen, dass gerade bei leichten bis mittelgradigen Hörstörungen die Diagnose oft erst spät gestellt wird. Dabei ist eine frühe Versorgung entscheidend, da die sensiblen Phasen der Sprachentwicklung meist in den ersten Lebensjahren stattfinden. Eltern sollten daher gezielt ermutigt und darin bestärkt werden, ihre Beobachtungen ernst zu nehmen und diese mit dem Hörakustiker und dem therapeutischen Team zu teilen. Nur wenn alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, kann eine kindgerechte Hörgeräteversorgung gelingen, die nicht nur technisch, sondern auch alltagsnah wirksam ist.
Die Anpassung eines Hörgeräts markiert nicht das Ende, sondern den Anfang eines kontinuierlichen Versorgungsprozesses. Sprachtests und Hörmessungen sollten regelmäßig wiederholt werden, um den Erfolg der Versorgung zu überprüfen. Besonders wichtig ist dabei die enge Rückmeldung durch Logopädinnen und Logopäden, die das Kind im sprachlichen Alltag erleben. Hinweise auf zu leises Sprechen, monotone Sprachmelodie oder Verständnisschwierigkeiten in Gruppen sind wertvolle Indikatoren, die auf Optimierungsbedarf in der technischen Einstellung hinweisen können. Durch eine enge Abstimmung zwischen Hörakustik, Sprachtherapie und Eltern können solche Herausforderungen frühzeitig erkannt und gezielt bearbeitet werden.
Hör zu, mach mit: Die ersten drei Lebensjahre gelten als besonders sensibel für die Sprachentwicklung. Wird in dieser Zeit keine adäquate Hörversorgung erreicht, können spätere Sprachfördermaßnahmen diesen Rückstand oft nur schwer aufholen.
Fallbeispiel: Gehört, aber nicht verstanden
Emma, fünf Jahre alt, wurde bereits im Säuglingsalter mit einer beidseitigen Innenohrschwerhörigkeit diagnostiziert und früh mit Hörgeräten versorgt. Technisch schien die Anpassung erfolgreich, doch ihre Sprachentwicklung blieb hinter den Erwartungen zurück. Im Kindergarten fiel auf, dass Emma leise sprach und oft nachfragte. Eine Überprüfung der Hörsysteme ergab, dass die Kompressionseinstellungen zu stark waren und leise Sprachanteile unterdrückten. Nach einer Anpassung der Hörsysteme und einer begleitenden logopädischen Förderung zeigte sich innerhalb weniger Monate eine deutliche Verbesserung in Emmas Sprachverständnis und Ausdrucksfähigkeit.
Fazit: Technik allein reicht nicht aus
Eine erfolgreiche kindgerechte Hörgeräteversorgung erfordert Teamarbeit. Technik allein reicht nicht aus. Erst im Zusammenspiel von akustischer Anpassung, sprachtherapeutischer Begleitung und der aktiven Beteiligung der Eltern entsteht eine Versorgung, die das Kind wirklich erreicht und es in seiner sprachlichen und sozialen Entwicklung unterstützt. Die enge Abstimmung im interdisziplinären Team ist dabei der Schlüssel zum Erfolg.
Literatur und Quellen
Literaturverzeichnis einblenden- Dillon, H. (2012). Hearing aids. Thieme Medical Publishers.
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