Interview mit Katarina Sipple vom BVHI Augenoptik trifft Hörakustik: 70. EUHA-Kongress in Hannover
28.08.2026
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Die Industrieausstellung zählt zu den zentralen Bestandteilen des EUHA-Kongresses.
Erstveröffentlichung in der DOZ 09/2026
DOZ: Wenn Sie auf die Hörakustikbranche im Jahr 2026 blicken: Welche Themen und Herausforderungen beschäftigen die Betriebe derzeit am stärksten?
Katarina Sipple: Die Branche steht aktuell unter erheblichem Transformationsdruck. Neben Fachkräftemangel, steigenden Kosten und wachsendem Wettbewerb rückt vor allem die gesundheitspolitische Diskussion stärker in den Fokus. Themen wie Festbeträge, mögliche Anpassungen der Erstattungssystematik und der zunehmende Kostendruck seitens der Krankenkassen sorgen für Unsicherheit in vielen Betrieben. Die Balance zwischen wirtschaftlichem Arbeiten und qualitativ hochwertiger, individueller Versorgung wird anspruchsvoller. Gleichzeitig steigen die technologischen Anforderungen: Konnektivität, Software-Updates und datenbasierte Services werden immer wichtiger. Betriebe müssen sich zudem klar positionieren – zwischen medizinischer Grundversorgung, Premium-Produkt und Serviceerlebnis. Wer hier keine klare Differenzierung schafft und gleichzeitig die politischen Rahmenbedingungen im Blick behält, verliert an Wettbewerbsfähigkeit.
Welche Veränderungen beobachten Sie auf Kundenseite? Haben sich Erwartungen und Kaufverhalten in den vergangenen Jahren spürbar verändert?
Ja, sehr deutlich. Kundinnen und Kunden sind heute informierter, anspruchsvoller und erwarten ein nahtloses Erlebnis. Digitale Touchpoints vor dem Erstbesuch sind längst Standard, ebenso der Wunsch nach Transparenz bei Preisen und Leistungen. Gleichzeitig gewinnen Themen wie Komfort, Design und Konnektivität stark an Bedeutung. Hörsysteme werden zunehmend als persönliches Tech-Produkt wahrgenommen, nicht mehr nur als medizinische Notwendigkeit. Das führt zu höheren Erwartungen an Beratung, Individualisierung und After-Sales-Service.
Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der großen Branchenthemen. Wo sehen Sie die größten Anwendungsfelder in der Hörakustik – und welche Entwicklungen werden möglicherweise überschätzt?
Die größten Potenziale liegen klar im Bereich der Klangverarbeitung und Personalisierung. KI ermöglicht es, Hörsysteme situativ in Echtzeit an individuelle Hörumgebungen und Präferenzen anzupassen, ein echter Mehrwert im Alltag. Ebenso relevant sind Anwendungen in der Anpassung, wie beispielsweise automatisierte Feineinstellungen, sowie in der Kundeninteraktion, etwa durch digitale Assistenten oder datenbasierte Betreuung. Überschätzt wird aus heutiger Sicht oft die vollständige Automatisierung der Anpassung. Die Expertise des Hörakustikers bleibt zentral, insbesondere bei komplexen Hörprofilen und in der emotionalen Kundenführung. KI ist ein starkes Werkzeug aber kein Ersatz für persönliche Beratung, sondern eine Ergänzung, die Effizienz und Qualität steigert.
Sowohl gutes Hören als auch gutes Sehen gelten als wichtige Faktoren für gesundes Altern und gesellschaftliche Teilhabe. Welche Chancen ergeben sich daraus für Hörakustik und Augenoptik – und verändert sich dadurch ihre Rolle vom Fachhandwerk hin zum Gesundheitsdienstleister?
Zu diesem Thema hat die Zukunftsforscherin Anja Kirig im Rahmen unseres Webinars „Longevity und Hörgesundheit“ ein White Paper verfasst, mit dem Titel: „Longevity und Prävention: Neue Chancen und Perspektiven für die Hörakustik“. Ihre Beobachtungen zum gesellschaftlichen Wandel und zur veränderten Rolle des Fachhandels lassen sich gleichermaßen auf die Hörakustik und die Augenoptik übertragen: Alternde Gesellschaften und eine zunehmende Individualisierung rücken gesunde, selbstbestimmte Lebensjahre in den Mittelpunkt. Damit gewinnt neben der Lebensdauer, dem Lifespan, vor allem die Gesundheitsspanne, der Healthspan, an Bedeutung. Für Augenoptiker und Hörakustiker eröffnet sich dadurch die Chance, ihre Rolle stärker präventiv und ganzheitlich auszurichten – vom klassischen Fachberater hin zum aktiven Gesundheitsberater. Im Fokus stehen dabei die Erhaltung von Gesundheit, Lebensqualität und Selbstbestimmung sowie neue Ansätze in Kundenkommunikation, Beratung und Leistungsangebot.
Katarina Sipple sieht Augenoptik und Hörakustik vor ähnlichen Herausforderungen – von Künstlicher Intelligenz über den Fachkräftemangel bis hin zum Wandel hin zu ganzheitlichen Gesundheitsdienstleistungen.
Aktuell nähern sich Augenoptik und Hörakustik sichtbar an. Was sind die wichtigsten Treiber dieser Entwicklung?
Ein Haupttreiber ist ganz klar der demografische Wandel, gepaart mit einem veränderten Bewusstsein der Generation „Best Ager“. Die Menschen werden älter, bleiben aber deutlich länger aktiv und anspruchsvoll. Sowohl das Seh- als auch das Hörvermögen lassen biologisch oft in ähnlichen Lebensphasen nach – meist ab dem 50. Lebensjahr. Ein weiterer Treiber ist der Wunsch der Kunden nach Komfort und Effizienz: Der Alles-aus-einer-Hand-Ansatz spart Wege und baut Hürden ab. Zudem sehen wir eine technologische Konvergenz: Beide Branchen haben sich von Handwerksbetrieben zu hochmodernen Tech-Dienstleistern entwickelt. Auch spielen wirtschaftliche Faktoren eine Rolle sich als Betrieb zu diversifizieren.
Wo sehen Sie die größten Synergien zwischen beiden Gewerken – fachlich, wirtschaftlich und im Kundenkontakt?
Fachlich basieren beide Disziplinen auf Präzision, Hightech-Anpassung und Handwerk. Zudem rückt das Thema Gesundheit und Vorsorge immer stärker in den Fokus. Ob Netzhaut-Screening in der Optik oder die kognitive Relevanz des Hörens in der Akustik – beide Gewerke verstehen sich zunehmend als primäre Gesundheitsdienstleister für die Sinnesorgane. Auch technologisch wächst das Ganze zusammen. Wirtschaftlich lassen sich durch die Kombination Fixkosten für Ladenfläche, Marketing und Verwaltung wie IT-Infrastruktur optimieren. Im Kundenkontakt ist Vertrauen das wertvollste Gut in beiden Branchen. Man schafft eine langfristige Kundenbindung über Jahrzehnte hinweg. Wer mit einem Gewerk zufrieden ist, bringt dem Betrieb das nötige Vertrauen entgegen, um auch das andere Gewerk anzusprechen. Die Überschneidungen im Kundenstamm sind hoch.
Einige Augenoptiker denken über eine Erweiterung ihres Angebots nach. Welche Voraussetzungen braucht ein Betrieb aus Ihrer Sicht, um Hörakustik erfolgreich zu integrieren?
Augenoptikbetriebe bringen bereits viele Voraussetzungen mit: Sie genießen das Vertrauen ihrer Kunden, verfügen über Erfahrung in der individuellen Beratung und begleiten Menschen oft über viele Jahre. Genau diese langfristige Kundenbeziehung ist auch in der Hörakustik von großer Bedeutung. Hinzu kommt, dass sich die Zielgruppen beider Gewerke stark überschneiden. Mit einer integrierten Beratung können Betriebe ihren Kunden einen echten Mehrwert bieten, indem sie Sehen und Hören gemeinsam in den Blick nehmen. Das spart Wege, schafft Komfort und stärkt die Kundenbindung. Man sollte den Hörakustik-Bereich aber nicht nur als Zusatzgeschäft, sondern als eigenständigen Gesundheitsbereich verstehen, mit qualifiziertem Personal und der räumlichen und technischen Ausstattung, um Hörsysteme anzupassen oder Hörtests durchzuführen.
Fünf gute Gründe für einen Besuch in Nürnberg
1. Künstliche Intelligenz praxisnah erleben
Der KI-Schwerpunkttag zeigt, wie sich Künstliche Intelligenz konkret in den Arbeitsalltag integrieren lässt – auch ohne technisches Vorwissen.
2. Lösungen für Mischbetriebe entdecken
Rund 30 Prozent der Besucher kommen bereits aus Betrieben, die Augenoptik und Hörakustik kombinieren. Viele Vorträge und Aussteller richten sich inzwischen an beide Gewerke.
3. Gemeinsame Dienstleister kennenlernen
Neben Hörsystemherstellern präsentieren sich unter anderem Softwareanbieter, Ladenbauer, Marketingagenturen, Versicherungen und Weiterbildungsinstitutionen – viele davon sind auch für Augenoptikbetriebe relevant.
4. Impulse für den stationären Fachhandel mitnehmen
Digitalisierung, KI, Fachkräftemangel und steigende Kundenerwartungen beschäftigen beide Branchen. Der Kongress zeigt Strategien, wie sich Fachbetriebe zukunftssicher aufstellen können.
5. Über den Tellerrand schauen
Augenoptik und Hörakustik wachsen zunehmend zusammen. Der EUHA-Kongress bietet die Gelegenheit, Entwicklungen einer benachbarten Branche kennenzulernen und Anregungen für das eigene Geschäft mitzunehmen.
Der Hörakustiker-Kongress feiert in diesem Jahr sein 70. Jubiläum. Welche Themen werden die Veranstaltung prägen?
Ein Fokus der Veranstaltung wird am dritten Tag das Thema KI sein. Das Schwerpunktprogramm „KI, die sich morgen rechnet“ zeigt, wie Fachgeschäfte beider Branchen Künstliche Intelligenz konkret und erfolgreich in ihren Arbeitsalltag integrieren können. Der KI-Tag richtet sich auch an Teilnehmende ohne technisches Vorwissen. Er bietet Orientierung, Sicherheit und einen niedrigschwelligen Einstieg in ein Thema, das für die Zukunft nicht nur unserer Branche zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Was könnte Augenoptikerinnen überraschen, wenn sie erstmals die Industrieausstellung im Rahmen des Hörakustiker-Kongresses besuchen?
Die Besucher aus der Augenoptik werden überrascht sein, wie breit die internationale Industrieausstellung aufgestellt ist. Viele Aussteller bedienen beide Branchen. Darunter Software-Unternehmen, Ladenbau-Firmen, Versicherungen, Weiterbildungsinstitutionen, KI-Software-Anbieter, Marketing-Firmen. Zudem wird der neue KI-Tag am dritten Veranstaltungstag einen Mehrwert für die Besucher der Fachbetriebe beider Brachen bringen.
Immer mehr Unternehmen sind sowohl in der Augenoptik als auch in der Hörakustik aktiv. Spiegelt sich diese Entwicklung inzwischen auch auf der Messe wider?
Ja, immer mehr Aussteller auf der internationalen Industrieausstellung bedienen beide Branchen. Circa 30 Prozent der Besucher kommen bereits aus Betrieben, die Augenoptik und Hörakustik kombinieren. Aktuelle Entwicklungen rund um die Digitalisierung, die Integration von KI und die Suche nach Strategien zur Stärkung des stationären Handels fordern beide Branchen gleichermaßen heraus. Antworten darauf finden Besucher aus Hörakustik und Optik sowohl auf der Ausstellung als auch in vielen Vortragsveranstaltungen des Kongresses.
Die EUHA Live Area ergänzt die Industrieausstellung um ein frei zugängliches Vortragsprogramm. In 25 Kurzpräsentationen stellen Unternehmen, Start-ups sowie Expertinnen und Experten aktuelle Innovationen und praxisnahe Lösungen für den Berufsalltag vor.
Auf der Opti gab es erstmals einen eigenen Hörakustik-Bereich, gleichzeitig werben auch Sie um Augenoptiker und Mischbetriebe. Sehen Sie darin eine natürliche Annäherung der Branchen, oder verschärft dies eher den Wettbewerb um Aussteller, Besucher und Aufmerksamkeit? Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Wir sehen die genannte Entwicklung als Ausdruck einer natürlichen Annäherung der beiden Branchen. Augenoptik und Hörakustik stehen vor sehr ähnlichen Herausforderungen: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, Digitalisierung, steigende Kundenerwartungen und der Wunsch nach ganzheitlichen Gesundheitsdienstleistungen. Gleichzeitig haben die Veranstaltungen unterschiedliche Profile. Die Opti ist eine bedeutende Messeveranstaltung für die Augenoptik im deutschsprachigen Raum. Der EUHA-Kongress und die Fachausstellung hingegen bilden gemeinsam die globale Leitveranstaltung der Hörakustik und Hörtechnologie. Auch wenn die EUHA ihr Angebot zunehmend erweitert, ist es nicht unser Ziel, mit anderen Veranstaltungen zu konkurrieren, sondern den Unternehmen und Fachbetrieben die bestmögliche Orientierung für ihre unternehmerischen Entscheidungen zu bieten. Kurzum: Wir sehen die Öffnung beider Veranstaltungen nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Antworten auf den strukturellen Wandel im Gesundheitsfachhandel.
Die Hörakustik gilt in vielen Bereichen als gesundheitspolitisch und wirtschaftlich sehr gut positioniert. Gibt es Entwicklungen, von denen die Augenoptik aus Ihrer Sicht lernen kann?
Die Hörakustik hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie sich ein Gesundheitshandwerk erfolgreich weiterentwickeln kann, wenn technologische Innovation und hohe Beratungsqualität zusammenkommen. Die EuroTrak Deutschland Hörstudie 2025 zeigt, dass den Hörakustikern im Versorgungsprozess eine Schlüsselrolle zukommt. 90 Prozent der Hörgeräte-Träger sind mit der Service- und Beratungsqualität der Hörakustiker zufrieden. Das ist ein internationaler Spitzenwert. Hinzu kommt in Deutschland mit 85 Prozent eine sehr hohe Zufriedenheit mit den Produkten, den Hörsystemen selbst. Deren vielfältige Möglichkeiten nutzbar zu machen, ist der Schlüssel: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Hörakustik ist daher der konsequente Fokus auf die individuelle Versorgung. Moderne Hörsysteme sind Hightech-Produkte, deren Nutzen erst durch eine sorgsame professionelle Anpassung und langfristige Begleitung vollständig ausgeschöpft wird. Dieses Verständnis einer umfassenden, erklärungsbedürftigen Gesundheitsdienstleistung stärkt die Kundenbindung und unterstreicht den Mehrwert stationärer Fachbetriebe.
Jetzt Tickets sichern
Der Vorverkauf für den 70. Internationalen Hörakustiker-Kongress und die begleitende Industrieausstellung ist gestartet. Eintrittskarten für Kongress und Ausstellung sind ab sofort online hier erhältlich. Auszubildende, Studierende und Schüler erhalten kostenfreien Eintritt und profitieren von speziellen Nachwuchsangeboten wie Guided Tours und Karriereformaten.