Von New York bis München Trendforscherin Selin Olmsted kennt die Eyewear von morgen
29.05.2026
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Von Architektur bis Streetstyle: Trendforscherin Selin Olmsted weiß, welche Eyewear morgen gefragt ist. Die New Yorkerin hat den ersten Trendreport für die Eyewear entwickelt.
Erstveröffentlicht in der DOZ 06|2026
Während viele Augenoptikbetriebe beim Besuch der Opti zu Beginn des Jahres gerade erst ihre Kollektionen für die nächste Saison zusammenstellen, denkt die New Yorker Trendforscherin Selin Olmsted bereits zwei Jahre weiter. In ihren Trendreports analysiert sie, welche Einflüsse aus Architektur, Mode, Musik, Streetstyle und Sport künftig die Augenoptik prägen werden – von sportlich inspirierten Shield-Modellen über natürliche Materialien bis hin zu neuen Farbcodes und hybriden Fassungen.
Bereits auf der Opti 2025 wurden Olmsteds Live-Walk-Throughs zu abwechslungsreichen Präsentationen aktueller und künftiger Brillentrends. Auf der Opti 2026 konnte sie ihr Angebot erfolgreich fortsetzen und sogar um einen Trendrundgang zu Sportbrillen sowie eine CES-Zusammenfassung (Consumer Electronics Show, Anm. d. Red.) mit Fokus auf Smart Eyewear erweitern. Trendforecasting in der Eyewear ist eine Nische, die Olmsted seit ihrem ersten Trendreport 2023 gezielt bedient. Bereits seit 2015 führt sie in den USA ein eigenes Designstudio für Eyewear. Dort konzentrierte sie sich zunächst auf Brillendesign und Produktentwicklung. Inzwischen ist ihr Studio auf Trendforecasting in der Eyewear spezialisiert. Das Konzept geht auf: Olmsted und ihre Trendreports sind gefragte Impulsgeber für Industrie und Handel. Der Vorteil: Wer früh erkennt, welche Formen, Farben und Materialien an Bedeutung gewinnen, kann Sortimente gezielter planen und Kundinnen und Kunden besser beraten. Wir haben Olmsted in München auf einen Kaffee getroffen und mit ihr über was gesprochen? Trends natürlich!
Der Besuch in München ist für Olmsted auch ein Networking-Event. Neben ihren Walks ist ihr Kalender durchgetaktet. Mit ihr einen Gang entlangzugehen, ohne in eine Unterhaltung verwickelt zu werden oder einen kurzen Stopp zum Grüßen einzulegen, ist unmöglich. „Trendreports“, erzählt Olmsted bei Cappuccino und einem Apfel, „sind in der Modebranche bereits seit Jahren etabliert.“ In der Menswear und Womenswear seien Trends für den Einkauf von Kollektionen entscheidend. Bei Brillen sei das Thema dagegen lange unter dem Radar geblieben – eine Nische, die Olmsted für sich entdeckt und ausgefüllt hat.
Die Amerikanerin mit Wurzeln in Istanbul stammt selbst aus der Fashion- und Lifestyle-Branche. Mit einem Modedesign-Studium am New Yorker Fashion Institute of Technology startete Olmsted ihre Karriere. „Ich wusste schon als Kind, dass ich designen möchte“, erklärt sie. Schon früh begleitete sie ihre Mutter, CEO eines Leder verarbeitenden Unternehmens, zur Arbeit und sammelte erste Eindrücke von Material, Produktion und Design. Auch ihr Vater, ein Architekt, prägte ihren Blick für Gestaltung, Proportion und Materialität.
Nach ihrer Ausbildung in New York wandte sie sich von der Womenswear der Menswear zu, wo sie sich intensiver mit Konstruktion und Details beschäftigte. Stationen in der Türkei bei Marken wie Hugo Boss, Givenchy, Alberta Ferretti und Gant sowie später im Maß- und Red-Carpet-Umfeld bei Antonio Azzuolo in New York folgten. Dort entstanden auch Arbeiten, die von Persönlichkeiten wie Daniel Radcliffe getragen wurden. Über Umwege kam sie schließlich zu Warby Parker. Dort begegnete sie Kenny Schwartz, den sie im Gespräch mehrfach als eine Schlüsselfigur ihrer Entwicklung beschreibt.
Die Opti ist eine von vielen Veranstaltungen, die Trendforecast-Expertin Selin Olmsted für ihre Recherchen besucht. Immer im Gespräch und immer auf der Suche nach dem neuesten Fit.
Das Brillendesign hat unsichtbare Regeln
„Er ist eine laufende Brillen-Enzyklopädie“, erklärt Olmsted, noch immer ehrfürchtig. „Ich habe von ihm als Mentor enorm viel über Brillendesign gelernt: über Nasenstege, Passformen, Proportionen, die Besonderheiten verschiedener Gesichter und die oft unsichtbaren Regeln, die eine Fassung wirklich funktionieren lassen.“ Olmsted sagt sinngemäß, dass man sich solches Wissen sonst über Jahre mühsam aneignen müsse. „Bei ihm habe ich es direkt von einer Ikone der Branche gelernt.“
Nach ihrer Zeit bei Warby Parker gründete Olmsted 2015 ihr eigenes Studio und entwickelt seither Fassungen, Materialien und Kollektionen für unabhängige Marken, Hersteller und Lizenzunternehmen. Zu ihrem Kundenportfolio zählen unter anderem Marken wie Raen, Oscar de la Renta, Alphabet und Meta. Gleichzeitig berät sie Unternehmen bei Produktentwicklung, Farbkonzepten, Materialauswahl und Kollektionserstellung. Aus diesem Wissen heraus entstand auch ihr Trendreport.
Olmsted erklärt, dass der Report heute eines der zentralen Projekte ihres Studios sei. Gekauft werde er von Augenoptikbetrieben, Marken, Designerinnen und Designern sowie Herstellern weltweit. Den einen diene er zur Orientierung bei Sortimentsentscheidungen, den anderen als Inspirationsquelle für Produktentwicklung, Displays oder Präsentationen. Ziel sei ein fundiertes, vertrauenswürdiges Forecasting-Instrument für Eyewear.
Der Entstehungsprozess beginne jedes Jahr quasi mit einem leeren Blatt: Zunächst analysiere ihr Team Einflüsse aus Architektur, Design, Kunst, Musik, Technologie und Gesellschaft, danach Runway-Shows, Streetstyle, Abschlusskollektionen und internationale Fashion Weeks, etwa in Kopenhagen, Seoul, Tokio oder Tiflis. Ergänzt werde dies durch einen interdisziplinären Think Tank. Erst wenn sich Muster über mehrere Disziplinen hinweg verdichteten, entstehe daraus eine belastbare Trendstruktur. Aus dieser Arbeit entstehen laut Olmsted fünf zentrale Trendthemen für 2027: Sartorialism, Blendism, Tribalism, Global South und Functional Luxury.
In ihrem New Yorker Studio hat Olmsted inzwischen Schubladen voller Acetatformen. Jedes Jahr kommen neue Farben und Varianten hinzu. Daneben Glasrohlinge in sämtlichen Regenbogenfarben.
Die Trends für 2027
Functional Luxury erläutert sie besonders ausführlich. Damit meint Olmsted eine Entwicklung, bei der Sport, Gesundheit, Performance und Wohlbefinden immer stärker mit hochwertigem Design verschmelzen. „Menschen investieren zunehmend in Produkte, die ihnen helfen, sich körperlich und mental besser zu fühlen – etwa im Sport, beim Laufen, in der Regeneration oder im Outdoor-Bereich. Diese Produkte müssen funktional sein, sind aber zugleich ästhetisch und hochwertig gestaltet“, erklärt sie. Das gelte auch für Eyewear: bessere Gläser, bessere Shields gegen Wind, präzisere Technologien, aber eben in einer Form, die zugleich ästhetisch und modisch sei.
Trends sind eine wiederkehrende Fragestellung in der Modebranche. Wir wollen wissen, ob es auch Entwicklungen gibt, die unabhängig von Saisons dauerhaft relevant bleiben. „Natürlich“, nickt Olmsted und nennt zwei große Themen. Zum einen bleibe Nachhaltigkeit wichtig. „Ich glaube nicht, dass dieses Thema wieder verschwinden wird.“ Allerdings werde es heute anders kommuniziert als noch vor einigen Jahren. Viele Unternehmen arbeiteten weiterhin mit nachhaltigen Materialien oder verbesserten Prozessen, stellten dies aber nicht mehr so offensiv in den Mittelpunkt ihrer Kommunikation. Nachhaltigkeit sei damit weniger ein Marketing-Schlagwort als vielmehr ein integraler Teil von Produktentwicklung geworden.
Zum anderen sieht sie Smart Eyewear als eine der prägendsten Zukunftsbewegungen. Ihre Einschätzung ist klar: Zwischen 2030 und 2035 werden Brillen in vielen Bereichen ganz selbstverständlich irgendeine Form von Technologie integriert haben. Dabei betont sie, dass sich die Haltung der Tech-Unternehmen dazu verändert habe. „Früher wurde oft zuerst die Technologie gedacht. Heute verstehen immer mehr Unternehmen, dass zuerst die Brille kommen muss: Passform, Farbe, Material, Tragbarkeit, Korrektionsmöglichkeit – und erst danach die Technologie.“ Sie formuliert es sinngemäß so: „First it’s eyewear, then it’s tech.“
Zum Thema eigene Marke ist Olmsted klar: „Ich habe großen Respekt vor Markenaufbau, Vertrieb und Vermarktung“, sagt sie. Ihre Stärke liege in Design, Produktentwicklung, Trendforschung, Sourcing und Wissensvermittlung. Statt eine eigene Marke zu gründen, wolle sie ihr Know-how künftig stärker teilen und an Formaten arbeiten, die junge Talente im Bereich Eyewear fördern. Ziel sei es, Wissen breiter in der Branche zu verankern. „Vielfalt erhalten, neue Talente fördern und die Branche nicht einer zunehmenden Monopolisierung überlassen.“ Dafür brauche es große, mittelgroße und unabhängige Akteure gleichermaßen.