"Unsere DNA ist Sport" Performance statt Fashion: Rudy Project setzt klar auf Sport-RX
30.03.2026
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Entwicklung, Design und Anwendung greifen bei Rudy Project eng ineinander – mit einem klaren Fokus auf Sportoptik und individuelle RX-Lösungen.
Erstveröffentlichung in der DOZ 04/26.
Treviso an einem sonnigen Nachmittag. Im Headquarter von Rudy Project trifft italienische Designtradition auf technologische Präzision. Prototypen liegen neben Serienmodellen, unzählige Helme hängen sorgsam aufgereiht an der Wand. Hier wird nicht inszeniert, hier wird entwickelt. Der Anspruch ist greifbar – und historisch gewachsen. CEO Cristiano Barbazza spricht deshalb nicht zuerst über Märkte oder Umsätze, sondern über den Ursprung. „Unser erstes Produkt hieß ‚Performance‘ “, sagt er. „Das war kein Marketingbegriff. Das war die Überzeugung unseres Vaters.“ Gemeint ist Rudy Barbazza, der das Unternehmen 1985 gründete – mit der Idee, Sportbrillen als technische Ausrüstung zu verstehen, nicht als modisches Accessoire. Performance bedeutete für ihn Verantwortung gegenüber Sportlerinnen und Sportlern.
Nachhaltigkeit versteht Cristiano Barbazza als logische Fortsetzung dieses Anspruchs. „Unser Spielfeld ist die Umwelt. Wenn wir Sport treiben, sind wir draußen. Deshalb fühlen wir uns verantwortlich.“ Gleichzeitig bleibt das Unternehmen bewusst unabhängig. Während viele Premium-Sportmarken Investoren aufgenommen haben, setzt Rudy Project auf organisches Wachstum. „Wir wollen Dinge gut machen“, sagt Barbazza. „Nicht schnell.“
Rudy Project ist seit 1985 ein Familienunternehmen - und das soll auch so bleiben. Cristiano Barbazza leitet das Unternehmen in zweiter Generation.
Marketingdirektor Simone Barbazza ist, wie sein älterer Bruder Cristiano, bereits jung in das väterliche Unternehmen eingestiegen. Produktentwicklung und
Nachhaltigkeit sind für ihn zentrale Säulen im Unternehmen.
„Wir verkaufen keine Gläser, sondern Lösungen“
Wie diese strategische Linie operativ umgesetzt wird, erläutert sein Bruder Simone Barbazza, Marketingdirektor des Unternehmens. Für ihn stehen Performance und Nachhaltigkeit als Leitlinien nebeneinander. Performance ist technisch definiert: Sicherheit, Komfort und Aerodynamik bei Helmen, Materialqualität, Gewicht und Belastbarkeit bei Brillen. Ein besonders dynamisches Feld ist die Korrektionsverglasung. Rund 50 Prozent der weltweiten Distribution laufen über Augenoptikerinnen und Augenoptiker. „Wir verkaufen keine Gläser, sondern Lösungen“, betont er. Die Fassungen werden für individuelle RX-Anforderungen entwickelt, die finale Anpassung erfolgt im Fachgeschäft.
Konkreter wird diese Philosophie am Beispiel einer aktuellen Produktneuheit, vorgestellt im Februar auf der Mido: „No Code Slim“. Mit diesem Modell erweitert Rudy Project seine „No-Code-Familie“ um eine Variante für schmalere Gesichter. Das Grundkonzept bleibt unverändert – eine transformierbare Fassung, die Alltag und Sport in einem System vereint. Über einen speziell entwickelten, am Nasensteg befestigten Sonnen-Clip lässt sich die Korrektionsbrille mit einem Klick in eine sportliche Shield-Lösung verwandeln. Der Clip bleibt hinter der verspiegelten Scheibe unsichtbar, die Ästhetik klar und reduziert. In wenigen Sekunden wechselt das Modell vom Business oder Alltagslook zur High-Performance-Sportbrille. Ziel
sei es, für jede Gesichtsform eine passende Lösung anzubieten, ohne Kompromisse bei Komfort, Design oder Funktionalität einzugehen. Die neue Version ist kompakter, leichter und vollständig in Italien gefertigt. Unterschiedliche Glasoptionen, verschiedene Kurven und modulare Konfigurationen sorgen für Flexibilität.
Ein Blick in die Entwicklungsabteilung zeigt, wie diese Ausrichtung im Alltag umgesetzt wird. Magalì Vendrame gehört seit rund anderthalb Jahren zum Team, zuvor war sie 17 Jahre in der Fahrradindustrie tätig. „Ich habe nach einem aktiven, enthusiastischen Unternehmen gesucht“, sagt sie. Die Region rund um Treviso gilt seit Jahrzehnten als Referenzpunkt für technische Sportkompetenz.
Marco Haerens ist zuständig für den Vertrieb bei Rudy Project. „Ich sehe ein enormes Potential im optischen Bereich, es gibt eine klare Nachfrage.“
„Unsere DNA ist Sport“
Entsprechend hoch war die Erwartung an die neue Aufgabe. Produktentwicklung versteht sie als Teamarbeit. Marktfeedback fließt direkt in neue Konzepte ein, Nachhaltigkeit wird bereits im Entwurf mitgedacht. Modulare Konstruktionen und die Wiederverwertbarkeit von Komponenten spielen dabei eine zentrale Rolle. Perspektivisch sieht sie Potenzial in einer stärkeren technologischen Vernetzung von Eyewear, KI oder integrierten Assistenzsystemen – ebenso in einer konzeptionellen Verbindung von Helm und Brille. Dabei bleibt die Positionierung klar. „Wir wollen nicht mit Fashion verwechselt werden. Unsere DNA ist Sport.“
Die Brücke zwischen Produkt und Markt schlägt Marco Haerens, der seit zwei Jahren im Unternehmen tätig ist und zuvor ebenso wie seine Kollegin in der Fahrradbranche tätig war. Für ihn gehören Vertrieb, Marketing und Produkt untrennbar zusammen. „Brillen sind Medizinprodukt, Lifestyle-Produkt und Sportprodukt zugleich“, sagt er. Gerade im RX-Bereich sieht er enormes Potenzial – und zugleich Aufklärungsbedarf. Viele Sportler wüssten nicht, welche Korrektionslösungen möglich sind. Auf Fachmessen wie der Mido oder der Opti erlebe er immer wieder, dass selbst Fachleute vom Umfang des Angebots überrascht seien. Sein Fokus: in RX investieren und Endkundinnen gezielt in den Fachhandel führen. Schulungen, digitale Trainingsformate und kontinuierlicher Austausch mit Augenoptikbetrieben sind dafür zentrale Instrumente. Der stationäre Fachhandel bleibt aus seiner Sicht der richtige Ort für komplexe Lösungen.
Magalì Vendrame ist Produktmanagerin. Ihr Team entwickelt neue Konzepte, die sowohl gestalterisch als auch technisch auf dem Feedback des Marktes beruhen.
Sportoptik als wachsender Markt
Auch Community-Arbeit spielt eine Rolle. Beim Trail-Running-Wettkampf Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) in Chamonix, der jährlich Ende August stattfindet, organisierte das Team gemeinsam mit einem lokalen Augenoptikpartner einen Social Run, bei dem unterschiedliche Glasfarben unter realen Bedingungen getestet wurden. „Wer im Sportsegment nur mit Marketingbudget auftritt, ohne Teil der Community zu sein, wird nicht akzeptiert“, sagt Marco Haerens. Im Headquarter wird deutlich, dass Sport hier nicht nur Strategie ist, sondern gelebter Alltag. Viele Mitarbeitende sind selbst aktiv, gehen in der Mittagspause laufen oder Rad fahren. Cristiano Barbazza fährt Gravel – mit Sportbrille in Sehstärke. „Auch bei minus eins Dioptrien macht perfekte Sehschärfe einen großen Unterschied“, sagt er.
Vier Stimmen, eine Linie: historische Verwurzelung, technologische Konsequenz und ein klarer Fokus auf Sport-RX. Für Augenoptiker bedeutet das: Sportoptik ist kein Randthema, sondern ein technisch anspruchsvolles Segment mit wachsender Relevanz – vorausgesetzt, Wissen und Beratung entwickeln sich im gleichen Tempo wie das Produkt.