Ein Rückblick "Opti Design Talks 2026": Die Zukunft der Eyewear gestalten
24.02.2026
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Große Bühne für internationales Design-Know-how (v.l.): Vanni-Chefdesignerin Irene Chinaglia, Industriedesignerin Francesca Valan und Trendanalyst Niels Holger Wien diskutierten beim „Opti Design Talk“.
Erstveröffentlichung in der DOZ 03/26.
Erstmals präsentierten die „Opti Design Talks“ ein aktuelles Thema in einem neuen Format – und mit einem besonderen Gast. „Brillendesign jenseits von Trends“ lautete der Titel der Präsentation von Francesca Valan. Mit ihrem Vortrag illustrierte die italienische Industriedesignerin und Farbexpertin, welche Rolle Trendanalysen, Trendvorhersagen und die Lebensdauer und -zyklen von Produkten spielen. Ihre These: „Das Design muss sich verändern, insbesondere die Farbwelten von Produkten. Diese sollten weniger von kommerziellen Zyklen und Modetrends bestimmt sein als von bewussten, individuellen Entscheidungen. Trends gibt es, aber sie sind für das Produkt an sich kein Mehrwert mehr.“ Mit Designerinnen und Designern der Eyewear diskutierte Valan über den Einfluss von Trends auf die kreative Arbeit, über veränderte Gewohnheiten der Verbraucher und deren Bedürfnis nach mehr Individualität als Kriterium für das Produktdesign.
Im ersten Talk tauschten sich Veronika Wildgruber aus Berlin und der Zürcher Brillendesigner Nirvan Javan aus. Wildgruber ist bekannt für ihr innovatives Brillendesign, das von Architektur, Geometrien und einer imaginären Zukunft inspiriert wird. „Als Designerin entwickelt man grundsätzlich ein gewisses Gespür für Trends und Moden, indem man seine Umgebung aufmerksam beobachtet.“ Äußere Eindrücke beeinflussten ihre Arbeit eher subtil. Ebenso stecke viel Intuition in neuen Fassungsdesigns, die sich oft aus der bisherigen Kollektion entwickelten, bekräftigte Wildgruber. Ihr Anspruch sei es, innovatives und individuelles Design zu kreieren, das sich vom Mainstream des Markts unterscheide. Eine Ansicht, die Nirvan Javan teilt. „Trends nehme ich wahr und ich nehme sie ernst. Aber ich folge ihnen nicht blind. Für mich sind Trends ein Wetterbericht, keine Route. Man schaut hin, versteht, was passiert und entscheidet dann bewusst. Ich erinnere mich an Entwürfe, bei denen wir wussten: Das ist gerade stark im Markt. Aber es passt nicht zu uns und nicht zu den Menschen, die unsere Brillen tragen. Ich entwerfe lieber etwas, das bleibt. statt etwas, das nur kurz Aufmerksamkeit erzeugt.“ Sein Credo: Trends kommen. Haltung bleibt.
Auftakt mit inhaltlicher Power: Sublime-Eyewear-Kreativdirektorin Angela Mrositzki (2.v.li.) eröffnete die „Opti Design Talks“. Erste Gäste: Veronika Wildgruber
(re.) und der Zürcher Brillendesigner Nirvan Javan.
Jutta Kahlbetzer verantwortet das Design der Brillen marke Hoffmann Natural Eyewear. Trends und Moden bildeten lediglich den Rahmen, in dem sie sich mit ihrem Design bewege, um zielgruppen- und zeitgemäße Produkte zu schaffen, erklärte Kahlbetzer. Ihr Designverständnis rotiert um die Idee der „absoluten Schönheit“. „Das sind für mich Formen, die auf Anhieb Perfektion, Ästhetik und Erhabenheit ausstrahlen. Eine derartige Designsprache entspringt meist der Natur, die sich in fließenden Formen manifestiert. Ob ein Design aus dieser Richtung inspiriert wird oder das Gegenteil bewirken will, was gerade beim Mode- und Eyewear-Design häufig gewünscht ist: Es ist eine Frage der Zielgruppe und wie diese sich ausdrücken möchte.“ Roland Keplinger leitet das Design beim österreichischen Unternehmen Silhouette. Auch Keplinger sieht die Herausforderung für zukünftiges Brillendesign vor allem im Fokus auf Kundenbedürfnisse: „Menschen wünschen sich Produkte, die ihre Persönlichkeit unterstützen, nicht überlagern. Bei unseren Brillen liegt der Fokus auf weniger auffallenden Formen und feinen Abstimmungen.“ Ein Brillendesign, das nicht überladen sei, sondern sich durch Leichtigkeit und Tragekomfort auszeichne: „Wir arbeiten mit Technologien und Materialien, mit modularen Systemen, die subtile Variationen ermöglichen, in einer wiedererkennbar klaren Designsprache.“ Keplinger ist der Überzeugung, dass Trends flüchtig sind. „Wir nehmen wohl wahr, was sich in der Mode bewegt, aber wir lassen uns nicht treiben, folgen keiner kurzfristigen Mode, sondern unserem Designprinzip: Leichtigkeit durch Reduktion.“
Jutta Kahlbetzer, verantwortlich für das Design von Hoffmann Natural Eyewear (re.) und Silhouette-Chefdesigner Roland Keplinger (li.) stimmen darin überein,
dass Brillendesign stärker auf Kundenbedürfnisse eingehen müsse: „Menschen wünschen sich Produkte, die ihre Persönlichkeit und Individualität betonen, nicht überlagern.“
Gefragt nach dem Einfluss von Trends auf ihr Brillendesign antwortete Irene Chinaglia vom italienischen Brillenhersteller Vanni: „Trends kann es viele geben, aber sie sind nicht zwangsläufig erfolgreich. Die wahre Herausforderung besteht darin, vorherzusehen, was morgen sein könnte. Das Problem ist die Geschwindigkeit, mit der Trends entstehen, das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Moden, die nur kurzlebig sind und nicht mehr den Stil einer Epoche repräsentieren, sondern oft auf eine einzige Saison beschränkt sind. Dies bringt all die Probleme mit sich im Hinblick auf die Nachhaltigkeit – nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch.“ In ihrer Arbeit betont Chinaglia, könne sie Trends zwar nicht ignorieren, „man muss aber wissen, nach welchen Kriterien man ihnen folgt. Als Designer haben wir die Aufgabe, das hervorzuheben, was uns wirklich wichtig ist, weil es die Schönheit, die Hochwertigkeit und Langlebigkeit von Produkten und Stilen unterstützt und sie im Einklang mit den Werten der Marken interpretiert, für die wir arbeiten.“
Der studierte Modedesigner Niels Holger Wien arbeitet freiberuflich als Trend-Analyst in der Mode- und Textilbranche, ist Farbexperte und Gestalter, hält Vorträge und Workshops. Ihm zufolge wird der Begriff „Trends“ inflationär benutzt und sei deshalb kultur-soziologisch unscharf. „Von Mega– bis zu Nano–Trends kann nicht alles die gleiche Relevanz haben. Ich stimme zu dass Trends vergänglich sind, das ist ihnen inherent, weil der Begriff ‚Trend’ Entwicklungen und Veränderungen beschreibt. Nur sind Zeit, Reichweite und gesellschaftliche Resonanz auch bestimmende Faktoren. Nicht alle Trends sind deshalb oberflächlich oder gehen rasch vorüber, aber die inflationäre Beschreibung und Definition aller möglichen Phänomene als Trend schafft Oberflächlichkeit – siehe die ‚Pantone-Farbe des Jahres‘.“ Designern riet Wien, Objekte zu schaffen, die alle Sinne ansprechen. „Die Brille ist ein physisches, dreidimensionales und mit allen Sinnen erlebbares Produkt. Der Look ist nur eine Seite der Gestaltung, dazu kommen die Funktionalität, Materialität und wie sie sich anfühlt, der Gesamteindruck, der sinnliche Eindruck.“ Digitale Animation und Präsentation stießen hier an Grenzen der sinnlichen Wahrnehmung: Zu viel Digitalität brauche mehr Materialität, mehr Sinnlichkeit. „Demnach: So viel ‚Touch’ wie möglich bieten, sinnliche Anregung, ‚Touch’ als Material-Überraschung, Textur, Patterns“, lautet Wiens Empfehlung.
Teilen ihre Auffassung: Dana Brauer von Andy Wolf (rechts) und Roland Wolf von Rolf sind auf einer Linie mit Francesca Valan: Gute Brillen sind zeitlos und folgen keinen Trends, sind alle drei überzeugt.
Als Head of Design gestaltet Dana Brauer die kreative Ausrichtung des österreichischen Brillenlabels Andy Wolf Eyewear. „Statt Trends hinterherzulaufen, setzen wir mit unserem Label eigene Akzente.“ Der Einfluss von Trends auf ihre Arbeit variiere, sagt Brauer: „Das können Trendreports aus unterschiedlichen Bereichen, Social Media, Fashion, Design und Architektur sein. Dann wieder kommen Erfahrung, Herz, Persönlichkeit ins Spiel. Bei der heutigen Flut an Informationen ist es nicht möglich, nicht beeinflusst zu sein. Nur: Man muss filtern, denn das Design muss zu einhundertzehn Prozent zur Marke passen. Am wichtigsten ist am Ende das Bauchgefühl.“
Seit 2007 arbeitet das Tiroler Unternehmen Rolf daran, Formen, Materialien und Funktionen so zu denken, dass sie sich selbstverständlich anfühlen – und dabei oft überraschend neu sind. Roland Wolf lässt keinen Zweifel daran, dass er und das Brand Trends nicht hinterherlaufen: „Für mich ist es wesentlich, Brillendesign ganzheitlich zu denken. Gestaltung endet nicht bei Form, Farbe oder Oberfläche – sie beginnt dort. Mich interessiert, was bleibt, wenn der Trend vorbei ist.“ Wolfs Folgerung „gute Brillen sind zeitlos und folgen keinen Trends“ teilten unisono alle Designerinnen und Designer.