Die Zukunft beginnt nicht in zehn Jahren, sondern jetzt Fielmann richtet mit der Vision 2035 seine Strategie auf die nächste Dekade aus
29.05.2026
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Mit der Vision 2035 will die Fielmann Group hoch hinaus. Erste Ergebnisse sollen schon 2030 deutlich sichtbar werden. Allein das Umsatzwachstum soll in dieser Zeit rund 65 Prozent betragen.
Erstveröffentlicht in der DOZ 06|2026
Mit der neuen Vision 2035 hat das Familienunternehmen Fielmann im Rahmen seiner Bilanzpressekonferenz den eigenen Anspruch untermauert, seine Rolle im Markt grundlegend zu erweitern. „Unsere Vision 2035 lautet: Als verlässlichster Partner setzen wir weltweit neue Maßstäbe in der Versorgung rund um gutes Hören und Sehen“, erklärt Marc Fielmann. Das Ziel dahinter: weg vom reinen Produktanbieter, hin zu einem integrierten Versorger. Messbar wird diese Strategie zunächst über konkrete Zwischenziele. Bis 2030 soll der Konzernumsatz auf rund vier Milliarden Euro steigen – ein Plus von etwa 1,5 Milliarden Euro gegenüber 2025 (siehe Infografik). Parallel dazu wird ein operatives Ergebnis (EBITDA) von rund einer Milliarde Euro angestrebt. „Dies entspricht einer Rendite von etwa 25 Prozent“, betont Fielmann. Die Kundenzufriedenheit soll dabei weiterhin bei rund 90 Prozent liegen – ein Wert, den das Unternehmen bereits heute erreicht.
Die strategische Logik dahinter ist klar: Die Vision 2035 setzt den Rahmen, die eigentliche Umsetzung erfolgt in Etappen – und die entscheidende Phase liegt in den kommenden fünf Jahren.
Vier Hebel für das Wachstum
Um diese Ziele zu erreichen, definiert Fielmann vier zentrale Wachstumshebel: das Kerngeschäft in Europa, die Expansion in den USA, den Ausbau der Hörakustik sowie der Gesundheitsversorgung.
Das bestehende Augenoptikgeschäft in Europa bleibt dabei die Grundlage. Finanzvorstand Steffen Bätjer beziffert das zusätzliche Umsatzpotenzial auf rund 500 Millionen Euro. Wachstum soll vor allem durch neue Standorte, höhere Produktivität und eine veränderte Abverkaufsstruktur entstehen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Spanien. „Wir planen in den nächsten Jahren mehr als 100 Niederlassungen zu eröffnen und im Jahr 2027 die Marktführerschaft auf Landesebene zu erlangen“, sagt Bätjer. Gleichzeitig setzt Fielmann auf Effizienzgewinne durch Technologie, etwa durch automatisierte Refraktionssysteme, die bis Ende des Jahres schon in 300 Niederlassungen in Deutschland verfügbar sein werden. Diese sollen Beratungszeiten verkürzen und die Abschlussquoten erhöhen. Bei der Abverkaufsstruktur zielt Fielmann auf eine stärkere Nachfrage nach höherwertigen Produkten, insbesondere Gleitsichtgläser, die durch demografische Entwicklungen begünstigt wird.
Deutlich dynamischer soll sich der US-Markt entwickeln. Er gilt als zentraler Wachstumstreiber der kommenden Jahre. Bis 2030 plant Fielmann dort einen Umsatz von knapp einer Milliarde US-Dollar – ein Zuwachs von rund 700 Millionen Dollar. Parallel dazu soll das Filialnetz massiv ausgebaut werden: von derzeit 226 auf 450 Standorte, verbunden mit dem Ziel, die Marktführerschaft in weiteren Bundesstaaten des Greater Midwest zu übernehmen. Nach der Integration der akquirierten Unternehmen (zuletzt Shopko Optical) liegt der Fokus nun auf der Transformation des Geschäftsmodells, bevor ab 2027 die Skalierung folgen soll. Der grundsätzliche Ansatz in den Vereinigten Staaten unterscheidet sich dabei deutlich vom europäischen Modell. In den USA kombiniert Fielmann Augenoptik stärker mit integrierten medizinischen Leistungen. Ziel ist es, Kunden deutlich schneller Zugang zu Untersuchungen zu ermöglichen – etwa innerhalb von 48 Stunden. Damit wird der US-Markt nicht nur zum Wachstumstreiber, sondern auch zum Testfeld für ein erweitertes Geschäftsmodell.
Parallel dazu baut Fielmann die Hörakustik systematisch aus. „Die Hörakustik soll nicht mehr einfach nur mitwachsen, sondern ein eigenständiger, gleichberechtigter Geschäftsbereich werden“, erklärte Marc Fielmann. Die Ziele sind klar definiert: Bis 2030 soll der Umsatz von derzeit rund 150 Millionen Euro auf knapp 400 Millionen Euro steigen – also mehr als eine Verdopplung. Ein wesentlicher Hebel liegt im Ausbau bestehender Standorte. In Deutschland und Österreich verfügen aktuell rund 45 Prozent der Niederlassungen über ein Hörakustikstudio, in der Schweiz sind es 56 Prozent, in Spanien bereits 84 Prozent. Insgesamt plant das Unternehmen, die Zahl der Studios auf etwa 700 zu erhöhen und damit eine flächendeckende Versorgung mit Hörlösungen zu erreichen. Hinzu kommt die Expansion in weitere europäische Märkte, in denen Fielmann bislang nur in der Augenoptik aktiv ist (unter anderem Italien, Polen, Ukraine, Luxemburg und Tschechien). Organisatorisch wird die Hörakustik dafür zunehmend eigenständig aufgestellt und in eine eigene Organisationseinheit überführt – mit eigenen Ressourcen in Marketing, Vertrieb und Digitalisierung.
Das geplante Umsatzwachstum der Fielmann Group bis 2030 auf insgesamt vier Milliarden Euro soll sich aus dem Kerngeschäft Augenoptik in Europa, der Expansion in den USA sowie dem Ausbau der Hörakustik und der Gesundheitsversorgung zusammensetzen.
Der deutlichste strategische Schritt liegt jedoch im Ausbau medizinischer Dienstleistungen. Fielmann will sich stärker im angrenzenden Gesundheitswesen positionieren und plant, in diesem Bereich in den kommenden fünf Jahren rund 100 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz zu generieren. Im Zentrum stehen dabei Augen-Check-ups. Diese Vorsorgeuntersuchung wird inzwischen in rund 700 Niederlassungen in Europa angeboten. Für das laufende Jahr rechnet das Unternehmen mit mehr als 400.000 Check-ups in Europa, hinzu kommen rund 800.000 Augenuntersuchungen durch sogenannte Optometric Doctors (derzeit sind 315 fest angestellt) in den USA. „Aufgrund der riesigen Kundennachfrage rollen wir den Augen-Check-up derzeit europaweit aus“, erläutert Fielmann.
Mit dem Ausbau dieser Leistungen verändert sich auch das Berufsbild. „Durch den Eintritt in die angrenzende Gesundheitsversorgung erweitert sich das Aufgabenspektrum der Augenoptiker erheblich“, erklärte der Vorstandschef. Neben klassischen Aufgaben wie Refraktion und Brillenanpassung gewinnen medizinische Leistungen an Bedeutung. Dazu zählen etwa Screenings, die Anpassung spezialisierter Kontaktlinsen oder das Myopie-Management. Perspektivisch könnten auch weitere Gesundheitsdienstleistungen wie Diabetesmonitoring oder Oculomics hinzukommen, bei denen Augendaten Rückschlüsse auf systemische Erkrankungen ermöglichen.
Strukturell setzt Fielmann dabei auf ein Zusammenspiel aus stationären Filialen, telemedizinischen Lösungen und optometrischen Kompetenzzentren. Derzeit betreibt das Unternehmen 13 solcher Zentren im deutschsprachigen Raum, in denen neue Leistungen getestet werden.
Hat sich mit der Vision 2035 erneut große Ziele gesetzt: CEO Marc Fielmann will das Familienunternehmen weiter modernisieren, internationalisieren und digitalisieren.
Zwischen Expansion und Systemfrage
Mit der Vision 2035 verschiebt Fielmann seine strategische Positionierung weiter und setzt damit das fort, was in der Vision 2025 bereits seinen Anfang genommen hat. Aus einem primär produktgetriebenen Geschäftsmodell entwickelt sich schrittweise ein Ansatz, der stärker auf Versorgung, Prävention und medizinische Dienstleistungen setzt. Gleichzeitig bleibt die internationale Expansion zentraler Bestandteil der Strategie. Während Europa das stabile Fundament bildet, sollen vor allem die USA für zusätzliches Wachstum sorgen.
Ob die Vision 2035 aufgeht, entscheidet sich bereits in den kommenden Jahren. Denn die entscheidenden Schritte – Ausbau der USA, Skalierung der Hörakustik und Etablierung medizinischer Leistungen – fallen in die Phase bis 2030. Oder anders gesagt: Die Zukunft beginnt für Fielmann nicht erst in zehn Jahren, sondern jetzt.