Sehen, was möglich ist Zu Besuch bei Low-Vision-Expertin Sandra Endler in Cottbus

Endler Sehtest

Beim Sehtest ermittelt Low-Vision-­Expertin Sandra Endler nicht nur die Werte ihrer Kunden, sondern erfragt zudem relevante Begleitumstände wie etwa die Aufgaben und  Bedingungen am Arbeitsplatz.

© Jürgen Bräunlein

Erstveröffentlicht in der DOZ 06|2026

Überpünktlich, doch mit dem letzten Tropfen Benzin im Tank, erreiche ich an diesem trüben Donnerstag Cottbus. Mein Ziel ist der außergewöhnliche Betrieb der langjährigen Low-Vision-Expertin Sandra Endler. Im April 2004 eröffnet, ist „Low Vision Cottbus“ ausschließlich auf vergrößernde Sehhilfen spezialisiert – eine Seltenheit in Deutschland. Doch bevor ich meine Interview-Fragen nochmals im Kopf durchgehen kann, muss mein Auto geparkt und aufgetankt werden. Ein Passant mittleren Alters, ein Brillenträger, weiß Rat. Dass ich den Mann zehn Minuten später in Endlers Geschäft wiedertreffe – ihn allerdings nicht erkenne, weil er keine Brille mehr aufhat –, ist ein schöner Zufall. Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Doch so ganz zufällig ist es auch wieder nicht: Denn mit Sandra Endler ist vereinbart, dass ich bei einem Kundengespräch mit dabeisein und der Low-­Vision-Expertin über die Schultern schauen darf: Heiko Behrens (Name geändert; Anm. d. Red.) ist 53 Jahre alt, Neukunde bei „Low Vision Cottbus“ und stark sehbehindert, was mir bei der ersten Begegnung nicht auffiel. Er hat einen kleingedruckten Text dabei, wie er ihn in seinem Berufsalltag als Programmierer täglich lesen muss, was ihm aber zusehends schwerfällt. Deshalb ist er hier.

Sandra Endler fragt zunächst die persönlichen Daten ab: Alter, Wohnort, Telefon, Krankenkasse, Name des behandelnden Augenarztes und schließlich die vorliegende Diagnose: 2010 wurde bei Behrens Morbus Stargardt festgestellt, eine erbliche Form der Makuladegeneration, die zu einem fortschreitenden Verlust des zentralen Sehvermögens führt und in der Regel bereits im Kindes- und Jugendalter beginnt. „Mir fiel früher schon auf: Wenn ich einer Mücke hinterherschaute, war sie plötzlich weg“, erinnert sich Behrens. „Aber da habe ich mir noch nicht so viel dabei gedacht. Später habe ich im Autorückspiegel beim Ausscheren beinahe jemanden übersehen.“

2010 bekam er erstmals eine Brille verschrieben, Gläser fürs Sehen in die Ferne, seitdem verschlechterten sich seine Augen weiter, in den vergangenen Monaten besonders deutlich. „Die Mitte des scharfen Sehens ist auf beiden Seiten weg“, sagt Behrens sachlich. „Ich kann bloß noch an den Seiten vorbeischauen.“

„Erheblicher Visus-Verlust“ innerhalb eines Jahres

Die letzte Augenvermessung ist schon eine Weile her, die Werte liegen vor der Augenoptikerin. Sandra Endler macht nun einen gründlichen Sehtest mit der Messbrille. „Bis heute verfahre ich dabei so, wie ich es damals in meiner Ausbildung gelernt habe.“

Sie stellt fest, dass sich Behrens‘ Sehleistung auf dem rechten Auge gegenüber dem vorigen Sehtest weiter verschlechtert hat, jetzt auf den Stand des linken. „Ein Visus von 0,5 auf 0,1 innerhalb eines halben Jahres ist schon ein erheblicher Verlust“, sagt sie später. Während des Sehtests erfragt Endler mehr über ihren Kunden. Weiß sein Arbeitgeber, dass er schlecht sehen kann? Hat er einen Schwerbehindertenausweis? Beides ist der Fall. Heiko Behrens erzählt, dass er zunehmend Arbeiten in seiner Firma erledigt, bei denen er nicht so viel lesen muss, etwa wenn er Abläufe beim Drucken kontrolliert. Endler will nun wissen, wie er seine Sehschwierigkeiten bisher bewältigte. Um am Computer lesen zu können, vergrößere er alles am Bildschirm, das ginge gut, sagt Behrens. Wenn kein Computer in der Nähe ist, brauche er aber zum Lesen ein Gerät für die Hand, besonders bei Kleingedrucktem. „Die Handlupe, die ich habe, reicht da nicht mehr.“

Sandra Endler schaut auf die Werte des Sehtests. „Wenn wir die Buchstaben aus der Zeitung acht Mal größer machen, dann können Sie sie entspannt erkennen. Das bekommen wir aber mit einer optischen Lupe nicht mehr hin.“ Der Grund: Je stärker eine optische Lupe, desto kleiner sei der Ausschnitt, den sie vergrößert. Da habe man dann ein, zwei Buchstaben und könne nicht mehr zusammenhängend lesen. „Mein Vorschlag ist, jetzt auf eine elektronische Lupe umzusteigen. Sie haben große Buchstaben, einen großen Ausschnitt und können gut damit lesen.“

Jedes Modell hat Vorteile, aber auch Nachteile

Endler stellt ihrem Kunden verschiedene Modelle vor. „Alles, was ich heute zeige, hat Vorteile, aber auch Nachteile. Wir gucken am Ende, mit welchem Kompromiss Sie am besten leben können.“ Behrens entscheidet sich für eine elektronische Lupe, die nicht größer als ein Handy ist. „Praktisch ist, dass das Gerät in dem Moment automatisch angeht, in dem man den Griff herausklappt“, erklärt ihm die Expertin.

Zu den Hightech-Lösungen, die sie ihrem Kunden ebenfalls vorführt, gehört ein kleines Vorlesegerät, das magnetisch an den Brillenbügel geklickt wird und Texte und Buchseiten erfassen und vorlesen kann, entwickelt von dem israelischen Start-up Orcam. Auch wenn sich Behrens nicht für diese Sehhilfe begeistern kann, sei es wichtig, erklärt Endler später, „dass er weiß, dass es solche Möglichkeiten der Unterstützung gibt“.

„Das Zweite, was ich jetzt zudem zeigen möchte, sind Kantenfiltergläser“, fährt Endler mit ihrer Beratung fort. Sie erklärt Behrens den Nutzen (weniger Blendung, bessere Erkennbarkeit von Details, besonders bei leichter Tönung) und geht mit ihm auf die Straße, um ihn die verschiedenen Filtergläser bei Tageslicht testen zu lassen. „Draußen ist der größte Refraktionsraum der Welt“, sagt sie schmunzelnd. Zum weiteren Ausprobieren und Vergleichen darf ihr Kunde mehrere Kantenfilter mit nach Hause nehmen.

Die elektronische Lupe wird über die Krankenkasse beantragt. „Ich schicke dem Augenarzt einen Testbericht, damit er weiß, was wir alles probiert haben und was Ihnen hilft. Er wird uns das Rezept zuschicken, dann können wir den Festbetrag abrechnen und Sie bekommen die Lupe.“

Zum Schluss hat die Augenoptikerin noch eine Idee für Behrens. „Waren Sie schon beim Integrationsfachdienst? Auch da könnten Sie sich beraten lassen. Die sitzen direkt beim Blinden-und-Sehbehinderten-Verband Brandenburg. Die schauen dann nochmals gemeinsam mit Ihnen, wie es beruflich weitergeht. Ob es noch andere Hilfsmittel gibt oder ob es für Sie mittelfristig sinnvoll ist, sich beruflich neu zu orientieren.“

Behrens reagiert zurückhaltend. „Wahrscheinlich ist er noch nicht so weit, diese Anlaufstelle schon zu nutzen“, vermutet Endler später. „Wichtig ist mir, dass er weiß: Da gibt es noch Möglichkeiten, wenn es mit dem Sehen schlimmer wird.“
 

Kantenfiltergläser testen

„Draußen ist der größte Refraktionsraum der Welt“: Sandra Endler lässt ihren Kunden verschiedene Kantenfiltergläser bei Tageslicht ausprobieren. 

© Jürgen Bräunlein

„Man muss etwas lauter und langsamer sprechen“

Altersabhängige Makuladegeneration ist der häufigste Grund, warum Menschen zu Sandra Endler kommen. Wenn die „normale“ Brille eben nicht mehr ausreicht, helfen vergrößernde Sehhilfen, das noch vorhandene Sehvermögen optimal zu nutzen. Die meisten ihrer Kunden und Kundinnen sind älter, aber im guten Allgemeinzustand und fit im Kopf. Pro Kunde plant sie eine Stunde ein, manchmal dauert es länger. „Mir liegt es, ältere Menschen zu beraten. Ich kann mich gut auf sie einstellen. Man muss etwas lauter und langsamer sprechen.“

Sie hat auch Kunden in den Dreißigern und Vierzigern, in letzter Zeit vermehrt auch in den Fünfzigern, die Alters­klasse von Heiko Behrens also. Auch Eltern kommen mit ihren Kindern. Eine der Diagnosen ist dann etwa die Erbkrankheit Albinismus, die oft mit einer verminderten Sehschärfe einhergeht.

Kürzlich hatte sie einen zehnjährigen Jungen in ihrem Laden, der Franklin-Gläser tragen musste, die eine besonders auffällige Trennkante zwischen dem Bereich der Fern- und der Nahsicht aufweisen. Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass der Junge wegen der Gläser in der Schule gehänselt und gemobbt wurde – davon wusste selbst die Mutter nichts. Endler fragte ihren Glashersteller um Rat, und der fand eine Alternative: Anstelle des Franklin-Glases bekam der Junge ein verblendetes Bifokalglas. Es hat ein großes rundes Nahteil und der Einschliff wurde wegpoliert, also verblendet. Der Junge verließ zufrieden grinsend das Geschäft. „Solche Erlebnisse sind vielleicht das Schönste an meinem Beruf“, verrät die Augenoptikerin.

Eigenen Low-Vision-Betrieb schon während des Studiums geplant

Was sie hingegen nervt, ist das komplizierte Abrechnungsprozedere mit den Krankenkassen. Alle Kostenvoranschläge müssen digital eingereicht werden, jede Krankenkasse hat ihr eigenes Portal und ein eigenes Abrechnungsunternehmen beauftragt. Sie selbst hat diesen Teil ihres Betriebs ebenfalls an ein Abrechnungsunternehmen ausgelagert, damit sie sich auf das konzentrieren kann, was sie am liebsten macht: die direkte Beratung ihrer Kunden. Bei Abrechnungsschwierigkeiten landet der Fall jedoch trotzdem als Rückläufer auf ihrem Schreibtisch, und sie muss sich darum kümmern. 

Schon während des Studiums in Berlin an der BHT hat Sandra Endler ihr Unternehmen geplant. Die Hochschule kooperiert mit der dortigen Beratungsstelle für Sehbehinderte, dort machte sie eine Hospitanz und fand Gefallen am Low-Vision-Bereich. Ein Schlüsselerlebnis war ein Praxissemester in Kenia. In einer Klinik in Kikuyu nördlich von Nairobi arbeitete Endler bei einem Low-Vision-Projekt mit. Dort ging es um die umfassende Unterstützung von sehbehinderten Kindern. Ziel war es, die Kinder mit Hilfsmitteln in Regelschulen zu integrieren, sodass sie nicht in Blindenschulen mussten. 

„Wenn jemand sehbehindert ist, ist die Beratung besonders intensiv, auch sehr persönlich“, stellt die Augenoptikerin fest. „Das liegt mir. Man begleitet einen Menschen über viele Jahre, entsprechend groß ist die Kundenbindung.“ Schon lange hat sich Sandra Endler als feste Größe in der Gesundheitsversorgung in Cottbus etabliert. Ihre Zusammenarbeit mit den Augenärzten beschreibt sie als „toll“.

Es gibt kaum Augenoptiker in der Region, die sich auf Low Vision spezialisiert haben. So wird sie oft von Augenärzten empfohlen, aber auch von anderen Augenoptikern. Mit einer Kollegin in Cottbus arbeitet sie besonders eng zusammen. „Sie übernimmt für mich die Werkstattarbeiten, weil ich kein eigenes Schleifgerät habe. Manchmal würde ich mir das noch mehr wünschen, diese Art von Kollegenkooperation.“

Gruppenfoto von der Tagung des Low Vision Kreises in Dietzenbach

Nach der Tagung ist vor der Tagung

Wenn Expertise auf Zusammenhalt trifft: Besuch beim Low-Vision-Kreis

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Der Start allerdings war rückblickend nicht einfach. „Die ersten fünf Jahren waren schwierig. Viele konnten mit dem Begriff Low Vision nicht so viel anfangen. Wussten auch nicht, dass es überhaupt ein Geschäft gibt, das sich darauf spezialisiert.“

Augenoptikern, die sich auf Low Vision spezialisieren wollen, empfiehlt Sandra Endler, möglichst früh Kontakt mit den Augenärzten aufzunehmen. Das Equipment, das man für das Geschäft benötigt, könne man sich nach und nach anschaffen. „Und dann …“, sagt sie: „… einfach machen!“ Immerhin spricht die demografische Entwicklung für Low Vision: Es ist ein Wachstumsgeschäft, die Kunden werden nicht ausgehen.

Auch deshalb würde sie sich vom Verband etwas mehr Unterstützung wünschen. Der Low-Vision-Bereich werde hier zu wenig gesehen, meint sie. Um so inspirierender ist für sie der Austausch im Low-Vision-Kreis, deren 2. Vorsitzende sie ist. Zweimal im Jahr trifft man sich (siehe DOZ 02/26), tauscht Erfahrungen aus, gibt Tipps weiter. Zu den Themen, die hier diskutiert werden, gehört nicht zuletzt der Einsatz von KI. „Das wird noch mal eine Herausforderung werden, unseren Platz zu finden bei all den technischen Möglichkeiten, die auf uns zukommen, ich denke nur an die Smartbrille.“ Sandra Endler rät zur Gelassenheit: „Sehr viele Berufsgruppen sind derzeit in Bezug auf die Entwicklung der KI verunsichert, nicht nur wir Augenoptiker hier im Low-Vision-Bereich. Ich denke, wir sollten das in Ruhe betrachten.“

Heiko Behrens jedenfalls verlässt „Low Vision Cottbus“ zufrieden. „Ich wurde gut beraten, habe gefunden, was ich suchte“, erklärt er zum Abschied. Ich wiederum entschuldige mich bei ihm: „Tut mir leid, dass ich Sie im Geschäft nicht gleich wiedererkannt habe. Sie aber erkannten mich sofort, obwohl ich doch besser sehe als Sie.“ Da lächelt Behrens. „Ich kann zwar keine Gesichter erkennen. Aber ich habe Sie an Ihrer Stimme erkannt.“ 

Geschrieben von

Jürgen Bräunlein

Jürgen Bräunlein

Dr.

Jürgen Bräunlein ist seit über 30 Jahren in der Augenoptik als promovierter Medienwissenschaftler, Buchautor, Fachjournalist, Ex-Chefredakteur, Texter und Ideengeber mit breiter Branchenerfahrung aktiv.

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