Uli Schönauer

Augenoptiker mit eigener Kollektion: "3D-Druck ist zeitgemäßes Handwerk"

Wer sagt, dass Handwerker nicht modern sein können, dem beweist Uli Schönauer das Gegenteil. In der Meisterschule lernte der Augenoptikermeister noch Acetatbrillen von Hand herzustellen, heute designt und verkauft er zusammen mit seinem Team die selbst kreierte Kollektion „Uli S.“, die sofort aus dem 3D-Drucker kommt. Wie dies abläuft und was es dabei zu beachten gibt, berichtet er der DOZ.
 Miriam Doerr Martin Frommherz

So sieht das fertige Mittelteil einer Brille aus einem Filamentdrucker aus. Bei Schönauer stellt das eigens angeschaffte Modell inzwischen allerdings Karabiner her.

© Shutterstock / Miriam Doerr Martin Frommherz

Erstveröffentlicht in der DOZ 02I24

Uli Schönauer ist Augenoptiker und Handwerker durch und durch. Er ist Inhaber zweier traditioneller und gleichzeitig moderner Augenoptikbetriebe in Ingolstadt, die seine im 3D-Druck erstellte Kollektion „Uli S.“ exklusiv im Sortiment haben. „Ich habe bereits in Berlin modische und internationale Erfahrungen gesammelt und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass jede Metropole ihren eigenen Modestatus hat“, erzählt Schönauer. 2008 kam er aus Berlin zurück nach Ingolstadt und übernahm Optik Reinhardt im Norden der Stadt, dessen Besitzer in den Landtag gewählt wurde. Als 2022 sein Vater, der einen eigenen augenoptischen Betrieb besaß, kürzertreten wollte, übernahm er auch dessen Betrieb im Süden Ingolstadts und führt seitdem zwei Filialen mit insgesamt 14 Angestellten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die eigenen Brillen aus dem 3D-Drucker bereits Einzug ins Sortiment gehalten.

Während der Meisterprüfung 2004 musste Schönauer noch eine vollständige Brille aus Acetat fertigen.„Ich habe den Fassungsbau in der Meisterschule gelernt und hatte immer viel Freude daran. Deshalb bin ich nach bestandener Prüfung auch drangeblieben und habe immer mal wieder eine Brille gefertigt“, erzählt Schönauer. Mit zwei Betrieben aber fehlte die Zeit, sich viele Stunden in die Werkstatt zu setzen und eigene Brillenkreationen herzustellen. Trotzdem wollte Schönauer seinen Kundinnen und Kunden etwas Individuelles, doch gleichzeitig Bezahlbares bieten – und stieß dabei auf ein aus seiner Sicht interessantes Feld: „Der 3D-Druck ist ein spannendes Thema. Wie beim Prototypenbau kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen“, erklärt Schönauer. Seine Grundidee: Brillendesigns, die individuell, einfach, schnell und günstig umzusetzen sind. „Wir haben dann leider schrittweise erfahren müssen, dass das alles mit dem eigentlich für den Brillenbau gekauften Filamentdrucker nicht geht.“ Die günstigen Beschaffungskosten schlugen sich bedauerlicherweise auch in der Qualität der Druckergebnisse wider. Schönauer jedoch gab nicht auf, fand neue Wege und sagt heute über seine Grundidee von damals: „Auch wenn nur die Leidenschaft übrig blieb, sind wir mit dem Endprodukt sehr zufrieden.“ Der Filamentdrucker ist nur noch bei Experimenten im Einsatz, quasi als Testdrucker für Einzelstücken in verrückten Formen.

Aktuell bietet Optik Schönauer bereits die dritte Uli-S.-Kollektion mit 15 Modellen in drei Farben in seinen Betrieben an. Die Kosten für eine Uli-S.-Fassung liegen bei 289 Euro. Wer jedoch eine individualisierte Variante haben möchte, bekommt diese natürlich auch und muss dann für die Einzelanfertigung um die 500 Euro bezahlen. Doch bis jetzt hatte Schönauer noch keinen Fall, bei dem solch eine Variante notwendig gewesen wäre.

„Wir brauchen für unsere Brillen kein Design, das die ganze Welt erobert. Es soll den Ingolstädtern gefallen.“

„Wir brauchen bei unseren Brillen kein Design, das die ganze Welt erobert, sondern nur Fassungen, die die Menschen in Ingolstadt begeistern“, erklärt Schönauer. Die Modelle wirkten für den Laien ähnlich, doch das geschulte Auge sehe die Unterschiede und könne in der Beratung auf die passenden Modelle verweisen. „Zusätzlich sammle ich mit jeder neuen Kollektion Erfahrungen darüber, welche Farben und Formen gefragt seien und welche weniger.“ Wichtige Informationen, die er sogleich für die nächste Kollektion berücksichtigen kann.

Für das Design holte sich Schönauer einen augenoptischen Gesinnungsgenossen ins Boot. „Stefan Flegl ist ein Schulfreund und Kollege mit drei Geschäften. Mit seinem Faible für Gestaltung haben wir in ihm einen tollen Designer für Uli S. gefunden“, erzählt Schönauer. Nach einem ersten Grunddesign geht es ans Feintuning und letztlich auch an die Umsetzung ins Digitale. Dabei müssen Dicke des Materials, Maße der Fassung oder auch die Nut und deren Tiefe berücksichtigt und digital vorgegeben oder eingefügt werden. Im Anschluss werden die Grafiken an den Produzenten geschickt und dieser druckt die gewünschten Modelle im additiven Lasersinterverfahren.

Uli-Schoenauer

Daumen hoch: Für eine tolle Brille ist man bei Uli Schönauer an der richtigen Adresse.

© Schönauer

Hierbei wird mit einem speziellen Pulver gearbeitet. Im Gegensatz zum Filament, einem thermoplastischen Kunststoff, entstehen keine Abfallprodukte und die Pulverpartikel werden mit einem Laser in Form des gewünschten Produkts Schicht für Schicht zusammengeschmolzen. Um das gewünschte Produkt herum entsteht dadurch ein Pulverblock, der im Nachgang abgetragen werden muss. Die feinen Reste des Pulvers werden mit Druckluft und Bürsten vollends entfernt und in einem Auffangbehälter gesammelt. Beim Druck der Brillen muss außerdem beachtet werden, dass jeder Anfangs- und Endpunkt sichtbar ist. Demnach sollten die Brillen mit möglichst wenig Auflageflächen gefertigt werden. Zu beachten sind auch die Kosten, denn Schönauer zahlt zusätzlich für die Druckzeit. So muss abgewogen werden, ob eine geringere Auflagefläche mit einem schöneren Endresultat oder eine günstigere Produktion gewünscht wird. In Schönauers Fall war zwar eine längere Druckzeit etwas kostenintensiver, doch gleichzeitig konnten so mehrere Fassungen parallel gedruckt werden. Solche Erfahrungswerte gewinne man aber erst mit der Zeit. Nach jeder Produktion müssen die Anfangs- und Endstellen nachbearbeitet werden, um kleine Materialspitzen zu entfernen. Jedoch kanndas Pulver, das beim Druck nicht benötigt wurde, für den nächsten Druck genutzt werden und es entstehen keine Abfälle wie bei einem Acetatstück.

Als letzter externer Schritt kommen die Fassungen zur Farbbeschichtung. Da in der Automobilbranche schon seit geraumer Zeit Teile im 3D-Druckverfahren gefertigt werden hat Schönauer etliche Kunden, die am Standort Ingolstadt bei Audi beschäftigt sind und von daher deutlich mehr über das entsprechende Herstellungsverfahren wissen als er selbst – und damit sogleich auch die Vorteile bereits kennen. Ein netter Nebeneffekt und eine Vereinfachung in der Kommunikation. Nachdem die Brillen im letzten externen Schritt eine Farbbeschichtung erhalten haben, gehen diese in Einzelteilen zu Optik Schönauer, um vor Ort in der Werkstatt zusammengebaut und mit dem Logo Schönauers, das in eine Metallplatte eingraviert ist, versehen zu werden.

So durchläuft eine 3D-gedruckte Brille also insgesamt fünf Stationen: Design, Druck, Nachbearbeitung, Farbbeschichtung, Zusammenbau. „Wir haben tolle Partner gefunden, die nicht nur tolle Design liefern, sondern auch unsere eigenen Vorstellungen berücksichtigen“, berichtet der 42-Jährige. Seit der dritten Kollektion sind auch passende Sonnenclips vorhanden, die über Magnete an der Fassung befestigt werden können und die vom gleichen Hersteller wie die Uli-S.-Kollektion produziert werden.

Altes Handwerk und neues Handwerk

Warum Schönauer die Brillen nicht komplett selbst produziert? Zum einen liegen die Anschaffungskosten für einen entsprechenden 3D-Drucker bei rund 20.000 Euro, zum anderen braucht es den entsprechenden Platz. Und so ist es deutlich günstiger, kleine Auflagen von rund 50 Fassungen extern fertigen zu lassen. Als Handwerker lässt es sich Schönauer aber nicht nehmen, das Endprodukt auf Qualität zu überprüfen und gegebenenfalls nacharbeiten zu lassen. Jede seiner 3D-gedruckten Fassungen ist thermoflexibel und muss auf circa 90 Grad erhitzt werden, um sie anzupassen. Auch bei der Verglasung gibt es keine Einschränkungen. Schönauer berichtet, dass bereits −7,0 Dioptrien ohne Probleme in die Modelle verglast wurden.

Dass sich der handwerklich Part rund um die Herstellung der Brille mit den neuen Möglichkeiten des 3D-Drucks geändert hat, steht auch für Schönauer außer Zweifel. „3D-Druck ist zeitgemäßes Handwerk“, bekräftigt er. Zeiten, in denen man mit Stift und Zettel eine Fassungs gezeichnet und anschließend diese aus einem Acetatblock gefertigt habe, sind für ihn bereits lange vorbei. Die handwerkliche Arbeit im Geschäft müsse aber weiter gefördert werden – auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Neue Bügel einsetzen oder Schrauben nachziehen müsse jeder Augenoptiker auch weiterhin können, selbst im Zeitalter 3D-gedruckter Brillen.

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Die 3D-gedruckten Brillen der Kollektion „Uli S.“ gibt es für Männer und Frauen in verschiedenen Farben und Formen.

© Schönauer

Ein kreativer Geist mit einer sozialen Ader

Seine Kreativität stellt Schönauer nicht nur mit seiner eigenen Fassungskollektion unter Beweis. So designte er auch Brillenetuis in vier verschiedenen Mustern, darunter eines mit dem Ingolstädter Wappen sowie ein Schanzer-Etui („Schanzer“ ist der Spottname, den die Ingolstädter von den Bewohnern der benachbarten Dörfer im 16. Jahrhundert verpasst bekamen, als sie ihre Stadt zur „bayerischen Landesfestung Ingolstadt“ ausbauten; Anm. d. Red.). Während der Corona-Zeit entwickelte Schönauer zudem ein Quartett und spendete die gesamten Einnahmen an den Round Table in Ingolstadt. Auch ein Teil der Einnahmen aus dem Verkauf der Uli-S.-Kollektion geht regelmäßig an den ortsansässigen Service Club.

Schönauer steckt viel Zeit und Leidenschaft in seine Projekte, so viel, dass selbst die eigenen Familie mitunter tatkräftig unterstützt. „Mein 13-jähriger Sohn und meine neunjährige Tochter haben beide bereits im aden geholfen, indem sie die Putztücher in die Etuis sortiert haben“, erzählt der Familienvater.

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Ob Quartett oder Brillenetui: Uli Schönauer lässt seiner Kreativität auch abseits seiner eigenen 3D-Druck-Brillenkollektion freien Lauf.

© Lisa Meinl / DOZ

Ob eines der Kinder das Familienunternehmen eines Tages übernimmt, steht noch in den Sternen. Die Leidenschaft für das Kreative teilt Schönauer jedoch bereits heute mit seinem Sohn, der große Freude am betrieblich wenig genutzten Filamentdrucker hat und der damit für sich und seine Freunde zuletzt Karabiner statt Brillen druckte.