„Handwerk wird zu Gewinnern gehören"

Letzte Änderung: 
12.11.2018
Autor:
Ingo Rütten
Besucher hören einen Vortrag zu
Für die Besucher galt es beim Trendforum über den Tellerrand zu blicken.
© Detlev Schilke / Spectaris

Christoph Keese war es als anerkannter Experte für die Digitalisierung vorbehalten, das Spectaris-Trendforum in Berlin nach den Begrüßungsworten des Spectaris-Vorsitzenden Josef May zu eröffnen. Der heutige Geschäftsführer der Axel Springer hy GmbH führte anschaulich ins Thema des Tages hinein: Denn Spectaris hatte unter dem Motto „Wir sind digital“ weniger die noch immer recht analoge Branche der Augenoptiker als vielmehr deren Kunden im Blick, die eine zunehmend digitalere Haltung für sich in Anspruch nehmen. „Ich freue mich besonders auf dieses Programm, das zum ersten Mal gesellschaftspolitische Themen in den Vordergrund stellt“, meinte May. Auch wenn der direkte Brückenschlag in die Geschäfte der Augenoptiker manchmal schwierig zu erkennen war, durften sich die Gastgeber über die Auswahl der Themen und nicht zuletzt der Referenten am Ende der Veranstaltung in der Classic Remise in der Hauptstadt freuen.

Christoph Keese
Christoph Keese: „Mich stören beim Augenoptiker
in erster Linie die Preise.“ (Foto: Schilke / Spectaris)

Was bedeutet die Zeitenwende für uns und unsere Gesellschaft? Diese Frage galt es am 5. November von fünf Referenten und einigen Studenten zu klären (siehe Beitrag: „Statt Nachwuchs-Sorgen für Nachwuchs sorgen“) Letztere widmeten sich im dritten Teil der Spectaris-Serie „Visionäre unserer Zeit“ der Nachwuchswerbung für den Beruf und der Kontaktlinse. Nur, die Studenten der International School of Management und der University of Applied Sciences Europe in Hamburg brachten auf der Bühne eine der Schwierigkeiten bei solchen Kampagnen selbst auf den Punkt: Die Branche müsse zusammenstehen und gemeinsam aktiv werden, um für einen Knalleffekt und die nötige Aufmerksamkeit zu sorgen, erklärten die jungen Leute sinngemäß. In der anschließenden Mittagspause war das einer der diskutierten Punkte unter den Besuchern, die sich aus Augenoptikern aber zu einem größeren Teil aus Industrievertretern zusammensetzten. Auch die beiden ersten Programmpunkte hatten bereits für Diskussionsstoff gesorgt - und schließlich galt es auch noch die Vorfreude auf den „Popstar der deutschen Philosophen“ zu teilen: Professor Dr. Richard David Precht.

Netzwerk und Austausch

Kaffee- und Mittagspause bieten beim Trendforum traditionell ausreichend Gelegenheit zum Netzwerken und Austausch. Manch einer mag die langen Schlangen am Buffet und die Wartezeiten am Kaffee-Ausschank bemängeln. Andere nutzen die Möglichkeit, mit den Vorbeilaufenden oder Mitwartenden in Kontakt zu treten und selbigen zu knüpfen. Diese gemischte Gemengelage dürfte der Grund dafür sein, dass noch kein Disruptor sich der Sache angenommen hat, so jedenfalls müsste Keese darüber denken. Der einstige Chefredakteur der Financial Times Deutschland und der Welt am Sonntag machte in seinem Vortrag gleich zu Beginn deutlich, dass es immer dann zu einem Angriff auf bestehende Konstrukte kommt, wenn der Verbraucher genervt ist. Und so hatte er für die Augenoptiker zwei bedeutsame Nachrichten im Gepäck, aus der sich wiederum analog zur Pausensituation zwei unterschiedliche Interpretationen ableiten lassen: „Mich stören beim Augenoptiker in erster Linie die Preise“ sagte Keese, der glücklicherweise zuvor noch die Chancen der Digitalisierung und der Disruption für die Augenoptik erörtert hatte und der einen großen Unterschied zu vielen anderen Branchen darstellte. „Der Augenoptiker verkauft menschliche Bedürfnisse.“

Dass in der Regel die Kollegen, die statt „nur“ Brillen optimales Sehen verkaufen, weniger Probleme in der Zukunft haben werden, ist nicht unbedingt neu. Doch wie Vieles beim Thema Digitalisierung kann das nicht oft genug erwähnt werden. Keese hatte nicht die Augenoptik im Sinn, um die Software verantwortlich für den Wandel in der Wertschöpfungskette zu machen. Aber das von ihm genannte Beispiel ist recht gut übertragbar auf unsere Branche. Nokia, einst bedeutender – wenn nicht der bedeutendste – Handyhersteller, sei nicht gescheitert, weil er schlechte Geräte auf den Markt gebracht hätte. Nein, Nokia sei gescheitert, weil das von den Schweden verwendete  Betriebssystem nicht mit iOS von Apple oder Android Schritt halten konnte. Es darf wiederholt werden: Menschliche Bedürfnisse, nicht Brillen verkaufen!

„Amazon wird Fachhändler nie ersetzen können“

David Precht
Professor Dr. Richard David Precht.
(Foto Schilke / Spectaris)

Eigentlich dürfte sich die Branche angesichts dessen relativ gelassen geben, auch Keese hatte noch eine Beruhigungsbotschaft parat für die digitale Gegenwart, die auch zukünftig wirken sollte: „Amazon wird nie die Expertise von Fachhändlern ersetzen können.“ Eine Ansicht, die Richard David Precht einige Stunden später in seinem Vortrag am Ende des Programms nicht nur unterstrich, sondern ausweitete. „Künstliche Intelligenz kann nicht alles ersetzen. Das Handwerk wird zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören, da den Menschen Handgemachtes wieder wertvoller erscheinen wird.“ Precht war wie vor einigen Jahren, als er schon einmal die Bühne inmitten der Oldtimer in der Classic Remise bereicherte, ein Höhepunkt des Trendforums, auch wenn die Vorredner durchaus ebenso überzeugend und unterhaltend waren. Der Professor und Medienstar ist der Meinung, „dass wir durch die Digitalisierung das Betriebssystem unserer Gesellschaft auswechseln.“ Das also, was Nokia verpasst hat, würde „die Definition von Arbeit, Leistung oder Tüchtigkeit“ grundlegend verändern. Anders als Professor Dr. Wolfgang Ertl zuvor, warnte Precht allerdings nicht davor, dass in der Augenoptik zukünftig Arbeitsplätze verloren gingen. Ertl, Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, zeigte einige Beispiele, wie Maschinen in der Lage sind, zu lernen. Der Bezug zum augenoptischen Alltag in den Betrieben ging beim Betrachten der Bilder von Servicerobotern hin und wieder verloren, aber letztlich forschen vor allem Onlinehändler in Sachen Künstliche Intelligenz –  alleine deswegen sollte der Vortrag besser allen in Erinnerung bleiben.

Im Vorfeld des Trendforums dürfte manchem Besucher beim Blick auf das Tagungsprogramm Angst und Bange geworden sein. Digitale Disruption, Wandel, untergehende Firmen, Künstliche Intelligenz als Jobkiller und Revolutionen malten im Programm eine düstere Zukunft für den Augenoptiker. Im Endeffekt sorgte aber nur Professor Ertl mit seinem Zukunftsszenario und vor allem mit dem möglichen Einsatz von militärischen Drohnen für miese Stimmung. Mal abgesehen von der plumpen Vordrängelei von David Precht am Kaffeebuffet, (das manchem Gast übel aufstieß, auch wenn es wegen des anstehenden Verkaufes seines neuen Buches samt Signierstunde letztlich verständlich sein sollte) waren die Bilder und die erläuterten Vorstellungen von „intelligenten Waffen“ die einzigen echten Stimmungskiller. Gut, dass anschließend Dr. Volker Busch mit seinem kurzweiligen Vortrag die Leute wieder auf andere Gedanken brachte. Er mahnte, dass die Digitalisierung einen „Aufmerksamkeitsklau“ zur Folge habe. Multitasking, in Zeiten des Smartphones sicher nötig, jedoch laut Busch schlicht unmöglich, habe zur Folge, dass eine zu verrichtende Arbeit um 30 Prozent länger dauere und dabei 20 Prozent mehr Fehler gemacht würden. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Regensburg stellte jedoch ebenfalls heraus, dass das digitale Zeitalter mehr Vorteile als Nachteile parat hält.

Überforderung: Kein Proben, sondern Normalität

Gelassenheit im Umgang mit dem Neuen, unabhängig von dessen vermeintlicher Wirkung, hatte am Vormittag bereits Dirk von Gehlen eingefordert. Der Journalist leitet die Abteilung Innovation/Social Media bei der Süddeutschen Zeitung und kennt sich wohl mit der Digitalisierung und deren Folgen aus. Jeder, der am Versuch des Multitaskings schließlich scheitert, dürfte sich vielleicht grundsätzlich nicht über dessen These freuen, nach der „eine Überforderung kein Problem ist, sondern der Default-Modus unserer Zeit.“ Aber von Gehlen hatte zum Glück auch Ratschläge dabei, wie man mit dieser (neuen) Realität  umgehen sollte, damit  es einem besser damit geht. „Wir lernen, indem wir bereit sind, erst zu verstehen, dann zu bewerten. Wir müssen auch bereit sein, Fehler zu machen“, um dann aktiv an deren Behebung und an der Gestaltung der Zukunft mitzuarbeiten. Praxisnäher riet er den Anwesenden, immer aus der Kundenperspektive zu denken.

Letztlich braucht es für diese Erkenntnis vermutlich weder die Digitalisierung noch jemanden, der beim Trendforum nachdrücklich darauf aufmerksam macht. Aber, die Digitalisierung ändert laut Precht ja auch nur das Betriebssystem und stellt die Basis nicht auf den Kopf. Das macht den Umgang mit dieser Entwicklung jedoch nicht weniger wichtig. Und so durften die Besucher am Ende eines informativen, kurzweiligen und auch geselligen Tages durchaus bereichert den Weg nach Hause antreten und Josef May durfte sich auch sicher sein, dass die Themen und die Redner beim Publikum Anklang gefunden hatten. „Wir haben nicht nur auf das richtige Thema gesetzt, wir haben dieses auch durch die fabelhaften Vorträge von allen Seiten beleuchtet. Ich bin mir sicher: Unsere Mitglieder nehmen heute viele Anregungen mit nach Hause, auch weil man zeitweise ‚outside the box‘ denken musste.“ Die nächste Chance, über den Tellerrand und in der Classic Remise auf und in schöne Autos zu blicken, gibt es beim Spectaris-Trendforum wieder im nächsten Jahr am 11. November. Hoppediz - kein böses Erwachen – dieses Motto hätte auch dieses Mal schon in Berlin gepasst.