Jahresbilanz mit Josef May und Thomas Truckenbrod

Von hellblauen, mittelblauen und dunkelblauen Augen

Ein in allen Belangen schwieriges Jahr liegt hinter uns – mit Auswirkungen weit ins Private. Die Corona-Pandemie hat auch die Augenoptik-Branche in ihrem Handeln und Wandeln maßgeblich beeinflusst. Grund genug, mit zwei Branchenexperten eine Jahresbilanz zu ziehen, die sowohl auf industrieller Seite als auch auf Seiten der Augenoptikbetriebe die Interessen aller Beteiligten vertreten. Die DOZ traf, natürlich rein virtuell, Josef May, den Vorstandsvorsitzenden des Industrieverbands Spectaris, und Thomas Truckenbrod, den Präsidenten des Zentralverbands der Augenoptiker und Optometristen ZVA, zum Jahresabschlussinterview. Ein Gespräch über Corona, Filialisierung, Digitalisierung, ausgefallene Branchentreffs und persönliche Zukunftsvisionen.
Mensch mit Brille und blauem Auge

Die Augenoptik ist - je nach Sichtweise - mit einem hellblauen, mittelblauen oder dunkelblauen Auge bisher durch die Corona-Krise gekommen.

© Adobe Stock / Wayhome Studio

DOZ: Die Corona-Pandemie war im nun ablaufenden Jahr das vorherrschende Thema. Herr May, die Krise hat in manchen Branchen schon früh ganze Lieferketten unterbrochen. Wie bewerten Sie den Anfang 2020 für die Industrie?

Josef May: Es gab aus Verbandssicht keine großen Unterbrechungen der Lieferketten. Die Glasversorgung in Deutschland war jederzeit gewährleistet, es hatte sicher kein Kunde Probleme, Gläser zu beziehen. Auch bei den Brillenfassungen waren im Regel­fall die Lager relativ gut gefüllt. Da war es relativ unproblematisch, dass in Asien die Produktion für sechs bis acht Wochen stillgestanden hat. Schließlich ist eine Brillenfassungsproduktion ein lange laufender Prozess, der nicht von Just-in-time-Lieferungen lebt. Bei Silhouette haben wir zum Beispiel Titan-Vorräte für die nächsten sechs bis zwölf Monate. Die im ersten Lockdown geringe Nachfrage bei Fassungen konnte also ab Lager bedient werden, die Gläser wurden auf Bestellung produziert, mit Blanks die fast ausschließlich im DACH-Raum hergestellt werden. 

Herr Truckenbrod, wie sind die Augenoptiker aus Ihrer Sicht bisher durch die Krise gekommen?

Thomas Truckenbrod: Wir sind mit einem hellblauen Auge davongekommen, wobei die Färbung des Auges durchaus unterschiedlich ausgeprägt ist. Schließlich haben einige Betriebe bis heute Schwierigkeiten – ungeachtet der Lage und trotz größter Bemühungen. Durch das Veröden der Innenstädte hatte ich vermutet, dass gerade Geschäfte in 1-a-­Lagen größere Probleme haben, aber laut unserer aktuellen Umfrage Mitte November lässt sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen 1-a- und 2-b-Lage erkennen. Die Entwicklung ist überall ähnlich – aber auch ähnlich gespreizt. Betriebe, die ihren Fokus auf Dienstleistung gelegt haben, waren weiterhin sehr gefragt, während Unternehmen, die in erster Linie über Stückzahlen erfolgreich sind, eher eine Zurückhaltung verspürt haben. Ungeachtet des Dezembers rechnen wir für die Branche mit einem Minus von rund vier Prozent für 2020. 

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