Ausbildungswerkstatt des EDA

Vom Saarland in die Welt

Der Entwicklungsdienst deutscher Augenoptiker (EDA) hat in Oberkirchen seine Ausbildungswerkstatt in Betrieb genommen. Hier sollen Projektanwärter mit den gleichen technischen Details vertraut gemacht werden, wie sie später auch bei den Hilfsprojekten vor Ort vorzufinden sein werden.
Michale Ross am Arbeitsplatz in Oberkirchen

Michaela Ross ist Mit-Initiatorin von Brillen-ohne-Grenzen sowie Geschäftsführerin der Gudd-Zweck UG.

© EDA

Väike Eesti heißt auf Deutsch übersetzt Klein-Estland. Nähert man sich dem denkmalgeschützten Gebäude „Alte Schule“ im saarländischen Oberkirchen fällt einem direkt ein großes Banner auf, welches in vier Sprachen (Väike Eesti, Klein-Estland, Little Estonia, La petite Estonie) darauf aufmerksam macht, dass man sich nun auf einer von drei imposanten Grillschaukeln niederlassen kann. Diese wurden eigens importiert, um eine Kooperation mit dem kleinen baltischen Land aufzubauen. Gemäß dem Grundsatz „Großes entsteht immer im Kleinen“, welcher auch für weitere Projekte in Oberkirchen Leitmotiv sein könnte. 

Betritt man die „Alte Schule“, befindet man sich in einem Café mit der wohl schönsten Deko im nördlichen Saarland, dem Café Edelstein. Als das vorherige Mineralogische Museum mit seinen zwei Ausstellungsräumen nicht mehr genug Gäste anzog, wurde es kurzerhand zu einem Café umgestaltet, um die Region zu beleben und einen Raum für Begegnungen zu schaffen. Und damit ist nun auch der Bogen zur Augenoptik und Entwicklungshilfe gespannt; denn einen Raum zur Begegnung soll auch die neue Ausbildungswerkstatt für Entwicklungshilfe des Entwicklungsdiensts deutscher Augenoptiker (EDA) im gleichen Haus bieten. 

Brillenwerkstatt seit Mitte 2020

Ziel ist es, Projektanwärter des EDA mit den gleichen technischen Rahmenbedingungen vertraut zu machen, wie sie dann später „live“ in den Hilfsprojekten vor Ort vorzufinden sein werden. Hierfür wurde seit Mitte 2020 in der Alten Schule eine gut sortierte Brillenwerkstatt eingerichtet worden. In den weiteren Räumen stehen ergänzend ein kleiner Schlafraum für weit anreisende Freiwillige, eine Küchenzeile, ein Duschbad und ein Büro zur Verfügung – diese jedoch deutlich komfortabler als sie bisweilen in den Einsatzländern zu erwarten sind.

Schließlich werden in den Einsatzländern ohne verlässlich fließenden Strom beziehungsweise Spannungsschwankungen, sowie klimatischen Extrembedingungen, Staub und teilweise unsicherer Lagerung in der Regel keine hochtechnisierten Geräte eingesetzt. So werden angehende Projekthelfer fit gemacht im Umgang mit aus heutiger Sicht altmodischen Geräten. Zwar kennen gerade jüngere Schulabgänger das Okular-Scheitelbrechwertmessgerät (SBM) vielleicht noch aus der Lehr- oder Meisterwerkstatt, routiniert damit arbeiten können aber wahrscheinlich die wenigsten. Und auch „alte Hasen“ nutzen heute vorrangig die modernen automatischen Scheitelbrechwertmesser. 

Neben einigen Altgeräten, welche sich im Einsatz als resistente, verlässliche Werkstatteinrichtung erwiesen haben, kann in der Schulungswerkstatt auch der Umgang mit eigens vom EDA entwickelten Gerätschaften erprobt werden. Zu nennen sind hierbei unter anderem die Victolux, eine Fixierlicht-Zentrierhilfe, sowieso die RapidGlasses (siehe auch DOZ 07|19). Bei letztgenannter Erfindung von Reinhard Müller, 1. Vorsitzender EDA, handelt es sich um eine autobatterie- oder solarpanelbetriebene Fräsmaschine, mit der in rund zehn Minuten selbst in den entlegensten Winkeln der Welt eine Brille hergestellt werden kann. Der größte Vorteil dieser kleinen, im Koffer transportablen Erfindung ist die Möglichkeit, der individuellen Brillenanfertigung. Sowohl die persönliche Refraktion inklusive Sphäre, Zylinder und Addition, als auch Brillenglastyp mit Tönung und Entspiegelung und natürlich die Wunschfassung können berücksichtigt werden. In neuen Projekten des EDA soll daher nicht mehr auf sperrige und fehleranfällige Schleifautomaten gesetzt werden, sondern auf die RapidGlasses in Verbindung mit dem Okular-SBM. 

Gudd-Zweck Brillenverwaltungsstelle Oberkirchen

Ein neuer, vollautomatischer Seitelbrechwertmesser ist in der Schulungswerkstatt dennoch zu finden: Hier beginnt der Arbeitsbereich der sogenannten „Gudd-Zweck Brillenverwertungsstelle Oberkirchen“ von Brillen-ohne-Grenzen. In diesem kleineren Ableger der WIAF-Brillenverwertungsstelle in St. Wendel werden gespendete Altbrillen gereinigt, sortiert und vermessen sowie neu kommissioniert. Initiiert hat die Aktion die Gudd-Zweck UG und kooperiert in dabei mit dem Rotary Club Tholey-Bostalsee und der WIAF gGmbH (St. Wendeler Initiative für Arbeit und Familie). Die Aufbereitung der Brillen ist ein aus öffentlichen Mitteln gefördertes Projekt und wurde in ein Beschäftigung- und Integrationsprojekt für Langzeitarbeitslose eingebettet. 

EDA Optiker Konrad Enzle testet Zentrierhilfe

EDA-Augenoptiker Konrad Enzel testet die Zentrierhilfe in der Schulungswerkstatt.

© EDA

Im Rahmen der Deutsch-Französischen Freundschaft geht ein großer Teil der Spendenbrillen an die Organisation L.S.F. (Lunettes sans Frontiere) in Hirsingue. Immerhin 50 Prozent der gesammelten Brillen können nach der Aufarbeitung noch zum Einsatz kommen, rund 60.000 Brillen pro Jahr in Projektländer verschickt werden. Aber auch die für die Weitergabe ungeeigneten Brillen werden nicht einfach entsorgt, sondern durch einen Partner fachgerecht recycelt. Dieses Recycling ist tatsächlich wörtlich zu nehmen, da wertvolle Materialien wie diverse Metalle und Acetat extrahiert und neu verwendet werden. 

Mit-Initiatorin von Brillen-ohne-Grenzen ist Michaela Roos. Die Inhaberin und Geschäftsführerin der ausführenden Gudd-Zweck UG sieht zum einen die Freude der „Brillenaufbereiter“ bei der Arbeit, hat zum anderen aber auch gemischte Gefühle, die sie ab und an bei der Brillensortierung ergreifen. Manchmal entferne sie noch schnell ein Preisschild an einer neuen, aber ausrangierten Brille, bevor diese final aufbereitet würde. Diese Wegwerfgesellschaft sei eigentlich nicht zu rechtfertigen, umso mehr freue sie sich, dass durch den Recyclingpartner aus den nicht mehr tragbaren Brillen wieder wertvolle Rohstoffe gewonnen werden können. 

Daher freuen sich Roos und ihre Mitstreiter über jede gespendete Brille, da auch solche mit Defekten auf die ein oder andere Weise einem guten Zweck dienlich sind. In der Restmülltonne des Kunden oder Augenoptikers würde die Geschichte jener Brillen anderenfalls direkt ein Ende finden. 

In Kartons in die ganze Welt

Von Deutschland oder Frankreich gehen die Sehhilfen an sogenannte Brillenausgabestellen in aller Welt. Dabei handelt es sich in der Regel schlicht um einen abschließbaren Raum in einer kirchlichen Einrichtung, einem Krankenhaus oder einer Sozialstation. Zuverlässige Menschen vor Ort stellen sicher, dass die dort gelagerten Brillen kostenlos an Hilfsbedürftige ausgegeben werden. Durch das Ausprobieren der vorhandenen Brillen im Fern- und Leseabstand erreichen mittellose und bisher womöglich hilflose Menschen eine deutlich verbesserte Sehschärfe. Im zweiten Schritt ermöglichst die neue Sehqualität dem Beschenkten die Chance Geld verdienen, um sich eine günstige, individuelle Brille anfertigen zu lassen. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt die Möglichkeit solche in seinem Umfeld zu erwerben. 

Die Brillenausgabestellen werden von Brillen-ohne-Grenzen Karton- oder Palettenweise mit den Spenden versorgt, sodass ein ausreichender Grundbestand an Brillen für die Erstversorgung der oft von weit entfernt anreisenden Hilfsbedürftigen vorhanden ist. Fehlende Stärken können bei Verfügbarkeit nachgeordert werden, auch Sonnenbrillen werden oft ausgegeben. 

Brillen-ohne-Grenzen beschreibt es auf der Homepage so: „Niemand käme ernsthaft im Falle einer Hungersnot in einem armen Land der Welt auf die Idee, die Menschen zunächst auf ein langjähriges Agrarstudium zu verweisen, damit sie sich anschließend im Sinne der ,Hilfe-zur-Selbsthilfe‘ selbst versorgen und ernähren können. Jedem vernünftigen Menschen ist klar, dass zunächst schnell und unkompliziert mit gespendeten Lebensmitteln geholfen werden muss, damit die so im ersten Schritt geretteten Menschen im zweiten Schritt eben die Selbsthilfe erlernen können. Umgekehrt funktioniert es nicht.“

Mittlerweile werden schwarze Zahlen geschrieben

Doch wie kam es zur Fusion mit dem Entwicklungsdienst deutscher Augenoptiker, der keine gebrauchten Brillen abgibt, sondern selbst Werkstätten in aller Welt errichtet?

Michael Roos, aktiv im Rotary Club Tholey-Bostalsee, kontaktierte 2018 EDA-Vorstand Reinhard Müller. Roos wollte in Manila ein eigenes Brillenprojekt initiieren. Nach gescheitertem Kooperationsgesuch mit der Ein-Dollar-Brille, die einen sehr hohen fünfstelligen Betrag als Startinvestment forderte, waren Müllers Worte „Wir machen das ehrenamtlich“ der Startschuss für die Partnerschaft. Roos konnte den niedrigen vierstelligen Betrag für die Grundausstattung einer Werkstatt aus Spenden recht schnell organisieren, Müller sein Know-how für den Aufbau des Geschäfts bereitstellen und geeignete ehrenamtliche Augenoptikermeister vermitteln. Inzwischen werden trotz Corona schwarze Zahlen geschrieben und eine vom EDA ausgebildete Augenoptikerin kümmert sich vor Ort um die Geschicke.

Der EDA verfolgt den Leitsatz: Gib einem Hungernden einen Fisch und er wird einen Tag lang satt, lehre ihn fischen und er wird nicht mehr hungern. Umgemünzt auf die Projekte von Brillen-ohne-Grenzen bedeutet das: Zuerst mit dem geschenkten Fisch das Verhungern verhindern - danach das Fischen lehren!

Angespornt vom Erfolg dieses ersten gemeinsamen Projekts war Roos Feuer und Flamme und richtete mit vielen Unterstützern die zu Beginn beschriebene Ausbildungswerkstatt für Entwicklungshilfe ein. Das „Großes immer im Kleinen“ entsteht, hat sich auch in dieser Partnerschaft gezeigt.

 

Claudia Büdel

 


 

Wollen auch Sie helfen?

Dann sammeln Sie Brillen für Brillen-ohne-Grenzen mit. Dabei müssen und sollen sich engagierte Augenoptiker keine Mühe mit der Aufbereitung der Brillen machen, da alle Brillen im Anschluss ohnehin nochmals vom Team von Brillen-ohne-Grenzen überprüft werden und separat eingepackte Brillen den Aufwand nur erhöhen würden. Auch kaputte Fassungen können eingeschickt werden, da diese oft als Ersatzteillager dienen. Weitere Infos gibt es unter brillen-ohne-Grenzen.de sowie eda-information.de