Rathenower Optische Werke: Vom Alleinhersteller zum Sanierungsfall

„Jedem eine Brille“ – das hieß nicht: „Jedem seine Brille“

Vor 30 Jahren geriet Rathenow, die „Wiege der Optik“, in eine Krise. Der Großbetrieb Rathenower Optische Werke (ROW) – zum Ende der DDR Arbeitgeber von fast 5.000 Menschen und Alleinhersteller von Brillengläsern und Fassungen – wurde aufgeteilt und an Investoren verkauft. Doch nach Jahren der Ungewissheit und hoher Arbeitslosigkeit brachte das Engagement eines Branchenriesen wieder neue Hoffnung in die Region. Wolf-Rüdiger Knoll vom Institut für Zeitgeschichte hat für diesen zweiteiligen Artikel spannende Fakten und Details zur ROW-Privatisierung recherchiert.
Frauen in Brillenfabrik

Arbeiterinnen in der Fassungsproduktion der Rathenower Optischen Werke, vermutlich in den 1970er Jahren.

© Zeiss Archiv

70 Kilometer westlich von Berlin im Havelland liegt Rathenow, die „Stadt der Optik“ wie sie von Stadt­marketing und Einheimischen gleichermaßen stolz genannt wird. 1801 hatte der dortige Pfarrer Johann Heinrich August Duncker vom Preußischen König Friedrich Wilhelm III. die Erlaubnis zum Betreiben einer „Königlich privilegierten Optischen Industrie-­Anstalt“ erhalten. Zuvor war es ihm erstmalig gelungen, eine Vielschleifmaschine zu bauen, die es ermöglichte, Brillengläser und Mikroskope in größeren Stückzahlen zu fertigen. Damit hatte Duncker den Ruf Rathenows als „Wiege der optischen Industrie“ in Deutschland begründet.
Nachdem sich der Betrieb unter Dunckers Erben weiterentwickelt hatte, entstand in Rathenow im 19. Jahrhundert eine eigenständige optische Industrie mit zahlreichen sogenannten „Waschküchenbetrieben“, also in Heimarbeit geführten Fertigungsstätten zur Produktion von Brillengläsern und den dazugehörigen Fassungen. Waren Ende des 19. Jahrhunderts bereits über 1.000 Beschäftigte in 163 Unternehmen der optischen Großindustrie tätig, so entstanden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusätzlich zu den Klein- und Kleinstbetrieben die beiden Großunternehmen Nitsche und Günther sowie die Emil Busch AG (in der Nachfolge Dunckers). Neben Brillen wurden in Rathenow unter anderem Mikroskope, Ferngläser und Fotoobjektive gefertigt.

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