„Krisenblocker Linse": Versorgung während der Corona-Pandemie

Veröffentlichungsdatum: 
22.07.2020
Autor:
Judith Kern
Rubrik
Kampagnenmotiv "Krisenblocker Linse"
Motiv der DOZ-Kampagne "Krisenblocker Linse"
© Schutterstock / Valentina Photos; urfn / Montage: DOZ

Die aktuelle Situation rund um die Corona-Pandemie stellt Augenoptiker, Optometristen und Kontaktlinsen-Spezialisten bei der Einhaltung hygienischer Auflagen von Bund und Ländern vor besondere Herausforderungen. Man darf sich fragen: Sind sichere Kontaktlinsenanpassungen und Nachkontrollen möglich und wie müssen diese durchgeführt werden? Und können Kontaktlinsen zur Zeit sicher getragen werden? Im Rahmen der DOZ-Kampagne "Krisenblocker Linse" reflektieren wir dieses und haben die Optometristinnen Antje Brenner und Stephanie Mühlberg, beide Vereinigung Deutscher Contaclinsen-Spezialisten und Optometristen (VDCO), um fachlichen Input gebeten.

Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es derzeit nicht; jeder Kontaktlinsen-Spezialist ist aufgrund unterschiedlicher Bedingungen wie Geschäftsgröße und Anzahl der Mitarbeiter gefordert, seinen individuellen Hygieneplan zu erarbeiten. Die Hygienemaßnahmen sollten erprobt und mit Bedacht ausgewählt sein, denn sie müssen sich in den Arbeitsablauf integrieren und bei einem erhöhten Kundenbetrieb umsetzen lassen. Ein steriles Arbeitsumfeld kann und muss dabei nicht geschaffen werden. Jüngste Forschungsergebnisse unterstützen den Anpasser dabei, die passenden Maßnahmen für sein Geschäft auszuwählen.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 kann zu einer Covid-19 Erkrankung führen. Das Virus wird hauptsächlich durch den Kontakt mit Atemtröpfchen – direkt oder indirekt – mit infizierten Sekreten durch vor allem Sprechen, Husten oder Niesen auf andere übertragen. Covid-19 erkrankte Menschen tragen das Virus unter anderem auch in ihrem Rachen. Erreicht die Virenlast einen bestimmten Wert, ist der Träger des Coronavirus ansteckend. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung steigt bei langanhaltendem engem Kontakt zu einer infizierten Person. Bisher durchgeführte Studien deuten darauf hin, dass Coronaviren auch über Aerosole übertragen werden können. Aerosole sind sogenannte Kleinst-Schwebeteilchen, die sich in der Luft

Optometrische Versorgung während der Corona-Pandemie
Sicherheitsvorkehrungen bei der Augenuntersuchung unter Corona-Beduíngungen. © VDCO

befinden. Eine endgültige Bewertung durch das Robert-Koch-Institut zur Übertragung durch Aerosole kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht erfolgen. [1] Die Aerosole wurden in der Raumluft von Patientenzimmern nachgewiesen, jedoch wurden sie nicht auf ihre Vermehrungsfähigkeit getestet. Die Forscher vermuten, dass die Virenlast in Räumen mit schlechter Belüftung erhöht ist und Aerosole auch über eine Klimaanlage verteilt werden könnten. Das Entscheidende, wie viele dieser Aerosole sich im Raum befinden müssen, bis diese eine ansteckende Wirkung haben, ist noch nicht geklärt.

Eine Übertragung durch das Berühren infizierter Gegenstände (sogenannte Schmierinfektion) ist ebenfalls nicht auszuschließen, jedoch ist die Wahrscheinlichkeit äußerst gering. Studien, die diese Thematik untersucht haben, wurden ausschließlich unter Laborbedingungen mit einer erhöhten Virenlast durchgeführt, wie sie bei einem Infizierten so nicht vorkommt. In diesen Untersuchungen war das Virus auch nach längerer Zeit auf verschiedenen Oberflächen aktiv und nachweisbar. [2] Theoretisch können Oberflächen durch Niesen, Husten, Sprechen sowie durch Berührung einer virusbelasteten Hand kontaminiert werden. Eine Übertragung durch kontaminierte Oberflächen in Alltagssituationen konnte bisher noch nicht nachgewiesen werden, ist jedoch nicht gänzlich auszuschließen. Ebenso ist eine Übertragung durch Schweiß nicht nachgewiesen.

Virusübertragung durch den Tränenfilm

In der aktuellsten Studie von Seah, Ivan Yu Jun et al. wurden 64 Tränenproben ausgewertet sowie Nasen-Rachen-Abstriche durchgeführt. [3] Es konnte in keiner Tränenprobe Sars-CoV-2 nachgewiesen werden, auch wenn die Proben des Nasen-Rachen-Abstrichs positiv waren. Es ist die bisher größte Tränenfilmstudie mit an Covid-19-Erkrankten. In dieser Studie wurde eine Übertragung des Coronavirus durch die Träne nicht bestätigt, aber aufgrund der geringen Fallzahl sollte dies nicht gänzlich ausgeschlossen werden. In anderen Studien konnte das Coronavirus in einigen sehr wenigen Fällen im Tränenfilm nachgewiesen werden, sofern eine Beteiligung des Auges in Form einer Bindehautentzündung vorlag. [4] Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung durch Kontakt zur Augenoberfläche eines Infizierten wurde als gering eingestuft. [5]

Die Bindehautentzündung ist die bisher einzige gemeldete Augenkomplikation bei Covid-19. Die Kausalität zwischen Bindehautentzündung und dem Coronavirus ist noch unklar. Bei Abstrichen der Bindehaut im Bindehautsack ist die Virenlast signifikant geringer als bei einem Abstrich der Nasenschleimhaut desselben Patienten. Dies weist darauf hin, dass auch bei einer okulären Beteiligung das Coronavirus über die Atemwege aufgenommen wurde. [6] Die Augenlider und Wimpern bilden eine natürliche Barriere und verringern eine Infektion des Auges mit Aerosolen. Das Tränenabfluss-System sowie das lokale Immunsystem können das Auge schützen. Vom Kontakt mit ungewaschenen Händen zum eigenen Auge wird grundsätzlich abgeraten.

Handlungsempfehlungen für den nahen Kundenkontakt

Augenoptiker, Optometristen und Kontaktlinsen-Spezialisten sollten stets wie gewohnt vorgehen und in jedem Fall bei einer Binde- und Hornhautentzündung des Kunden von einer viralen oder bakteriellen Ursache ausgehen. Diese sind, wie im Fall einer Konjunktivitis epidemica (KCE), hochansteckend und zur weiterführenden Behandlung immer an den Ophthalmologen zu überweisen. Um die Gefahr der Übertragung des Coronavirus vom Patienten auf den Untersuchenden und umgekehrt zu verringern, ist es nachweislich am effizientesten, einen Abstand von circa 1,50 Meter einzuhalten, einen Mund-Nasenschutz zu tragen sowie eine intensive Handyhygiene umzusetzen. Bei der direkten Untersuchung der Augen und bei der Kontaktlinsenversorgung bedarf es erhöhter Vorsicht. Dazu sollten mindestens die nachstehenden Hinweise berücksichtigt werden:

  • Bei Betreten des Geschäfts sollten die Patienten gebeten werden, ihren Mund-Nasenschutz aufzusetzen und sich ihre Hände mit bereitgestelltem Desinfektionsmaterial zu reinigen. 
  • Nutzen Sie Anamnesebögen, die vom Kunden selbst ausgefüllt werden können.
  • Halten Sie während der Beratung Abstand und führen sie Untersuchungen möglichst in einem offenen, großen Raum durch.
  • Lüften Sie regelmäßig und gründlich den Untersuchungsraum auch während der Untersuchung. Damit reduzieren sich die eventuell vorhandenen, virusbelasteten Aerosole in der Raumluft.
  • Der Aufenthalt des Patienten im Untersuchungsraum sollte nicht länger als nötig andauern.
  • Vor und nach jeder Untersuchung muss sich der Untersuchende die Hände waschen, sollte er keine Handschuhe tragen; bei Hautkontakt mit dem Patienten auch währenddessen, um die Geräte nicht zu kontaminieren.
  • Die Kommunikation mit dem Patienten sollte auf das Nötigste beschränkt werden. Weisen Sie den Patienten darauf hin, während der Untersuchung nicht zu sprechen, wenn Sie sich sehr nahe kommen (zum Beispiel an der Spaltlampe). Bei Unannehmlichkeiten könnte der Kunde die Hand heben.
  • Eine Berührung des Patienten sollte möglichst vermieden werden, indem Hilfsmittel verwendet werden, zum Beispiel zur Lidmanipulation ein Wattestäbchen. Ermuntern Sie den Kunden, aktiv mitzuarbeiten, zum Beispiel um das Lid hochzuziehen.
  • Untersuchter und Untersuchender sollten während der gesamten Untersuchung einen Mund-Nasenschutz tragen. Sofern vorhanden sollten Untersuchende aufgrund der Nähe zum Kunden im Untersuchungsraum mindestens eine FFP2-Maske (ohne Filter, da sonst nur der Träger geschützt ist) oder eine N95-Maske tragen.
  • Bringen Sie an der Spaltlampe und anderen Geräten einen zusätzlichen Schutz an, zum Beispiel  eine transparente Trennwand. Alternativ können die Untersuchenden ein Gesichtsschutzschild oder eine Schutzbrille verwenden.
  • Fluorescein-Streifen, Kochsalzlösung sowie andere Kontaktlinsenpflegemittel müssen verschlossen in einem geschlossenen Schrank aufbewahrt werden. Die Flaschen dürfen nicht offen an der Luft stehen, es besteht Kontaminationsgefahr.

Kein erhöhtes Infektrisiko durch Kontaktlinsen

Es gibt bisher keinen Hinweis darauf, dass Kontaktlinsen von gesunden Menschen gemieden werden sollten. Das Tragen von Kontaktlinsen erhöht im Vergleich zur Brille nicht das Risiko, einen Infekt mit dem Coronavirus zu entwickeln. Grundsätzlich kann dem Kontaktlinsenträger vermittelt werden, dass das Tragen von Linsen auch während der Corona-Pandemie sicher ist, sofern alle Hygieneregeln des normalen Kontaktlinsentragens fortlaufend berücksichtigt werden. [7]

Die Kontaktlinsen-Hygiene sollte um eine zusätzliche Handhygiene nach dem Auf- und Absetzen der Kontaktlinsen ergänzt werden, um die Mitmenschen zu schützen. Ebenso ist eine korrekte und gründliche Kontaktlinsenreinigung und vollständige Desinfektion von wiederverwendbaren Kontaktlinsen unbedingt notwendig. In Übereinstimmung mit den Richtlinien für andere Arten von Erkrankungen sollte das Tragen von Kontaktlinsen im Krankheitsfall eingestellt werden. [8,9] Die Anpassung von Kontaktlinsen ist und bleibt in einigen Fällen Ermessensache; vor allem wenn unklar ist, ob die vorgeschriebenen hygienischen Empfehlungen vom Kunden eingehalten werden (können).


Literatur:

[1] RKI: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html#doc13776792bodyText1 Zugriff am 02.06.2020
[2] Liu Y, Li T, Deng Y, Liu S, Zhang D, Li H, et al. Stability of SARSCoV-2 on environmental surfaces and in human excreta. medRxiv. 2020. doi: https://doi.org/10.1101/2020.05.07.20094805
[3] Seah, Ivan Yu Jun et al. Assessing Viral Shedding and Infectivity of Tears in Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Patients. Ophthalmology, in Press. DOI: https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2020.03.026 
[4] Colavita F, Lapa D, Carletti F, et al. SARS-CoV-2 Isolation From Ocular Secretions of a Patient With COVID-19 in Italy With Prolonged Viral RNA Detection. Ann Intern Med. 2020; [Epub ahead of print 17 April 2020]. DOI: https://doi.org/10.7326/M20-1176
[5] Zhan X, Chen X, Chen L, Deng C., et al. The Evidence of SARSCoV-2 Infection on Ocular Surface. Ocul Surf. 2020; 18(3):360-362. DOI: 10.1016/j.jtos.2020.03.010.
[6] Deng C,  Yang Y, Chen H, Chen W, et al. Low risk of SARS-CoV-2 transmission through the ocular surface. Acta Ophthalmologica, 21.05.2020, DOI: https://doi.org/10.1111/aos.14471
[7] Wu YTY, Wilcox M, Zhu H, Stapleton F. Contact lens hygiene compliance and lens case contamination: A review, Contact Lens and Anterior Eye, Volume 38, Issue 5, 307 – 316. DOI: https://doi.org/ 10.1016/j.clae.2015.04.007
[8] Top Contact Lens Experts Dispel Misinformation Regarding Coronavirus / COVID-19 Protections for Contact Lens Wearers https://core. uwaterloo.ca/news/top-contact-lens-experts-dispel-misinformation-regarding-coronaviruscovid-19-protections-for-contact-lens-wearers/
[9] CORE Advises Contact Lens Wearers on Safe Use Amidst COVID-19 Concerns, Reinforces Proper Hand Hygiene https://core. uwaterloo.ca/news/core-advises-contact-lens-wearers-on-safe-useamidst-covid-19-concernsreinforces-proper-hand-hygiene/


Antje Brenner
Antje Brenner
Stephanie Mühlberg
Stephanie Mühlberg

Antje Brenner und Stephanie Mühlberg (beide M.Sc. Augenoptik/Optometrie) leiten gemeinsam die VDCO-Geschäftsstelle in Berlin und haben beide ihr Masterstudium Augenoptik/Optometrie 2017 an der Beuth Hochschule für Technik absolviert.