Dual ist normal: Studium Augenoptik/Optometrie an der Hochschule München

Veröffentlichungsdatum: 
05.02.2020
Autor:
Daniela Zumpf
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Studenten der Augenoptik und Optometrie in München
„Dual“ oder „normal“ – das ist im studentischen Alltag der Hochschule für angewandte Wissenschaften München nicht zu erkennen. Es gibt halt nur unterschiedliche Wege zum Bachelor of Science Augenoptik/Optometrie.
© Hochschule für angewandte Wissenschaften München

Die Absolventen des Verbundstudiums Augenoptik/Optometrie an der Hochschule München kommen praxisnah und besonders schnell an ihr Ziel, den Bachelor of Science. Und auch wenn es viele gute Wege gibt, in der Augenoptik zu höheren Weihen zu gelangen: Das Verbundstudium in München ist mindestens für die Bayern, aber auch für andere Berufsanfänger in anderen Bundesländern zumindest einer, den man kennen und über den man nachdenken sollte.

Tamara hatte ein bisschen im Internet recherchiert, nachdem für sie klar war, dass sie gerne Augenoptikerin werden will. Ähnlich wie Moritz, der zwar zunächst ein Maschinenbaustudium ins Auge gefasst hatte, dann aber auch zufällig das Verbundstudium an der Hochschule München entdeckte und umdachte. Claudia wiederum kannte diese Möglichkeit nicht, den Bachelor of Science Augenoptik/Optometrie inklusive einer Ausbildung zum Augenoptikergesellen zu machen. Und auch Joachim musste sich zunächst darüber informieren, ehe er seinem Sohn Moritz die Zusage erteilte, dass er dieses duale Studium als Auszubildender im elterlichen Betrieb beginnen könne. Natürlich hat auch Claudia, die vollständig Claudia Schicker heißt, als Inhaberin von Augapfel Optik & Optometrie Tamara als Auszubildende unter Vertrag genommen, denn sonst hätten beide hier keine Erwähnung finden müssen oder können. Die Idee des Verbundstudiums kommt bei Betriebsinhabern und angehenden Studenten eigentlich gut an, das hat die Recherche zu diesem Beitrag ergeben: Sie müssen nur wissen, dass es diese Möglichkeit gibt.

Tamara und Moritz erzählen hier stellvertretend für alle Verbundstudenten ihre Geschichte. Tamara Häringer ist im dritten und Moritz Lippok im fünften Semester und beide beantworten die Frage, ob sie sich für den richtigen Weg der Ausbildung entschieden haben mit: Ja. Gewiss, einen Vergleich haben sie nicht, auch wenn sie an der Hochschule gemeinsam mit „normalen“ Studenten in den Vorlesungen und Praktika sitzen und mitunter mit ihnen über die Unterschiede der Ausbildungswege diskutieren. Die Unterscheidung in „normale“ und „duale“ Studenten hört Prof. Dr. Werner Eisenbarth als Studienfachberater nicht gerne, weil sie auch einfach falsch ist. Aufgrund der Unkenntnis über diesen Studienweg mag die Einteilung vielleicht verständlich sein, aber das Verbundstudium ist einzig und allein einer von drei Wegen, sich an der Hochschule für den Studiengang zum Bachelor Augenoptik/Optometrie einzuschreiben. Letztlich ist es nicht nur der kürzeste Weg zum Bachelor, sondern auch der, der keine vorherige Berufsausbildung und keinen Gesellenbrief als Zugangsvoraussetzungen erfordert. Nun, auch hier wird Eisenbarth die Stirn runzeln, schließlich liegt auf dem Weg zum Bachelor eben jene Gesellenprüfung, die aber erst im Laufe des Studiums abgelegt werden muss und keine Zugangsvoraussetzung zum Studium ist – wie es sonst in München üblich ist.

Start ins zweite Berufsschuljahr

Moritz Lippok
Für Moritz Lippok ist die Situation natürlich
eine Besondere, im elterlichen Betrieb in
Annweiler die Ausbildung und das duale
Studium zu absolvieren.

Tamara und Moritz sind wie alle anderen dualen Absolventen mit 13 Monaten Ausbildungszeit im Betrieb in die auf viereinhalb Jahre ausgelegte Ausbildung gegangen. Das Besondere daran ist, dass sie an ihrem ersten Berufsschultag (ebenfalls in München) gleich in eine Klasse kamen, die das zweite Lehrjahr begonnen hatte. Zwei Berufsschuljahre passen nicht in 13 Monate, also müssen die Absolventen im Selbststudium den Stoff des ersten Jahres lernen, unterstützt von dem zeitlich begrenzten, aber wohl nötigen Zusatzunterricht an der Berufsschule. „Am Anfang hatte ich keine Ahnung, war auch mit den ganzen Abkürzungen und Formeln überfordert. Aber durch den Extra-Unterricht und die Unterstützung der Mitschüler bin ich schnell reingekommen“, sagt Tamara Häringer. Dass die 21-Jährige aufgeschlossen und laut ihrer Chefin zuverlässig und diszipliniert ist, dürfte für den guten Start eine Rolle gespielt haben. Bei Moritz liegt die Zeit in der Berufsschule schon länger zurück. Und die ersten Monate im Betrieb sind insofern für die Allgemeinheit eher irrelevant, weil Brillen Lippok in Annweiler ein echter Familienbetrieb ist. Ute Lippok und ihr Mann Joachim Kirsch-Lippok führen das Geschäft. Joachim ist Ausbilder und Vater von Moritz, der noch zwei Kolleginnen benennt: seine Oma und seine Tante. „Meine Ausbildungszeit zum Start war sehr informativ, ich hatte gleich einen detaillierten Einblick“, erinnert sich der 24-Jährige entsprechend.

Tamara ist zum Start noch gependelt, jeden Tag über 100 Kilometer von Dingolfing nach München und wieder zurück. Vor dem ersten Studientag des regulären siebensemestrigen Studiums an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München aber hat sie ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft bezogen. In München ist sie Studentin, durch und durch. Eine, die ihren festen Arbeitsplatz für die Semesterferien zuhause hat, wenngleich der nicht das Zeug dazu hat, das Studium und das Leben drumherum finanzieren zu können. Die Ausbildungsvergütung wird schließlich nur für die Monate gezahlt, die sie auch im Betrieb verbringt – und das sind mit Ausnahme der erwähnten ersten 13 Monate nur die Semesterferien. Die Hochschule empfiehlt zwar eine für die Studenten bessere Regelung, doch die Aufteilung auf die tatsächlich gearbeiteten Monate dürfte auch zukünftig der Normalfall sein. „Ohne die Unterstützung meiner Eltern ginge das in dieser Form für mich natürlich nicht. Dass ich aber in den Semesterferien arbeite, ist ganz normal, das müssen doch andere Studenten auch“, meint die angehende Augenoptikerin.

Aushelfen, wenn Not am Mann ist

Tamara Häringer
Tamara Häringer ist im Internet auf
das Verbundstudium in München
gestoßen und war von der Idee
gleich begeistert. In Claudia
Schickers Betrieb Augapfel
hat sie eine passende
Ausbildungsstätte gefunden.

Wie Moritz hilft sie zudem aus, wenn Not am Mann ist, wenn krankheitsbedingt das Personal im Betrieb knapp wird. Einen Tag in der Woche haben die Studenten in München in der Regel frei, im vergangenen Semester war das bei Moritz der Freitag, was lange Wochenenden daheim, aber auch die Mitarbeit im elterlichen Betrieb mit sich brachte. Langfristig möchte Moritz den Betrieb übernehmen, das freut den Vater, der die Entscheidung seines Sohnes auch heute noch begrüßt. „Die Ausbildung ist gut, auch wenn Moritz den Gesellenbrief nicht unbedingt gebraucht hätte“, sagt Joachim, dessen Auszubildender in der Filiale bereits nach einem einzigen Gesellenjahr mit der Meisterschule fertig sein könnte und damit ein halbes Jahr schneller „fertig“ wäre als der Sohn. Der Unterschied liegt aber natürlich auch in der Ausbildung, denn als Handwerksmeister kommt als Karriereplanung wohl in erster Linie die Arbeit im – eigenen? – Augenoptikbetrieb in Betracht. Das möchte Moritz zwar auch, aber Tamara zum Beispiel kann sich das gar nicht vorstellen. Ihr macht die Arbeit riesigen Spaß, aber ein eigener Laden? Nein, das ist nicht ihr Ding.

Als Bachelor stehen einem ohnehin auch andere Türen offen. Zukunftsmusik für Tamara und Moritz. Beide erinnern sich noch gut ans Grundstudium und daran, dass ihr Wissen nach zwei Semestern zwar eine Basis für alles Folgende darstellte, die Arbeit im Betrieb aber nicht veränderte. Moritz war regelrecht frustriert, wie wenig Fortschritte er in den Semesterferien mit nach Hause ins Geschäft brachte. Auch dieser Vergleich fehlt in einem „normalen“ Studium, obwohl Moritz weiß, dass die Vermittlung von Basiswissen vermutlich in jedem Studiengang die Anfänge bestimmt. Das Ganze ändert sich spätestens mit und nach dem dritten Semester. Zu diesem Zeitpunkt werden die Verbundstudenten auch für die Betriebe zunehmend interessanter, weil sie nun schon über Kenntnisse und Wissen verfügen, das bei einem Azubi natürlich nicht vorhanden sein kann. „Sie machte von Beginn an schnellere Fortschritte als andere, ist schon sehr fit und eine sehr gute Arbeitskraft“, sagt Claudia Schicker über Tamara. Schicker bildet regelmäßig aus und kann in ihrem Geschäft mit zwölf Mitarbeitern auch gut mit den Besonderheiten des Studiums umgehen. Denn natürlich muss Tamara zum Beispiel auch während der Semesterferien Urlaub machen, was bei ihr manchmal zu einem richtig schlechten Gewissen führen kann. „Im letzten Winter war ich nur rund vier Wochen im Betrieb, davon eine Woche auch noch krank. Da überlegt man sich schon genau, ob man nach freien Tagen fragen möchte“, sagt die Hobbytänzerin. Claudia Schicker sieht das pragmatisch, schließlich sei Tamara auch in der Sommerzeit da gewesen, als alle anderen Mitarbeiter Urlaub machen wollten.

Unterstützung des Betriebs

Die Absolventen des dualen Studiengangs brauchen die Unterstützung ihres Betriebs, soviel ist sicher. Auf der anderen Seite geben sie dafür auch einiges zurück. Natürlich geht Moritz für das anstehende Praxissemester in den elterlichen Betrieb. Das ist kein Muss, und gewiss ist es für einen angehenden Bachelor kein Nachteil, auch mal etwas anderes zu sehen. Doch: Logisch ist es allemal, dass in dieser Konstellation das Praxissemester im Ausbildungsbetrieb gemacht wird – auch wenn der nicht den Eltern gehört. Vater Joachim hätte vermutlich kein großes Problem damit, wenn Moritz lieber in eine Klinik gehen würde. „Wir müssen in der Augenoptik moderner denken, müssen dem Nachwuchs etwas ermöglichen, ja selbst dann, wenn sie anschließend in die Industrie gehen“, meint einer, der sich als „leidenschaftlicher Augenoptiker“ bezeichnet. Joachim Kirsch-Lippok wünscht sich mehr Werbung und Bekanntheit für den dualen Studiengang und mehr Inhaber von traditionellen Betrieben, die eine solche Ausbildung unterstützen. „Ich würde jedem raten, dieses Studium so zu machen, auch wenn es im Prinzip nicht neu ist.“ Schließlich habe er an der Höheren Fachschule für Augenoptik in Köln auch im Studium und im Betrieb gelernt.

Prof. Werner Eisenbarth auf der Opti 2020
Dienst auf der Opti: Professor Werner Eisenbarth (re.) gab am Messestand seiner Hochschule natürlich auch Auskunft zum dualen Studium.
© DOZ / Julia Malcher

Die Nähe zur augenoptischen Praxis ist eine weitere dieser Besonderheiten, der enge Kontakt zu den Dozenten und Professoren für Moritz ein anderer. „Die Studiengänge in München sind relativ klein, die Instrumente und Maschinen modern und in ausreichender Zahl vorhanden. Ich habe keine Ahnung, wie das anderswo aussieht, aber die Ausbildung hier ist wirklich sehr gut.“ Zudem böte das Leben in München – auch wenn es teuer sei – einiges mehr als das auf dem Land. „Ich genieße das, und du findest immer die Zeit, etwas in der Stadt zu unternehmen.“ Wie Tamara lebt Moritz in einer WG, er aber wird sich bald umstellen müssen, denn nach dem Praxissemester im rund vier Autostunden von München entfernten Zuhause steht das siebte und letzte Semester samt Bachelorarbeit an. Tamara ist soweit noch nicht, aber auch sie fühlt sich ihn ihrem Entschluss bereits bestätigt und würde diesen Weg wieder gehen. „Der Praxisbezug ist einfach klasse“, daneben schätze sie vor allem auch die Zeitersparnis gegenüber anderen Ausbildungswegen.

Augenoptik Studium München Übersicht der Studiengänge
Der Bachelorstudiengang Augenoptik/Optometrie kann an der Hochschule
München mit unterschiedlichen Vorbildungen studiert werden.

Ob die Zufriedenheit mit dem Studium oder das vertraglich unterschriebene „Korsett“ mit dem Ausbildungsbetrieb zu der geringen Abbruchquote beiträgt, lässt sich nicht wirklich prüfen. Wahrscheinlich aber ist, dass es mehr duale Studenten geben würde, wenn der Studiengang bekannter wäre. Für Professor Eisenbarth stehen hier auch die Betriebe und deren Inhaber in der Pflicht. Ähnlich wie Kirsch-Lippok ist er der Meinung, dass man dem Nachwuchs mehr bieten könne als nur eine Lehre. „Außerdem ziehen wir durch diesen Studiengang auch eine andere Klientel für den Beruf Augenoptiker an, die Betriebe können dadurch leichter Abiturienten gewinnen.“ In Hinsicht auf den Fachkräftemangel und auch in Betrachtung der 25 Prozent Azubis, die schon während der Ausbildung den Kopf in den Sand stecken, scheint ein dualer Studiengang zum Bachelor of Science nicht die schlechteste Idee zu sein.

Es gibt viele gute Wege, in der Augenoptik zu höheren Weihen zu gelangen. Das Verbundstudium Augenoptik/Optometrie in München ist mindestens für die Bayern, aber auch für andere Berufsanfänger in anderen Bundesländern zumindest einer, den man kennen und über den man nachdenken sollte.

Autor: Ingo Rütten


Dieses Thema stammt aus der aktuellen DOZ-Ausgabe 02|2020 - erhältlich als Print- oder digitale Ausgabe im Abonnement.