Deutschland & Corona: Wie managen Unternehmen die Krise? - Teil 2

Veröffentlichungsdatum: 
23.04.2020
Autor:
Daniela Zumpf
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Martin Lehmann
Wie agiert Martin Lehmann mit seinem Unternehmen in der Krise?
© DOZ / Angela Mrositzki

Noch dauert die Corona-Pandemie weltweit an. Die Krise ist tiefgreifend und ihre Auswirkungen werden vermutlich auf absehbare Zeit spürbar bleiben. Wie viele Firmen die Corona-Krise überstehen werden, und wie viele nicht, bleibt ungewiss. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bei 15.000 Unternehmen aus allen Regionen und Branchen ergab, dass mehr als 80 Prozent der Firmen in diesem Jahr einen Umsatzrückgang erwarten. Und fast jedes fünfte Unternehmen befürchtet eine Insolvenz. Die Hoffung aber auf eine Boomphase im Sommer und Herbst bleibt. Ist diese Hoffnung auch ein Treiber für die Augenoptik? Die DOZ fragte Martin Lehmann vom Brillenhersteller Martin + Martin aus Köln nach seinen Perspektiven.

DOZ: Martin Lehmann, zunächst, wie haben Sie die ersten Nachrichten um die Covid-19 Epidemie aufgenommen?

Martin Lehmann: Die Corona-Krise und der ‚Lockdown‘ haben uns unmittelbar nach unserem Start mit der frisch übernommenen MW Brillenwerk Manufaktur in Hutthurm bei Passau getroffen. Wir hatten zwar die Nachrichten verfolgt, aber niemals mit diesem dramatischen Ausmaß gerechnet. Das Manufakturteam hatte sich sehr über die Übernahme gefreut, die ihre Zukunft absichert. Und wir haben uns gefreut, mit einer der wenigen in Deutschland verbliebenen Brillenmanufakturen fortan unabhängig eigene Wege gehen zu können. Als dann aber täglich immer dramatischere Nachrichten um die Krisenentwicklung und den ‚Lockdown’ kamen, haben wir nur gedacht, ‚na toll’!  

Wann haben Sie welche Maßnahmen in Ihrem Unternehmen eingeleitet, insbesondere im Hinblick auf den Schutz der Mitarbeiter?

Wir arbeiten in Schichten mit sieben Mitarbeitern auf 400 qm Produktionsfläche, da kann man den Kontakt sehr entzerren. Zudem haben wir alle zusätzlichen hygienischen Maßnahmen hochgefahren. Offensichtlich schärft diese Krise auch das Bewusstsein für die Gesundheit, denn die Mitarbeiter bringen haufenweise Obst für alle mit, damit der Vitiamin C-Haushalt stimmt!

Gab es in Ihrem Team eine einhellige Einschätzung der Situation, oder unterschiedliche Ansichten?

Interessanterweise wurde die Situation in unserem Werk im sehr ländlichen bayrischen Wald sehr viel entspannter eingeschätzt als hier in der Kölner Großstadt, wo das Büro von Martin + Martin sitzt – aber das hat sich mittlerweile auch angeglichen.

Martin Lehmann
Beim "Design walk & talk" in der DOZ 01|2020 spazierten Martin Lehmann
und Redakteurin Angela Mrositzki durch Köln und sprachen
über die Marke Martin & Martin, seine Inspirationen und Ziele.
© DOZ / Angela Mrositzki.

Werden Ihrer Einschätzung nach die bisherigen Empfehlungen, teils auch Anordnungen der Regierung befolgt?

Ich glaube, dass das Verhältnis von Infektions- zu Todesraten in Deutschland ausschlaggebend dafür ist, dass der Regierung ein hohes Maß an Vertrauen entgegengebracht wird. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen gehört ja auch das Angebot an Soforthilfen, Kurzarbeit und Kreditprogrammen. Gepaart mit einem sehr gut ausgebauten Gesundheitssystem hat dies bei mir zu einer neuen Wertschätzung für unser Land beigetragen. Ich möchte derzeit kaum an einem anderen Ort der Welt leben.

Wurde die Herstellung von Brillen in Ihrer Manufaktur vorübergehend eingestellt oder reduziert, oder kann weiterhin geliefert werden? Gehen derzeit überhaupt Aufträge ein, oder hält sich die Industrie zurück?

Für uns war es die größte Überraschung, dass unsere Manufakturkunden, also kleinere bis mittelgrosse Brillenlabels, durchweg weiter produzieren wollten. Teils aus Solidarität, mehr aber noch, um nach dem ‚Lockdown‘ sofort lieferfähig zu sein. Kunden, mit denen ich gesprochen habe, erwarten einen Wertewandel weg von globalisierten hin zu regionalen und damit nachhaltig produzierten Produkten.

Wie reagieren Ihre augenoptischen Partnergeschäfte? Wurden Aufträge storniert oder zurückgestellt?

Wir sind in engem Kontakt mit unseren Kunden, viele Augenoptiker konnten schon auf Grund der geänderten Notbetrieb-Öffnungszeiten kaum beliefert werden. Wir haben uns aber gefreut, dass zumindest der Minimalbetrieb auf Grund der Systemrelevanz aufrecht erhalten wurde, da hat es andere Branchen viel härter getroffen.
 
Welche strategischen und organisatorischen Maßnahmen können Sie sich für die kommende Zeit vorstellen, sollte die Krise andauern?

Wir vertrauen auf ein verändertes Wertebewusstsein der Kunden zugunsten von regionalen Produkten und werden dies auch kommunizieren. Wir haben es selbst in der Hand, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Jede Krise birgt auch Chancen, wir versuchen sie zu nutzten in dem wir jedem Augenoptiker ein Privat Label ‚made in Germany‘ anbieten, welches er mit uns gemeinsam nach eigenen Vorstellungen entwickeln kann. Die bisherige Resonanz war extrem positiv.

Die Fragen stellte Angela Mrositzki


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