Nachhaltige Idee: Die App, die uns den Spiegel vorhält

Veröffentlichungsdatum: 
29.06.2020
Autor:
David Friederichs
Rubrik
Professor Jacob Hörisch
Professor Jacob Hörisch gewann mit einer von ihm entwickelten App den Ideenwettbewerb 2019.
© Privat

Nachhaltigkeitsökonom Professor Jacob Hörisch ist mit seinem Projekt „Green Fashion Challenge App“ einer der Gewinner des Ideenwettbewerbs 2019 „Modekultur, Textilien & Nachhaltigkeit“ des Rats für nachhaltige Entwicklung. Mit Lena Hampe entwickelt er derzeit an der Leuphana-Universität Lüneburg die App, die uns helfen soll, unseren Modekonsum bewusster zu gestalten. Ob die App Konsumenten demnächst auch dabei unterstützt, eine modische und zugleich nachhaltige Brille zu kaufen, verrät Hörisch im Interview.   


DOZ: Professor Hörisch, Ihre neue Green Fashion Challenge-App soll Nutzer im Alltag dabei unterstützen, ihr Verhalten in Einklang mit den eigenen Einstellungen zu nachhaltigem Modekonsum zu bringen. Wie funktioniert das?

Jacob Hörisch: Als Nutzer der App setze ich mir als erstes eigene Ziele bezüglich nachhaltigem Modekonsum. Wir geben dabei bewusst keine Ziele vor, sondern überlassen es den Nutzerinnen und Nutzern, sich selbst darüber klar zu werden, welche Nachhaltigkeitsaspekte ihnen bei Mode wichtig sind. Danach trage ich regelmäßig ein, welche Modeartikel ich konsumiert habe und erhalte am Monatsende Auszeichnungen und Punkte für die erreichten Ziele. Außerdem kann ich in einer Rangliste sehen, wie meine Freunde im Vergleich abgeschnitten haben.

Geben Sie doch bitte ein ganz konkretes Beispiel.

Nachdem ich die App unter green-fashion.app (ab Oktober; Anm. d. Red) heruntergeladen habe, kann ich zum Beispiel eingeben, dass ich im Schnitt höchstens zwei Modeartikel pro Monate konsumieren möchte und bei mindestens 50 Prozent dieser Artikel darauf achten möchte, dass sie unter sozialen Bedingungen hergestellt wurden, also zum Beispiel unter Ausschluss von Kinder- oder Zwangsarbeit. Darüber hinaus könnte ich mir weitere Ziele setzen oder manche Aspekte bewusst auslassen, zum Beispiel bezüglich umweltverträglichem Konsum, Klimaschutz oder Tierwohl. Wenn ich ein selbstgestecktes Ziel verfehle, erhalte ich am Monatsende Hinweise, wie ich es im nächsten Monat schaffen kann dieses Ziel zu erreichen. Die App stellt beispielsweise verlässliche Umwelt- und Sozialsiegel vor oder verweist auf nachhaltige Shopping-Angebote.

Jeder nutzt Apps, sie gehören als Freund und Helfer zu unserem Alltag. Um das Konsumverhalten zu ändern, setzen Sie also auf Hilfestellung quasi „von der Seite“ anstelle auf (staatliche) Regulierung von oben?

Ein ganz klares „Jein“, denn beides ist wichtig. Zum einen basiert unsere App neben der Hilfestellung von der Seite auch auf staatlich organisierten Siegeln, wie dem grünen Knopf. Zum anderen hilft die Green-Fashion-Challenge App allen Nutzerinnen und Nutzern ihr eigenes Konsumverhalten nachhaltiger oder weniger unnachhaltig werden zu lassen. Das kann enorm hilfreich sein um unerwünschte Phänomene deutlich zurückzudrängen. Um solche Phänomene komplett zu beseitigen ist aber oftmals staatliche Regulierung notwendig. Ein schönes Beispiel hierfür ist das EU-weite Verbot von sogenanntem „Lebendrupf“ in der Daunenherstellung. So lange es aber Probleme wie Zwangsarbeit in Lieferketten der Modeindustrie gibt und diese Probleme nicht staatlich reguliert sind oder sein können, hilft unsere App Konsumierenden, solche Praktiken zumindest nicht selbst zu unterstützen.

Es hört sich so an, als ob da eine ordentliche Portion Psychologie mit drin steckt.

Auf jeden Fall. Eigentlich hält uns die Green-Fashion-Challenge App nur den Spiegel vor, damit wir uns bewusst werden wie wir konsumieren möchten und wie wir tatsächlich konsumieren. Wir wissen aber aus der Psychologie, dass diese Form von Feedback sehr viel bewirken kann.

Vermutlich haben Sie bei der Namensgebung Ihrer App bewusst „Fashion“ statt „Clothing“ gewählt, um irgendwann weitere Modeartikel integrieren zu können – wie zum Beispiel die Brille? Welche Schritte wären dafür von Seiten unserer Branche nötig?

Für viele Modeartikel, wie zum Beispiel Bekleidung, gibt es bereits etablierte Siegel. Für Brillen sieht das im Moment noch anders aus. Die Branche müsste also entweder verlässliche Siegel entwickeln oder bestehende Siegel etablieren. Ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit wäre es zudem, das Angebot an nachhaltigen Brillen zu stärken – auch durch etablierte Hersteller.

Das Interview führte Tom Theilig

Lesen Sie dazu auch den Artikel "Der beschwerliche Weg vom Faultier zur Freitagsdemo: Wie grün sind wir wirklich?" inder aktuellen Ausgabe der DOZ 07|2020.


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