Brillenglasbetrug in Luxemburg: „Es war meine Pflicht zu handeln“

Veröffentlichungsdatum: 
11.12.2019
Autor:
David Friederichs
Rubrik
Justitia
Pierrette Schanen brachte den Glasbetrug in Luxemburg ans Tageslicht.
© Adobe Stock / Studio East

Als wir die Geschichte um den Brillenglasbetrug in Luxemburg in unserer Juli-Ausgabe aufgegriffen haben, sollte diese nur als Anstoß zu einer Geschichte rund um das Thema „Glasbetrug“ dienen. Doch nach Veröffentlichung meldete sich die Augenoptikerin bei uns, die die Machenschaften ans Tageslicht und zur Anzeige gebracht hatte. Pierrette Schanen wollte die ganze Geschichte erzählen – und wir haben zugehört.

Wasserbillig ist ein beschauliches Örtchen. Gerade einmal 3.000 Einwohner zählt die luxemburgische Ortschaft im Grenzgebiet zu Deutschland. Hier kennt (fast) jeder jeden. Auch Pierrette Schanen weiß das. Die Augenoptikerin führt auf der Grand Rue ihr Fachgeschäft Schanen Optique. „Bis hierher aber war es ein steiniger Weg“, sagt sie. Schließlich war sie es, die den Brillenglasbetrug dreier deutscher Augenoptiker ans Tageslicht brachte (die DOZ berichtete in Ausgabe 07/19), dabei selber viel Geld verlor, heute aber mit reinem Gewissen sagt: „Ich kann beruhigt in den Spiegel schauen.“

Schanen hatte sich in der Redaktion der DOZ gemeldet, nachdem wir den Fall aufgenommen hatten und der Frage nachgegangen waren, ob ein Verkauf von Billiggläsern als angebliche Markengläser auch in Deutschland möglich wäre. Schanen wollte ihre Geschichte dazu erzählen, deutlich machen, dass es keinesfalls luxemburgische Augenoptiker waren, sondern deutsche, die mit ihrer Muttergesellschaft zwar in Luxemburg beheimatet waren, aber auch Geschäfte auf deutschem Boden betrieben. Und sie will aufklären und Mut machen.

Auf der Rechnung: Zeiss-Markengläser

Anfang 2009 stieg Pierrette Schanen als 20-prozentige Teilhaberin in ein Augenoptikgeschäft in Wasserbillig ein. 50.000 Euro hatte sie dafür zusammengekratzt, verbunden mit großen Träumen. Dass diese aber schneller zerplatzen würden als eine Seifenblase, daran hatte sie im Traum nicht gedacht. Am Ende verlor sie nicht nur ihr Geld (durch die spätere Insolvenz der Gesellschaft), sondern war auch Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. Erste Unregel­mäßigkeiten waren Schanen schon nach drei oder vier Monaten aufgefallen. „Ich habe bemerkt, dass bereits bestellte Gläser storniert wurden, stattdessen Gläser eines anderen Lieferanten auf einmal da waren.“ Das Fatale: Auf der Rechnung standen weiterhin die eigentlich bestellten Zeiss-Markengläser (die in Luxem­burg übrigens große Wertschätzung und einen guten Ruf genießen), in der Fassung aber waren deutlich günstigere. Irritiert stellte sie die Geschäftsführer zur Rede, doch beschwichtigtend wurde ihr zugesichert, dies würde nicht wieder vorkommen. Dass dies wohl nur Worthülsen waren, wurde ihr allerdings schnell klar. Statt dass geprellte Kunden mit neuen Gläsern oder auch finanziell entschädigt wurden, passierte: nichts. Vielmehr seien Kunden schon beim Betreten des Ladens „systematisch gescannt“ und als „Opfer ausgesucht“ worden. „Um das System nicht zu gefährden, wurden Mitarbeiter mit kleinen Geschenken ,gekauft‘“, berichtet Schanen.

Pierette Schanen
Pierrette Schanen sammelte
Beweise gegen ihren
ehemaligen Arbeitgeber
und brachte den
Brillenglasbetrug in
Luxemburg zur Anzeige.
© privat

Während ihrer Aussage nach also fast alle anderen Mitarbeiter die Vorgehensweise deckten, fing Schanen an, Beweise zu sammeln. Auch, weil ihr in einem weiteren Gespräch mit der Geschäftsleitung der Satz „Das kannst Du nie beweisen“ entgegengebracht wurde. Eigentlich hatte Schanen den Druck erhöhen wollen, um endlich ein Einlenken zu erreichen. Doch im Gegenteil: „Ich sollte damit mundtot gemacht werden.“

Mit Beweisen zur Polizei

Doch Schanen wollte nicht schweigen, recherchierte über einen Zeitraum von rund sechs Monaten sogar über das eigene Geschäft hinaus. Auch wenn die Gläser nach einer gewissen Zeit nicht mehr in der eigenen Werkstatt eingeschliffen wurden, sondern in einer Zentralwerkstatt der Gesellschaft, die zeitweise insgesamt 15 Augenoptik­filialen unterhielt. Auf den für den Kunden ausgestellten Brillenpässen wurden weiterhin Zeiss-Gläser ausgewiesen (die im übrigen auch offensiv beworben wurden), ohne dass diese je ihren Weg in die Brille gefunden hätten. Auch bei Krankenkassen sollen die teuren Zeiss-Gläser statt der billigeren Gläser abgerechnet worden sein. Bei Reklamationen zeigte sich das Unternehmen dann sehr großzügig. „Kein Wunder“, findet Schanen, „schließlich haben die Gläser ja auch nur einen Bruchteil dessen gekostet, was auf der Rechnung ausgewiesen wurde.“ Mit den Beweisen in der Hinterhand suchte sie ein letztes Mal das Gespräch – vergeblich.

Schanen blieb keine andere Möglichkeit, als im Oktober 2009 mit ihren gesammelten Beweisen zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. „Ich fand es einfach unverschämt und sah es auch als meine Pflicht an.“ Die Folge: Als Mitarbeiterin wurde sie kurze Zeit später gekündigt. Als Begründung führten die Geschäftsführer an, dass sie „in die Kasse gegriffen“ und sich gegenüber Kunden „frech“ verhalten hätte. „Haltlos und ohne Grundlage“ seien diese Anschuldigungen gewesen. Erst fünfeinhalb Jahre später hatte ein Gericht diese Kündigung für nicht rechtens befunden – zu diesem Zeitpunkt allerdings gab es die Gesellschaft schon gar nicht mehr.
Prozess begann erst nach neun Jahren

Drohungen und Verfolgungen

Erst ein Jahr nach Übergabe der gesammelten Beweise kam es zur Hausdurchsuchung bei der Gesellschaft, bis zum Prozess dauerte es sogar bis 2018. Schon kurz nach der Anzeige sei Schanen zudem über einen Mittelsmann ein hoher Geldbetrag geboten worden sein, damit sie die Anzeige zurücknimmt. „Wenn es mir nur ums Geld gegangen wäre, hätte ich das natürlich annehmen können. Aber ich wollte noch in den Spiegel schauen können. Irgendwann wäre dann vielleicht ein anderer meinen Weg gegangen.“ Im Zuge der Ermittlungen meldete die Augenoptikgesellschaft Insolvenz an, viele ihrer ehemaligen Kollegen verloren ihren Job – und Schanen war für viele die Hauptschuldige. Außerdem fühlte sie sich bedroht und berichtet von Verfolgungen.

Im Prozess führte die Staatsanwaltschaft schließlich rund 2.000 Fälle von betrügerischem Handeln auf. Sie hatte sich aufgrund der Vielzahl der möglichen Geschädigten dazu entschlossen, mit einem öffentlichen Aufruf nach diesen zu suchen. „Viele der Betrugstaten lagen da aber schon zehn Jahre und länger zurück“, sagt Schanen, die daher zwar enttäuscht, aber nicht verwundert war, dass sich keine Geschädigten meldeten und eine Zivil­klage daher nicht zustande kam. Vielmehr aber ist Schanen noch heute darüber empört, dass auch Zeiss keine große Kooperationsbereitschaft zeigte. „Es wurden keine Bestelldaten ans Gericht übermittelt“, erzählt die Augenoptikerin. Natürlich haben wir im Zuge unserer Recherche auch versucht, von Zeiss eine Stellungnahme zu erhalten. In Aalen aber wollte man sich zu diesem Fall nicht äußern. Von den Beschuldigten waren außer ein paar gelöschten Handelsregister-Auszügen keine Spuren zu finden, die uns eine Kontaktaufnahme ermöglicht hätten.

Im Verfahren selber, in dem Schanen als Hauptzeugin aussagte, dann die große Enttäuschung: Lediglich der Hauptangeklagte erhielt eine Bewährungsstrafe von 18 Monaten und zudem eine Geldstrafe in Höhe von 4.000 Euro, die beiden Mitangeklagten wurden freigesprochen. „Lachhaft“ findet Schanen die Strafe, dass die Geschäfte aber in die Insolvenz gingen und die Beschuldigten in Luxemburg keine Augenoptikgeschäfte mehr haben, ist für sie „eine Genugtuung“. Außerdem habe erst diese Geschichte dazu geführt, dass Schanen heute Chef im eigenen Geschäft ist. „Viele meiner ehemaligen Kunden haben die Geschichte natürlich verfolgt und sind mir in mein jetziges Geschäft gefolgt.“ Und hier können sie sicher sein, dass die Gläser in der Fassung sind, die auf der Rechnung stehen. „Ich kannte immer nur Genauigkeit“ – und diese schätzen ihre Kunden. Schließlich ist Wasserbillig klein und hier kennt (fast) jeder jeden.


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