Erstelldatum:  16.05.2018 16:17
Autor: 
Ingo Rütten

Manufaktur von Alles Brille
Die Werkstatt mit den entsprechenden Maschinen macht das Angebot der Test-Gleitsichtgläser bei „AllesBrille“ in Heidelberg erst möglich.
© Swen Carlin

„Probieren Sie mal Gleitsicht“ spornt der Werbeaufsteller der „AllesBrille Manufaktur“ in Heidelberg an, um dann im Detail darüber zu informieren, wie die Kunden zu ihren Test-Gleitsichtgläsern – individualisiert – gelangen und wie teuer das ist. Die 250 Euro für die Testbrille inklusive „abgespeckte“ Freiform-Gleitsichtgläser schrecken wenige Kunden ab, machen aber auch Geschäftsführer Tomas Mandler nicht reich. Sie waren von Beginn der Aktion ohnehin eher als Pfand und Appetitanreger für die eigentlichen Gläser samt Fassung gedacht; was auch funktioniert. Viele der Kunden, die Mandler abseits der 1-a-Lagen Heidelbergs in seinem Betrieb empfängt und berät,
entscheiden sich dafür, die Testbrille zu behalten und eine „richtige“ Gleitsichtbrille dazuzunehmen.

Die Idee mit den in Freiform gefertigten Gleitsichtgläsern zum Test war deswegen realisierbar, weil „Alles­Brille“ in der hauseigenen Manufaktur die Gläser selbst fertigt. Diese Fertigung vor Ort war letztlich die Idee von Roland Mandler, der nicht nur Vater des Geschäftsführers in Heidelberg ist, sondern vor allem seit vielen Jahren die Geschäfte der Optotech Optikmaschinen GmbH in Wittenberg führt. „AllesBrille“ in Heidelberg ist demnach auch Showroom und Prototyp eines Konzeptes, mit dem Optotech interessierte Augenoptiker mit Betrieben in mehr frequentierten Lagen überzeugen möchte.

Etwa fünf Jahre ist es her, dass Mandler senior das Konzept entwickelte, einen Augenoptikbetrieb zu eröffnen, der faire Preise und Transparenz bietet. Diese Idee aber haben etliche Mitbewerber, deswegen stellen die Mandlers auch andere Besonderheiten in den Vordergrund. Zum einen den regionalen Charakter, der zumindest in Heidelberg greift, was vor allem der Fertigung vor Ort und dem Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der Fassungslieferanten zu verdanken ist. Zum anderen drückt die eigene Fertigung der Brillengläser – mit für einen Kunden durchaus imposanten Maschinen – natürlich auch eine gewisse Kompetenz aus. Und nicht zuletzt soll auch das Thema Nachhaltigkeit auf lange Sicht eine bedeutendere Rolle als heute spielen: Optotech bietet für die Produktion von Brillengläsern schon heute eine Baureihe von Maschinen an, die ohne Alloy auskommt, ein Schwermetall, das sonst im Grundwasser versickern kann.

2017 erhielt Optotech den Preis „Hessen Champion“ im Bereich Innovation.

Geräte von Optotech
Tomas Mandler, Sohn des Geschäftsführers
Roland Mandler von Optotech, führt die
Fertigung der Brillengläser vor. ©Swen Carlin

Ein Betrieb wie jener in Heidelberg, der seine Kundschaft mit einer eigenen Fertigung und sehr geringen Wartezeiten überzeugen möchte, gehört eigentlich woanders hin. Für untere Umsatzklassen und Lagen ohne Laufkundschaft dürfte sich das Konzept kaum lohnen, „ab zehn Brillen am Tag wird es interessant“, nennt Tomas Mandler die Zielgröße. „Heute – und in Zukunft noch mehr – erwartet der Kunde, dass er sein Produkt direkt mitnehmen kann, wenn er es kauft. Das gilt auch für die Brille“, sagt Mandler junior. Erfahrene, aber mitunter unzufriedene Gleitsichtbrillenträger nutzen das aus Marketinggründen ins Leben gerufene Angebot, vor allem aber Jung-Presbyope, die direkt vor der ersten Gleitsichtbrille stehen. Die Kunststoff-Testgläser gibt es nur im Index 1,5, nur die Vorderflächen sind vergütet und natürlich dienen sie der Neukunden-­Akquise.

Den fachmännischen Eindruck beim Verkauf vollendet in dem bis zur Werkstatt, die durch ein großes Fenster einzusehen ist, völlig „normalen“ Augenoptikbetrieb eine Tablet-Applikation. Im Beratungsgespräch erklärt und veranschaulicht sie unterschiedliche Glasdesigns, per Knopfdruck kommuniziert sie dann mit der Fertigungsmaschine, so dass die Produktion der (Test-)Gläser sofort starten kann – zumindest in der Theorie, denn praktisch verlangt das kein Kunde und ist das auch eher nicht vernünftig umzusetzen. „Sie ist aber auch als Stand-Alone-Lösung unabhängig vom Kauf einer Maschine über Optotech zu beziehen“, macht der Sohn Werbung für das väterliche Unternehmen. Der Junior ist ehrlich; der Weg, das Konzept an die Augenoptiker heranzutragen, sei ein langer, sagt er. Deswegen
sind die Mandlers zusätzlich seit einigen Jahren auf Messen als Aussteller unterwegs, denn Augenoptiker finden bislang recht selten den Weg in den Showroom nach Heidelberg.

Showroom von Alles Brille
Ein gut aufgeräumter Showroom mit einer
gläsernen Manufaktur. Es könnten ja (doch)
mal interessierte Augenoptiker kommen.
©Swen Carlin

Für die zweite Zielgruppe muss offensichtlich noch ein Lockangebot gefunden werden, so wie es das Test-Gleitsichtglas für die Fehlsichtigen laut Aussage des Chefs bereits ist. Möglicherweise findet sich das in der nachhaltigen Fertigungsweise. 2017 erhielt Optotech den Preis „Hessen Champion“ im Bereich Innovation, weil bei der Fertigung der Optotech-Gläser weder schwermetallhaltige Legierungen noch Kunststoffkleber zur Halterung der Brillengläser verwendet werden. Die neue Haltetechnik bei der Produktion nutzt Luft; die Gläser werden mit einem Vakuumverfahren gehalten und gefertigt. Neben dem Umweltaspekt sei das schneller und letztlich durch eingesparte Arbeitsschritte günstiger.

Vielleicht steht also am Ende der Entwicklungsarbeit eine für die Massenproduktion bewährte neue Fertigungsmethode, die Optotech viele neue Kunden beschert –
möglicherweise lohnt sich dann für einige Augenoptiker der Weg nach Heidelberg zu „AllesBrille“?